Rettungsschere

Rettungsschere fuer Taucher mit breiten stumpfen Spitzen, abgewinkelten Edelstahlblaettern und schwarzen Kunststoffgriffen auf einer Neoprenplatte.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die Rettungsschere ist ein Schneidwerkzeug mit zwei stumpf endenden, gewinkelten Blättern, das aus dem Rettungsdienst stammt und beim Tauchen neben Tauchermesser und Leinenschneider als dritte Werkzeugart getragen wird. Sie schneidet, was zwischen die Blätter passt — und das sind gerade die Materialien, an denen eine Klinge am häufigsten scheitert.

Woher sie kommt und wie sie gebaut ist

Im englischen Sprachgebrauch heißt sie trauma shears oder EMT shears; im Rettungsdienst dient sie dazu, Kleidung von Verletzten zu schneiden, ohne sie zu verletzen. Die englische Wikipedia beschreibt dafür zwei Konstruktionsmerkmale. Die breite, stumpfe Spitze ist darauf angelegt, über die Haut zu gleiten — „wide, blunt tip on the shears is designed to slide across skin“. Und das Blatt ist „traditionally bent at about 150 degrees“ abgewinkelt, woraus das ungewöhnliche Aussehen folgt. Dazu kommt ein längerer Hebelarm als bei einer gewöhnlichen Schere, ein Kunststoffgriff und ein Metallblatt.

Dieselbe Darstellung ordnet der Bauweise eine robuste Ausführung zu, die auch Sicherheitsgurte, Leder und Jeansstoff sowie dünnes Blech durchtrennt, und hält fest, dass die Schere „increasingly being used by fishermen, soldiers and scuba divers as safer alternatives to knives“ wird. Sie sei ausdrücklich für den äußeren Gebrauch bestimmt und nicht für chirurgische Eingriffe geeignet.

Was sie schneidet, was ein Messer nicht schneidet

Für das Tauchen ist der entscheidende Punkt nicht das Schneiden von Kleidung, sondern das von Angelzeug. Die Tauchzeitschrift Undercurrent nennt den Vorzug konkret: Eine gute Rettungsschere könne „large-diameter monofilament, spider wire and steel leaders“ schneiden, also starkes Monofil, geflochtene Schnur und Stahlvorfächer — Material, das „can be a challenge for a knife“. Als Anschauungsmaß für die Durchschlagskraft führt dieselbe Darstellung an: „Good EMT shears can cut a penny in half.“

Darin liegt die Arbeitsteilung mit den beiden anderen Werkzeugen. Der Leinenschneider deckt dünne Leine und Netzgarn ab, solange sich das Material in den Schlitz führen lässt. Die Schere greift dort, wo das Material zu dick, zu glatt oder zu zäh für eine ziehende Schneide ist — weil sie es zwischen zwei Schneiden einklemmt, statt daran vorbeizuziehen. Genau deshalb kommt sie auch mit Gurtband und Stahlvorfach zurecht.

Wo sie aufhört

Undercurrent nennt drei Grenzen, und alle drei sind handfest. Erstens das Maß: „Large-diameter ropes may be too thick for a pair of shears“, dafür sei ein Messer das bessere Werkzeug. Zweitens der Zugang — ein Messer „can sometimes slip into places that are awkward for a pair of shears“, weil die beiden Blätter Platz brauchen. Drittens das, was eine Schere grundsätzlich nicht kann: Hebeln und Sägen, beides führt dieselbe Darstellung als Messeraufgaben.

Die Schwachstelle der Schere selbst ist das Gelenk. Dazu ist der Befund von Undercurrent ungewöhnlich deutlich: „Hinge pins on EMT shears eventually rust and break, even on the most expensive models, so many divers buy several inexpensive pairs at once.“ Die Niete rostet und bricht also auch bei teuren Modellen, weshalb viele Taucher mehrere günstige Paare gleichzeitig kaufen. Eine Herstellerangabe aus dem Rettungstauchhandel verspricht für eine fluoridbeschichtete Schere aus 420er Edelstahl das Gegenteil — „If taken care of, they will not rust“ —, was eine Werbeaussage ist und keine unabhängige Prüfung.

Wo sie sitzt

DAN zählt die Rettungsschere zu den Werkzeugen, die das große feststehende Messer bei vielen Sporttauchern verdrängt haben: Es sei „now common to see recreational divers choosing standalone mini line cutters, trauma shears, scissor knives, or folding pocketknives“. Für den Trageort gilt dort dasselbe wie für jedes Schneidwerkzeug. Oberschenkel und Wade sind aus der Mode, weil sie hängenbleiben und abgeworfene Bleigürte einfangen; verbreitet sind Jackettasche, Hüftgurt, Schultergurt, Inflatorschlauch und Unterarm. Der Hüftgurt gibt beiden Händen gleichen Zugriff und lässt sich im Blick behalten.

Die Prüfbedingung formuliert DAN als Anforderung an die Halterung: erreichbar „even if one arm is restricted, entangled, or occupied“. Als Halterungsarten nennt dieselbe Darstellung Klettband, Druckentriegelung, Klemmverschluss und formangepasste Schalen, mit dem Rat, eine zu wählen, die sicher hält. Für die Rettungsschere kommt ein eigener Gesichtspunkt hinzu: Sie ist lang und sperrig, und sie muss sich mit Handschuhen nicht nur ziehen, sondern auch wieder einstecken lassen — eine Scherenhalterung, die nur in eine Richtung funktioniert, hat man unter Wasser genau einmal benutzt.

Und für die Pflege gilt der Satz, mit dem DAN seinen Beitrag zuspitzt, bei der Schere wegen des Gelenks doppelt: Der Notfall sei nicht der Augenblick, um festzustellen, dass ein Werkzeug „rusted shut or adhered to its sheath“ ist — „Don’t hope it works — make sure it works.“

Als Tauchlehrer rate ich zur Rettungsschere als Zweitwerkzeug, nicht als Erstwerkzeug: erst der Leinenschneider, weil er mit einer Hand und ohne Hinsehen arbeitet, und dann die Schere für das, was in keinen Schlitz passt. Beide gehören an verschiedene Stellen des Oberkörpers. Und weil das Gelenk das Verfallsdatum vorgibt, prüfe ich die Schere nicht nach Jahren, sondern bei jeder Ausrüstungskontrolle: einmal auf und zu, und wenn es hakt, kommt sie weg.

Rettungsschere oder Tauchermesser — was ist besser?
Keines von beiden ersetzt das andere. Die Schere ist nach Undercurrent dem Messer bei starkem Monofil, geflochtener Schnur und Stahlvorfach voraus; das Messer ist ihr bei dicken Tauen, engen Stellen sowie beim Hebeln und Sägen voraus. Wer an Wracks oder in Netznähe taucht, nimmt beides mit — und an verschiedenen Stellen, damit ein eingeklemmter Arm nicht beide Werkzeuge sperrt.
Taugt eine Rettungsschere aus der Apotheke?
Für den Zweck ja, für die Haltbarkeit mit Einschränkung. Undercurrent hält fest, dass es Rettungsscheren in den meisten Drogerien gibt, und empfiehlt stumpf endende Scheren aus Edelstahl. Dieselbe Darstellung nennt aber das Gelenk als die Stelle, die auch bei teuren Modellen rostet und bricht — der Preis verschiebt das Problem, er löst es nicht. Deshalb der dort beschriebene Umgang vieler Taucher: mehrere günstige Scheren und regelmäßiger Austausch.
Warum stumpfe Spitzen?
Weil das Werkzeug aus dem Rettungsdienst kommt, wo es Kleidung direkt auf der Haut schneidet. Die englische Wikipedia beschreibt die breite, stumpfe Spitze als darauf angelegt, über die Haut zu gleiten. Unter Wasser zahlt sich dasselbe Merkmal gegenüber Trockenanzug, Schlauch und Handschuh des Partners aus — die Gründe, aus denen DAN auch bei Tauchermessern stumpfe Spitzen der Vermeidung von „accidental injury or damage to equipment“ zuordnet.

Quellen

Zur Quellenlage: Zur Rettungsschere liegt keine Norm, keine Verbandsfestlegung und keine unabhängige Prüfung vor. Die beschriebene Bauweise stammt aus einem Wiki, die Leistungs- und Haltbarkeitsangaben aus einem Tauchmagazin von 2013, die Angaben zu Trageort und Pflege von einem Tauchsicherheitsverband. Die DAN-Darstellung nennt die Rettungsschere nur in der Aufzählung der verbreiteten Werkzeuge; ihre Aussagen zu Trageort, Halterung und Pflege gelten dort für Schneidwerkzeuge überhaupt, und die stumpfe Spitze ordnet sie dem Tauchermesser zu, nicht der Schere. Die Angaben zu Beschichtung, Werkstoff und Handschuhtauglichkeit sind Herstellerangaben eines Anbieters und als solche nicht nachgeprüft. Dass die Schere Material einklemmt, statt daran vorbeizuziehen, und dass daraus ihre Eignung für Gurtband und Stahlvorfach folgt, stellt keine der Fundstellen ausdrücklich her; es folgt aus der jeweils beschriebenen Wirkungsweise. Die Hinweise zur Reihenfolge der Werkzeuge und zur Prüfung des Gelenks sind Tauchlehrererfahrung.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.