Lichtbrechung unter Wasser

Taucher greift dicht über dem Sandgrund nach einem kleinen Gegenstand und fasst knapp daneben.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die Lichtbrechung unter Wasser ist die Richtungsänderung, die ein Lichtstrahl beim Übergang zwischen Wasser, Maskenglas und dem Luftraum der Tauchmaske erfährt. Sie ist der Grund, warum du unter Wasser überhaupt scharf siehst — und zugleich der Grund, warum alles größer und näher wirkt, als es tatsächlich ist.

Warum das Auge ohne Maske versagt

Das Auge ist auf den Übergang von Luft auf Hornhaut gebaut. Genau dort findet der größte Teil der Bündelung statt. Liegt statt Luft Wasser an der Hornhaut an, fällt dieser Beitrag fast vollständig weg, weil Hornhaut und Wasser Licht ähnlich stark brechen — das Bild entsteht weit hinter der Netzhaut, und du siehst verschwommen.

Die Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) beschreibt die Lösung genau so: Die Maske stellt „die gewohnte Grenzfläche Hornhaut-Luft durch eine plane Glasscheibe“ wieder her. Der Luftraum vor den Augen ist also kein Zubehör, sondern der eigentliche Zweck der Maske.

Die zugrundeliegende Physik ist das Brechungsgesetz von Snellius: n1 · sin α1 = n2 · sin α2. Die GTÜM nennt die beiden Brechungsindizes, auf die es ankommt: 1,33 für Wasser und 1,0 für Luft.

Ein Drittel größer, ein Viertel näher

Aus diesem Sprung zwischen den Brechungsindizes folgt der bekannteste Effekt. Die GTÜM formuliert ihn so: Es „erscheinen alle Gegenstände im Wasser um 1/3 vergrößert oder bei räumlichem Sehen um 1/4 näher“.

Beides ist dieselbe Zahl von zwei Seiten gesehen: Der Faktor 1,33 entspricht einer Vergrößerung um ein Drittel, sein Kehrwert 0,75 einer Verkürzung der scheinbaren Entfernung um ein Viertel. ⚠️ Diese Umrechnung ist meine eigene Rechnung; die GTÜM nennt beide Werte, ohne sie ausdrücklich ineinander umzurechnen.

Das Gesichtsfeld schrumpft

Der Preis für den Luftraum vor den Augen ist die Seitensicht. Die GTÜM beziffert das maximale Gesichtsfeld durch eine Tauchmaske mit „2x 48° = 96°“, während das horizontale Gesichtsfeld eines Menschen über Wasser „normalerweise über 130°“ liegt — im Wasser ist es „um ¼ kleiner als über Wasser“. Lichtstrahlen, die in einem „größeren Winkel als ca. 48°“ auftreffen, werden vollständig zurückgeworfen; das ist die Totalreflexion, die man als spiegelnden Rand im Maskenglas sieht.

Das erklärt, warum Taucher unter Wasser den Kopf mehr bewegen als an Land — und warum ein Partner, der seitlich neben dir schwimmt, schlicht nicht im Bild ist.

Was das in der Praxis bedeutet

  • Du greifst daneben. Beim ersten Griff nach einem Gegenstand am Grund landet die Hand meist zu nah. Nach ein paar Tauchgängen stellt sich das um — die Korrektur ist Gewöhnung, nicht Rechnen.
  • Fische wachsen um ein Drittel. Der berichtete Zackenbarsch ist mit großer Wahrscheinlichkeit kleiner gewesen. Wer Größen schätzen will, nimmt einen bekannten Maßstab ins Bild — eine Flasche, eine Handbreit.
  • Entfernungen werden unterschätzt. Das schlägt auf jede Schätzung durch, die auf Sicht beruht. Bei der Koppelnavigation wird Strecke deshalb über Flossenschläge oder Zeit gemessen, nicht über den Augenschein.
  • Die Kamera macht es genauso. Eine plane Frontscheibe wirkt für das Objektiv wie das Maskenglas für dein Auge — das Bild wird enger und die Motive scheinbar größer. Es ist dieselbe Physik, nicht ein zweiter Effekt.

In der Ausbildung lasse ich das gern einmal ausprobieren, statt es zu erklären: einen Gegenstand bekannter Länge auf den Grund legen, schätzen lassen, danach messen. Der Wert wird fast immer zu groß genannt.

Nicht verwechseln: Brechung, Absorption, Streuung

Dass es mit der Tiefe dunkler wird und die Farben verschwinden, hat mit der Lichtbrechung nichts zu tun. Die GTÜM nennt dafür die Absorption — Lichtwellen werden von Schwebeteilchen aufgenommen, „was zu einer raschen Helligkeitsabnahme mit zunehmender Wassertiefe führt“. Brechung ändert die Richtung des Lichts, Absorption und Streuung seine Menge und seine Zusammensetzung. Wer Farben zurückholen will, braucht deshalb eine Tauchlampe und keine andere Maske.

Warum sehe ich ohne Maske unscharf und mit Maske scharf?
Weil das Auge den Übergang Luft-Hornhaut zur Bündelung braucht. Liegt Wasser an der Hornhaut an, fällt dieser Beitrag weitgehend weg. Die Maske bringt den Luftraum zurück — die GTÜM spricht davon, dass sie „die gewohnte Grenzfläche Hornhaut-Luft durch eine plane Glasscheibe“ wiederherstellt.
Um wie viel größer erscheint ein Gegenstand?
Nach Angabe der GTÜM um ein Drittel — oder, räumlich betrachtet, um ein Viertel näher. Beides folgt aus dem Brechungsindex des Wassers von 1,33 gegenüber 1,0 für Luft. Faustregel für unterwegs: Was du siehst, durch vier teilen und einmal abziehen.
Gilt der Effekt auch für Unterwasserkameras?
Ja, sofern das Gehäuse eine plane Frontscheibe hat — es ist dieselbe Grenzfläche und dieselbe Physik. Der Bildwinkel wird enger, die Motive erscheinen größer. Deshalb arbeiten Unterwasserfotografen mit sehr weitwinkligen Objektiven und gehen näher an das Motiv heran, als es an Land nötig wäre.

Quellen

  • GTÜM: Sehen — Brechungsindizes 1,33 und 1,0, Vergrößerung um 1/3 und scheinbare Nähe um 1/4, Gesichtsfeld 2 × 48°, Totalreflexion, Absorption.