Hautbends sind die Hauterscheinungen der Dekompressionskrankheit. Sie reichen vom bloßen Juckreiz ohne sichtbare Veränderung bis zur netzartig marmorierten Verfärbung, die medizinisch Cutis marmorata heißt. Die Grenze zwischen beiden ist kein Schönheitsfehler — sie ist der Punkt, an dem aus einem milden Befund ein schwerer wird.
Die Grenze verläuft bei „sichtbar“
Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ der GTÜM zieht sie ausgesprochen scharf. Unter den milden Symptomen führt sie „Hautjucken ohne sichtbare Hautveränderungen (Taucherflöhe)“. Unter den schweren Symptomen steht dagegen „Sichtbare Hautflecken und -veränderungen“.
Das ist der wichtigste Satz dieses Eintrags, und er lässt sich am Boot anwenden, ohne Medizin studiert zu haben: Juckt es nur, ist der Befund nach der Leitlinie mild. Sieht man etwas, ist er schwer.
Cutis marmorata
Das Divers Alert Network beschreibt sie als „mottled or marbled and sometimes raised discoloration of the skin“ und trennt sie ausdrücklich von den häufigeren, harmloseren „itching and mild rashes“. Hauterscheinungen stehen laut DAN bei etwa zehn Prozent der Fälle von Dekompressionskrankheit am Anfang.
Entscheidend ist, was DAN zur Bedeutung sagt: Die Marmorierung „may presage the development of the more serious symptoms of Type 2 DCS“ — sie kann also den schwereren neurologischen Symptomen vorausgehen. Damit ist sie kein Hautproblem, sondern ein Vorzeichen.
Wo die Quellen auseinandergehen
Das MSD Manual ordnet die Haut der milderen Gruppe zu: Typ I „betrifft Gelenke, Haut und Lymphgefäße und ist milder und typischerweise nicht lebensbedrohlich“, mit „Lymphödemen, Hautflecken, Juckreiz und Hautausschlag“. Die deutsche Leitlinie zählt sichtbare Hautveränderungen dagegen zu den schweren Symptomen.
⚠️ Dieser Unterschied ist echt, und ich glätte ihn hier nicht. Für die Praxis am Wasser gilt die strengere Lesart: Wer sichtbare Hautveränderungen nach einem Tauchgang findet, behandelt sie als schweren Befund. Denselben Widerspruch trägt übrigens auch der Eintrag Bends für die Gliederschmerzen.
Woher die Marmorierung kommt
Die naheliegende Erklärung wäre, dass Blasen in den Hautgefäßen selbst das Muster erzeugen. Das DAN-Forschungsportal „The Dive Lab“ berichtet über eine Arbeit von Kemper und Mitarbeitern aus den Niederlanden, die eine andere Möglichkeit nahelegt: Bei anästhesierten Schweinen erschien innerhalb von Minuten nach dem Einbringen von Gasblasen in den Kreislauf eine Fleckung der Haut, die der Marmorierung beim Menschen ähnelte. Die Autoren vermuten, dass eine Schädigung des Gehirns durch Gasblasen über sensible Hautnerven eine Entzündungsreaktion und damit die Fleckung auslöst.
⚠️ Die Autoren nennen das ausdrücklich eine „novel hypothesis“ und schreiben: „While this is just a hypothesis, it is worth of considering possible practical implications.“ Es ist ein Tierversuch, und eine Hypothese ist kein Befund. Bemerkenswert ist sie trotzdem: Träfe sie zu, wäre die Marmorierung ein Zeichen für ein Geschehen im Zentralnervensystem — genau die Einordnung, die die deutsche Leitlinie ohnehin vornimmt.
Was zu tun ist
- Juckreiz allein: Nach der Leitlinie ein mildes Symptom. Beobachten, den Betroffenen nicht allein lassen, Sauerstoff schadet nicht. Jede Verschlechterung ändert die Einstufung.
- Sichtbare Veränderungen: Schweres Symptom. Erstmaßnahmen nach der Leitlinie — 100 Prozent Sauerstoff, 0,5 bis 1 Liter Flüssigkeit pro Stunde, Ruhiglagerung — und der tauchmedizinische Notruf. Die Nummern stehen im Eintrag Tauchunfall, das Verfahren unter Rekompression.
- Fotografieren. Hautbefunde blassen ab, oft schneller, als die Kammer erreicht ist. Ein Handyfoto mit Zeitstempel hilft dem behandelnden Arzt mehr als jede Beschreibung aus der Erinnerung.
Taucherflöhe werden in der Praxis gern kleingeredet, und meistens zu Recht. Ich verfahre trotzdem anders: Wer nach einem Tauchgang juckende Haut hat, taucht an diesem Tag nicht mehr, und ich sehe nach einer halben Stunde noch einmal nach.
Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Fachbegriff. Er ersetzt keine ärztliche Beratung und keine tauchmedizinische Untersuchung. Bei Verdacht auf einen Tauchunfall gilt der tauchmedizinische Notruf.
Quellen
- S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ (GTÜM, GMS 2023;21:Doc01) — milde und schwere Symptome, Erstmaßnahmen.
- DAN, „Diagnosing Decompression Sickness“ — Cutis marmorata, Anteil der Hautbefunde, Bedeutung als Vorzeichen.
- MSD Manual, Profi-Ausgabe: Dekompressionskrankheit — Typ-I-Einteilung mit Hautsymptomen.
- DAN, The Dive Lab: „Skin Mottling after Diving May Be Result of Brain Lesions Caused by Gas Bubbles“ — Hypothese von Kemper u. a. Tierversuch, Primärarbeit nicht eingesehen.
