Bends

Ein Taucher greift sich nach dem Auftauchen an die schmerzende Schulter, ein zweiter Taucher kümmert sich um ihn.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Bends ist die im Tauchen übliche Kurzbezeichnung für die Glieder- und Gelenkschmerzen bei der Dekompressionskrankheit. Das Wort kommt aus der englischen Fachsprache, steht aber auch in deutschen Quellen. Es benennt ein Leitsymptom, keine eigene Krankheit — und es verführt dazu, einen behandlungsbedürftigen Befund für eine Lappalie zu halten. Genau darum lohnt ein eigener Eintrag.

Was gemeint ist

Das MSD Manual führt die Dekompressionskrankheit mit dem Zusatz „(Senkkasten(Caisson)-Krankheit; lokale Gelenk- oder Muskelschmerzen, sog. Bends)“. Diese Schmerzen ordnet es dem Typ I zu, der „Gelenke, Haut und Lymphgefäße“ betrifft und „milder und typischerweise nicht lebensbedrohlich“ ist. Dazu gehören neben den „Schmerzen in den Gelenken … und gelegentlich in den Muskeln“ auch „Lymphödeme, Hautflecken, Juckreiz und Hautausschlag“.

Wo die Schmerzen sitzen, ist erstaunlich berechenbar: „am häufigsten in den Ellbogen und Schultern“. Wer nach einem Tauchgang einen tiefen, bohrenden Schulterschmerz bekommt, den er sich nicht erklären kann, hat genau das klassische Bild vor sich.

Der Punkt, an dem die Quellen auseinandergehen

Hier muss man genau hinsehen, weil die deutsche Leitlinie bewusst anders einteilt als die internationale Tradition.

Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ kennt die alte Sprachregelung und nennt sie auch: DCS I gilt darin als „bends“, „pain only“, „mild“. Sie selbst verwendet diese Einteilung jedoch nicht, sondern unterscheidet milde und schwere Symptome — und sie sagt ausdrücklich, dass sich ihre „Unterteilung in milde Symptome und schwere Symptome … von den meisten der international gebräuchlichen Klassifikationen“ unterscheidet.

Als milde Symptome führt sie genau zwei: „Auffällige Müdigkeit“ und „Hautjucken“ ohne sichtbare Hautveränderungen. Alles andere zählt sie zu den schweren Symptomen — und in dieser Aufzählung stehen wörtlich die „Gliederschmerzen (‚Bends‘)“, neben Hautflecken, Missempfindungen, Taubheitsgefühlen, subkutaner Schwellung, gürtelförmigen Schmerzen, Lähmungen, Schwindel, Atembeschwerden und Herz-Kreislauf-Problemen.

Das ist der praktisch wichtigste Satz dieses Eintrags: Nach der deutschen Leitlinie ist der reine Gelenkschmerz kein mildes Symptom. Wer sich auf die Einteilung „Typ I, also harmlos“ verlässt, verlässt sich auf eine Systematik, die hierzulande nicht mehr die maßgebliche ist.

Was das für die Erstmaßnahme heißt

Die Leitlinie kennt bei Verdacht auf einen Tauchunfall keine abgestufte Reaktion nach Schmerzstärke. Sie verlangt die „sofortige Atmung von 100 % Sauerstoff oder Atemgas mit dem höchsten verfügbaren Sauerstoffanteil unabhängig von dem während des Tauchens geatmeten Gasgemisch“ — und zwar „ohne Pause bis zum Erreichen der Behandlungsdruckkammer“.

In der Ausbildung sehe ich immer wieder dieselbe Hemmschwelle: Niemand will wegen einer schmerzenden Schulter „Theater machen“. Sauerstoff zu geben kostet nichts außer Füllung, und er ist auch dann richtig, wenn sich der Verdacht am Ende nicht bestätigt.

Der Zeitverlauf gibt einen Hinweis

Das MSD Manual nennt dazu Zahlen: „Die Symptome treten bei ca. 50 % der Patienten innerhalb von einer Stunde und bei 90 % innerhalb von 6 Stunden nach dem Auftauchen an die Oberfläche auf.“ Ein Schmerz, der während oder kurz nach dem Tauchtag beginnt, liegt also mitten im typischen Fenster. Das ist ein Hinweis, kein Ausschlusskriterium — die restlichen zehn Prozent gibt es ebenfalls.

Die gefährlichste Verwechslung

Schultern und Ellbogen sind genau die Gelenke, die beim Tauchen ohnehin belastet werden: Flasche tragen, Jacket schultern, sich über die Bordwand ziehen. Der Gedanke „das ist vom Aufsteigen aufs Boot“ liegt deshalb nahe und ist oft richtig — aber er ist nicht am Boot zu entscheiden.

Meine Regel als Tauchlehrer: Wer nach einem Tauchgang Gliederschmerzen hat, bekommt Sauerstoff und Kontakt zum tauchmedizinischen Notruf, und die Einordnung übernimmt jemand, der dazu ausgebildet ist. Die Risikofaktoren — Kälte, Anstrengung nach dem Tauchgang, Dehydratation, Fliegen nach dem Tauchen — zählt das MSD Manual ausdrücklich auf; sie helfen bei der Einschätzung, ersetzen sie aber nicht.

Was offen bleibt

Zur Wortherkunft von „the bends“ kursieren mehrere Erzählungen aus der Zeit der Caissonkrankheit. Ich habe keine Fundstelle gefunden, die eine davon belegt, und gebe deshalb keine wieder.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen Begriff und ersetzt keine tauchmedizinische Beratung oder Behandlung. Bei Verdacht auf einen Dekompressionsunfall gilt die Leitlinie „Tauchunfall“.

Häufige Fragen

Sind Bends harmlos, weil sie Typ I sind?
Nein. Die Einteilung in Typ I und Typ II stammt aus der internationalen Tradition; die deutsche Leitlinie „Tauchunfall“ verwendet sie nicht und führt „Gliederschmerzen (‚Bends‘)“ ausdrücklich unter den schweren Symptomen. Milde Symptome sind dort nur auffällige Müdigkeit und Hautjucken ohne Hautveränderungen.
Wie unterscheide ich Bends von einer Zerrung?
Am Boot gar nicht zuverlässig. Der zeitliche Zusammenhang mit dem Tauchgang ist ein Hinweis — rund die Hälfte der Fälle beginnt laut MSD Manual innerhalb einer Stunde nach dem Auftauchen —, mehr aber nicht. Die Entscheidung gehört in tauchmedizinische Hände; bis dahin Sauerstoff.
Kann ich nach einem Verdacht auf Bends am selben Tag weitertauchen?
Nein. Ein Verdacht auf eine Dekompressionskrankheit beendet den Tauchtag, und über die Wiederaufnahme entscheidet ein Tauchmediziner, nicht das eigene Gefühl. Auch Anstrengung nach dem Tauchgang führt das MSD Manual als Risikofaktor.

Quellen