Mittelohr

Taucher an einer Abstiegsleine fuehrt beim Abtauchen den Druckausgleich durch und haelt sich dabei die Nase zu.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Das Mittelohr ist der luftgefüllte Raum zwischen Trommelfell und Innenohr, der die Paukenhöhle mit den drei Gehörknöchelchen enthält und nur über die Ohrtrompete belüftet wird. Weil seine Wände knöchern sind und sich nicht zusammendrücken lassen, ist es der Hohlraum, in dem Taucher am häufigsten einen Druckschaden erleiden — noch vor Nasennebenhöhlen, Zähnen und Lunge.

Was im Mittelohr sitzt

Den größten Teil nimmt die Paukenhöhle (Cavum tympani) ein, ein pneumatisierter Hohlraum im Felsenbein. Darin liegt die Kette aus Hammer, Amboss und Steigbügel: Der Hammergriff ist mit dem Trommelfell verwachsen, die Steigbügelfußplatte sitzt beweglich im ovalen Fenster zum Innenohr. Das DocCheck Flexikon nennt das Mittelohr deshalb einen mechanischen „Impedanzwandler“ — es überträgt den Schall aus der Luft in die Flüssigkeit der Hörschnecke.

Zum Nasenrachen führt die Ohrtrompete (Tuba auditiva). Über ihre Länge gehen die Angaben auseinander: aqua med nennt 30 bis 35 Millimeter, der HNO-Arzt Michael Schröckenfuchs rund vier Zentimeter. Wichtiger als der Zentimeter ist ihr Ruhezustand: Sie ist physiologisch kollabiert und öffnet sich beim Abtauchen nicht von selbst.

Warum gerade dieser Hohlraum

Das Lehrbuch für Forschungstaucher von König und Lipp teilt die tauchrelevanten Hohlräume in einen elastischen — die Lunge — und solche mit starren Wandungen: Ohr, Nasennebenhöhlen, Zähne. Dazu kommen die künstlichen Hohlräume von Maske und Trockenanzug. Für das Mittelohr heißt das: Wenn der Umgebungsdruck beim Abstieg steigt, kann es sein Volumen nicht verkleinern. Der Tauchmediziner Christoph Klingmann zählt auf, was dann stattdessen geschieht — das Trommelfell wölbt sich nach innen, Gewebeflüssigkeit tritt in die Pauke aus, es kommt zur Einblutung, und jenseits einer gewissen Dehnung reißt das Trommelfell ein.

König und Lipp nennen das Unterdruckbarotrauma des Mittelohrs „die Taucherkrankheit, von der die Taucher am häufigsten betroffen werden“. Auf die Bezeichnung ist zu achten: Dieselbe Verletzung heißt bei ihnen Unterdruckbarotrauma — bezogen auf den relativen Unterdruck im Mittelohr —, in einer Berliner Dissertation dagegen Überdruckbarotrauma, bezogen auf den erhöhten Umgebungsdruck. Gemeint ist beide Male der Abstieg.

Der Abstieg: Barotitis media

Gelingt der Druckausgleich nicht, entsteht ein Teufelskreis, den Schröckenfuchs knapp beschreibt: „Durch den Unterdruck in der Paukenhöhle schwillt auch die Schleimhaut der Tube an, wodurch der Druckausgleich weiter verschlechtert wird!“ Je länger die Druckdifferenz besteht, desto größer der Schaden.

Zu der Schwelle, ab der sich die Tube aktiv nicht mehr öffnen lässt, liegen zwei Zahlen vor, die nicht deckungsgleich sind. König und Lipp schreiben unter dem Stichwort „Tubenblock“: „Ab einer Druckdifferenz von etwa 100 mbar (= 1 m WS) werden die Tubenlippen so stark aufeinander gepresst, dass sie sich durch Muskelzug nicht mehr öffnen lassen.“ Die Charité-Dissertation von Robert Garnew nennt für die aktive Öffnung durch Schlucken, Kauen oder Valsalva eine Grenze von „ca. 90 mmHg“ — das sind rund 120 mbar. Die Größenordnung ist bei beiden dieselbe: etwa ein Meter Wassersäule, also die ersten Meter des Abstiegs. Für das Reißen des Trommelfells geben König und Lipp Druckdifferenzen über 0,15 bar an, meist ab 0,3 bar, und merken an, dass die Schwelle mit dem Alter sinkt.

Der Aufstieg: die Umkehrblockade

Seltener, aber tückischer ist das Problem beim Auftauchen. Ist die Ohrtrompete verlegt, kann die sich ausdehnende Luft nicht entweichen; das Trommelfell wölbt sich nach außen, Steigbügelfußplatte und rundes Fenster werden ins Innenohr gedrückt. Schröckenfuchs nennt als häufigste Auslöser abschwellende Nasentropfen vor dem Tauchgang und Druckausgleichsprobleme, die es schon beim Abstieg gab.

Hier hilft ausgerechnet das bekannteste Manöver nicht: Valsalva presst weitere Luft ins Mittelohr und verschärft den Überdruck. Richtig ist, wieder etwas abzutauchen, bis der Schmerz nachlässt, das Toynbee-Manöver zu versuchen — Nase zuhalten und schlucken — und andernfalls den Unterkiefer weit vorzuschieben und unter kauenden Bewegungen langsam aufzusteigen. Schröckenfuchs weist zudem darauf hin, dass ein Valsalva am Ende des Tauchgangs bei einem offenen Foramen ovale ein Dekompressionsgeschehen begünstigen kann.

Wenn das Trommelfell reißt

Der stechende Schmerz lässt schlagartig nach — und genau dann wird es gefährlich. Kaltes Wasser strömt ins Mittelohr und reizt den horizontalen Bogengang. Klingmann beschreibt die Folge: Drehschwindel durch den kalorischen Reiz, Orientierungsverlust, Gefahr eines panikartigen Aufstiegs, und wenn dabei nicht ausgeatmet wird, ein Barotrauma der Lunge. Der Schwindel lässt in der Regel nach etwa einer Minute nach, wenn sich das eingedrungene Wasser erwärmt hat. Wer das weiß, hält sich fest, atmet und wartet — statt aufzusteigen.

Was ich in der Ausbildung dazu sage

Die Regeln sind kurz und stehen so auch bei DAN und bei König/Lipp: früh und häufig ausgleichen, schon an der Oberfläche beginnen, nie erzwingen, fußwärts abtauchen, an der Leine langsam absteigen. Bei Ohrenstechen sofort den Abstieg stoppen, ein Stück aufsteigen, das Problemohr nach oben drehen und erneut versuchen. Gelingt es nicht, wird der Tauchgang abgebrochen. Dovenbarger bringt es in einem Satz unter: „Schmerzen während eines Tauchganges sind nicht normal.“ Ohrstöpsel gehören nicht ins Wasser — hinter ihnen kann kein Druckausgleich stattfinden, und nach Schröckenfuchs treten schon in knapp zwei Metern starke Schmerzen auf.

Erkältung und abschwellende Nasenmittel

Dass man mit verstopfter Nase nicht taucht, ist unstrittig. Beim Umgang mit abschwellenden Mitteln gehen die Empfehlungen dagegen weit auseinander, und das sollte man wissen, bevor man jemandem etwas rät:

  • Die deutschsprachige Tauchmedizin rät ab. Schröckenfuchs: „Keine abschwellenden Nasentropfen vor dem Tauchen.“ König und Lipp begründen es mit der nachlassenden Wirkung während des Tauchgangs, die gerade beim Austauchen zum Barotrauma führt. Klingmann geht am weitesten: keine Nasentropfen bis zwölf Stunden vor dem Tauchen.
  • Das MSD Manual empfiehlt das Gegenteil — eine Prophylaxe mit Oxymetazolin 0,05 %, zweimal täglich zwei Sprühstöße je Nasenloch, beginnend 12 bis 24 Stunden vor dem Tauchgang.
  • DAN steht dazwischen: nur tauchen mit abschwellenden Mitteln, wenn sie den Druckausgleich erleichtern — nicht, wenn sie die einzige Möglichkeit sind, ihn überhaupt durchzuführen, und nur nach einem Test an Land.

Auch die Tauchpause nach einem Ereignis wird unterschiedlich bemessen: König und Lipp nennen rund zwei Wochen, bei Trommelfellriss ein bis zwei Monate; Klingmann hält bei leichter Rötung sofortiges Weitertauchen für möglich, bei Einblutung ein bis zwei Wochen und nach Verschluss eines Risses mindestens sechs Wochen.

Zur Einteilung der Trommelfellbefunde kursiert im angloamerikanischen Raum die Klassifikation nach Teed, allerdings in mindestens zwei Fassungen: Schröckenfuchs führt vier Stadien, die Charité-Dissertation die Grade 0 bis 5. Klingmann hält solche Einteilungen im deutschen Raum für nicht durchgesetzt und empfiehlt stattdessen die schlichte Beschreibung des Befundes.

Dieser Eintrag ersetzt keine tauchmedizinische Beratung. Bei Ohrenschmerzen, Hörminderung, Schwindel oder Ausfluss nach einem Tauchgang gehört der Befund zu einem Arzt mit tauchmedizinischer Erfahrung.

Quellen

Wie lange darf ich nach einem Trommelfellriss nicht tauchen?
Dazu gehen die Angaben auseinander. König und Lipp nennen ein bis zwei Monate. Christoph Klingmann von der Tauchersprechstunde nennt mindestens sechs Wochen nach spontanem oder operativem Verschluss, bei bloßer Einblutung ins Mittelohr ein bis zwei Wochen und bei leichter Rötung des Trommelfells gar keine Pause. Entschieden wird das am Befund, nicht am Kalender — also beim HNO-Arzt.
Warum hilft Valsalva beim Auftauchen nicht?
Weil beim Aufstieg der Druck im Mittelohr zu hoch ist, nicht zu niedrig. Valsalva presst zusätzliche Luft hinein und verschärft damit genau das Problem. Bei einer Umkehrblockade rät Schröckenfuchs, etwas abzutauchen, bis der Schmerz nachlässt, dann das Toynbee-Manöver zu versuchen — Nase zuhalten und schlucken — und andernfalls den Unterkiefer vorzuschieben und unter kauenden Bewegungen langsam aufzusteigen.
Darf ich mit Ohrstöpseln tauchen?
Nicht mit gewöhnlichen Schwimmstöpseln. Das MSD Manual formuliert es knapp: Der Druck hinter Ohrstöpseln kann nicht ausgeglichen werden, deshalb sollten sie zum Tauchen nicht benutzt werden. Schröckenfuchs beschreibt die Folge — bei abgedichtetem Gehörgang treten schon in knapp zwei Metern starke Schmerzen auf, und ein vorgeschädigtes Trommelfell kann dabei einreißen.