Lorrain-Smith-Effekt

Technischer Taucher wartet mit zwei Zusatzflaschen an einer Dekompressionsleine im offenen Blauwasser.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Der Lorrain-Smith-Effekt ist die pulmonale Form der Sauerstoffvergiftung: eine Schädigung des Lungengewebes durch die langdauernde Einwirkung eines erhöhten Sauerstoffpartialdrucks. Anders als der Paul-Bert-Effekt entsteht er nicht in Minuten, sondern über Stunden. Im Sporttauchen spielt er deshalb kaum eine Rolle — in der Druckkammer und beim langen technischen Tauchen sehr wohl.

Was geschieht

Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt den Effekt als „Schädigung der Lunge, die durch die langzeitliche Einwirkung eines erhöhten Sauerstoff-Partialdrucks hervorgerufen wird“ und als „eine Teilform der Sauerstofftoxikose“. ⚠️ Das ist eine Wiki-Quelle; ich führe sie, weil sie die Abgrenzung sauber formuliert, nicht als Beleg für Zahlen.

Der Tauchversicherer aqua med beschreibt den Verlauf konkreter: Er beginne mit „Reizungen des Rachens und gelegentlichem Husten“ und steigere sich zu unkontrolliertem Husten und einem Engegefühl in der Brust. Das Divers Alert Network vergleicht die Lungenform mit einem schweren Grippeverlauf und hält bleibende Schäden für selten.

Der Namensgeber

aqua med schreibt: „Die Schädigung der Lunge wird auch als ,Lorrain-Smith-Effekt‘ bezeichnet. Benannt wurde der Effekt nach dem britischen Arzt James Lorrain Smith (1862–1931).“ Die deutschsprachige Wikipedia führt dieselben Lebensdaten.

Diese Zuordnung ist der Grund, warum dieser Eintrag entstanden ist: Der Name wird in Kursunterlagen oft genannt, aber selten belegt. In unserem Eintrag Hyperoxie steht deshalb bis heute der Vorbehalt, dass sich keine Fundstelle gefunden habe, die den Namen ausdrücklich der Lungenform zuordnet. Mit dem Artikel von aqua med ist dieser Vorbehalt erledigt.

Wie lange ist „lang“? Die Quellen gehen auseinander

Hier lohnt es sich, genau hinzusehen, statt eine Zahl zu setzen:

  • aqua med nennt „längere Expositionszeiten von Sauerstoff oder sauerstoffreichen Gemischen (> 24 h)“ und führt 0,5 bar als tolerierbare Obergrenze für die Dauerbelastung.
  • DAN nennt als häufigste Ursache der Lungenform lange Rekompressionsbehandlungen — die dauern Stunden, nicht Tage.
  • Wikipedia nennt überhaupt keinen Schwellenwert, sondern nur „Langzeiteinwirkung“.

⚠️ Die drei Angaben lassen sich nicht auf eine Zahl bringen, und ich versuche es hier auch nicht. Festhalten lässt sich nur die Größenordnung: Es geht um Stunden bis Tage — nicht um die Minuten, in denen der Paul-Bert-Effekt zuschlägt.

Die Buchführung

Für die beiden Formen der Sauerstoffvergiftung führt man getrennt Buch. Die zentralnervöse Belastung wird über die CNS-Uhr verfolgt, die pulmonale über die OTU. Wer mit hohen Sauerstoffanteilen in der Dekompression arbeitet, kommt an dieser zweiten Rechnung nicht vorbei; siehe auch Sauerstoffdekompression.

Wen es überhaupt betrifft

Nach aller Praxis — und darin sind sich die Quellen einig — trifft die Lungenform nicht den Sporttaucher mit zwei Tauchgängen am Tag. Betroffen sind:

  • Patienten in der hyperbaren Sauerstofftherapie und Taucher während langer Behandlungen in der Druckkammer,
  • technische Taucher mit langen Dekompressionszeiten auf sauerstoffreichen Gemischen,
  • Kreislaufgerätetaucher, die über viele Stunden mit einem festen Sauerstoff-Sollwert unterwegs sind,
  • das Sättigungstauchen im Berufsbereich.

Für die allermeisten Taucher ist der Lorrain-Smith-Effekt also ein Begriff, den man kennen sollte, um ihn richtig einzuordnen — nämlich als das, was der Paul-Bert-Effekt nicht ist.

Betrifft das Sporttaucher überhaupt?
Praktisch nicht. Die genannten Expositionen — aqua med spricht von mehr als 24 Stunden, DAN von langen Rekompressionsbehandlungen — kommen im Sporttauchen nicht vor. Wer allerdings über Tage hinweg viele Tauchgänge mit sauerstoffreichen Gemischen macht, bewegt sich in die Richtung, in der die OTU-Rechnung sinnvoll wird.
Was ist der Unterschied zum Paul-Bert-Effekt?
Organ und Zeitachse. Der Paul-Bert-Effekt trifft das Zentralnervensystem, entsteht innerhalb von Minuten bei hohem Partialdruck und endet im schlimmsten Fall im Krampfanfall. Der Lorrain-Smith-Effekt trifft die Lunge und entsteht über Stunden bis Tage, auch bei deutlich niedrigerem Partialdruck. Die Wikipedia formuliert es so, dass die Symptome „im Gegensatz zum Paul-Bert-Effekt erst nach Langzeiteinwirkung“ eintreten.
Bleiben Schäden zurück?
DAN beschreibt die Lungenform als etwas, das sich anfühlt wie ein schwerer Grippeverlauf, und hält bleibende Schäden für selten. Das ist eine Einordnung, keine Garantie — über den Einzelfall entscheidet ein Arzt, nicht ein Lexikoneintrag.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Fachbegriff. Er ersetzt keine ärztliche Beratung und keine tauchmedizinische Untersuchung.

Quellen