Korallenbleiche

Ausgebleichtes tropisches Flachwasserriff: kalkweiße Tisch- und Geweihkorallen, dazwischen einzelne noch gefärbte Kolonien
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die Korallenbleiche ist der Verlust der Färbung eines Korallenstocks: Die Koralle stößt die einzelligen Algen ab, die in ihrem Gewebe leben und ihr die Farbe geben, und das weiße Kalkskelett scheint durch das dann durchsichtige Gewebe hindurch. Auslöser ist in der Regel zu warmes Wasser. Eine gebleichte Koralle ist noch nicht tot — aber sie lebt von ihren Reserven, und die reichen nicht lange.

Was im Korallenstock passiert

Riffbildende Korallen leben in Symbiose mit einzelligen Algen in ihrem Gewebe. Die Algen betreiben Fotosynthese und liefern der Koralle den größten Teil ihrer Energie; sie geben dem Stock zugleich seine braunen, grünen und gelblichen Farbtöne. Bleibt das Wasser über längere Zeit zu warm, gerät diese Fotosynthese aus dem Takt, und die Koralle trennt sich von ihren Mitbewohnern. Zurück bleibt durchsichtiges Gewebe über weißem Kalk.

Die Schwelle ist erstaunlich eng. NOAA Coral Reef Watch rechnet mit einem Grad Celsius über dem wärmsten Monatsmittel eines Riffs — nicht über dem Jahresmittel, sondern über dem, was dieses Riff im heißesten Monat ohnehin gewohnt ist. Was darüber liegt, zählt als Wärmebelastung. Was im Eintrag zum Korallenriff über Riffbau und Standortansprüche steht, hat hier seine Kehrseite: Dieselbe Enge des Temperaturfensters, die Riffe auf wenige Breiten beschränkt, macht sie gegen eine Erwärmung so empfindlich.

Wie Wärmebelastung gemessen wird

Die gebräuchliche Messgröße heißt Degree Heating Weeks (DHW), zu Deutsch Gradheizwochen. NOAA Coral Reef Watch bildet zunächst den sogenannten HotSpot als Differenz zwischen der gemessenen Oberflächentemperatur und dem wärmsten Monatsmittel. Alle HotSpot-Werte von einem Grad und darüber werden anschließend über zwölf Wochen aufsummiert. Das Ergebnis trägt die Einheit Grad-Celsius-Wochen.

Die beiden Marken, auf die es ankommt, nennt NOAA selbst: Oberhalb von vier Grad-Celsius-Wochen ist mit einer Bleiche im ganzen Riff zu rechnen, zuerst bei den empfindlicheren Arten. Oberhalb von acht Grad-Celsius-Wochen kommt zur flächigen Bleiche das Absterben der wärmeempfindlichen Korallen hinzu.

Daraus leitet sich die Warnstufenleiter ab, die jeder nachsehen kann, der eine Reise plant:

  • Bleaching Watch — die Temperatur liegt über dem wärmsten Monatsmittel, aber weniger als ein Grad darüber
  • Bleaching Warning — mindestens ein Grad darüber, aber noch unter vier Grad-Celsius-Wochen
  • Alert Level 1 — vier bis unter acht Grad-Celsius-Wochen
  • Alert Level 2 — acht bis unter zwölf
  • Alert Level 3 — zwölf bis unter sechzehn
  • Alert Level 4 — sechzehn bis unter zwanzig
  • Alert Level 5 — zwanzig und darüber

Die drei obersten Stufen gibt es erst seit Dezember 2023. Bis dahin endete die Leiter bei Alert Level 2, und sie endete dort, weil niemand mit mehr gerechnet hatte. Die Wärmebelastung des Jahres 2023 hat die Skala nach oben gesprengt und NOAA zur Erweiterung veranlasst.

Weltweite Bleichereignisse

Von einem globalen Bleichereignis wird gesprochen, wenn in allen drei großen Ozeanbecken gleichzeitig Riffe bleichen. Das laufende Ereignis begann im Februar 2023. NOAA bestätigte es im April 2024 als das vierte dieser Art. Im April 2025 teilte die International Coral Reef Initiative mit, dass rund 84 Prozent der weltweiten Riffflächen betroffen seien und Riffe in den Gewässern von mindestens 82 Staaten und Gebieten genug Wärmebelastung erfahren hätten, um zu bleichen. Zum Vergleich: Beim vorangegangenen Ereignis von 2014 bis 2017 waren es rund 67 Prozent.

Die Sorge, die Fachleute der International Coral Reef Society dazu äußern, ist nicht die einzelne Hitzewelle, sondern der Abstand zwischen ihnen: Wenn die Wassertemperaturen gar nicht mehr unter die Bleichschwelle zurückfallen, fehlt den Riffen die Erholungszeit.

Was ein Taucher davon sieht — und was er tun kann

Eine frisch gebleichte Koralle ist leuchtend weiß, und die Struktur des Stocks ist unversehrt. Stirbt sie, überzieht sie sich innerhalb von Wochen mit einem bräunlich-grünen Algenfilm und verliert ihre feine Zeichnung. Der Unterschied zwischen beiden Zuständen ist unter Wasser gut zu erkennen und sagt, ob das Riff noch eine Chance hat.

Praktisch heißt das: nicht anfassen. Eine gebleichte Koralle lebt von ihren Reserven, und jede mechanische Verletzung kostet sie zusätzlich Energie, die sie gerade nicht hat. Als Tauchlehrer achte ich in solchen Phasen besonders auf die Tarierung der Gruppe und lege Übungen, die Bodenkontakt mit sich bringen, an eine sandige Stelle. Wer eine Reise plant, kann die aktuellen Warnstufen und die Vorhersagen von NOAA Coral Reef Watch für sein Zielgebiet vorab ansehen — dieselben Karten, aus denen die Zahlen oben stammen.

Ist eine gebleichte Koralle tot?
Nein. Sie hat ihre symbiotischen Algen verloren und damit den größten Teil ihrer Energieversorgung, lebt aber weiter. Lässt die Wärmebelastung rechtzeitig nach, kann sie die Algen wieder aufnehmen. Hält sie an, folgt das Absterben — NOAA setzt diese Schwelle bei acht Grad-Celsius-Wochen an.
Warum zählt nicht einfach die Wassertemperatur?
Weil Korallen an ihren Standort angepasst sind. Ein Riff im Roten Meer verträgt dauerhaft Temperaturen, bei denen ein Riff vor Indonesien längst bleicht. Der Bezugspunkt ist deshalb immer das wärmste Monatsmittel des jeweiligen Riffs, und erst was ein Grad darüber liegt und sich über Wochen summiert, zählt als Belastung.
Kann ich als Taucher etwas melden?
Beobachtungen aus dem Wasser sind für die Riffüberwachung gefragt, weil Satelliten die Temperatur messen, nicht den Zustand der Korallen. Welches Meldeprogramm in einem Gebiet läuft, fragt man am besten bei der örtlichen Basis oder der Verwaltung des Schutzgebiets — die Programme wechseln von Region zu Region.

Quellen

Zur Quellenlage: Die Messgrößen und Warnstufen stammen unmittelbar von der Stelle, die sie berechnet. Die Anteilszahlen von 84 und 67 Prozent sowie die Angabe von mindestens 82 Staaten und Gebieten sind über eine enzyklopädische Quelle zugänglich, die ihrerseits auf die Mitteilung der International Coral Reef Initiative verweist; der Wortlaut dieser Mitteilung liegt diesem Eintrag nicht zugrunde. Alle Angaben zum laufenden Ereignis haben den Stand jener Mitteilung vom April 2025.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.