Der Paul-Bert-Effekt ist die zentralnervöse Form der Sauerstoffvergiftung: eine Vergiftung des Zentralnervensystems durch einen zu hohen Sauerstoffpartialdruck im Atemgas. Für Taucher ist er der Grund, warum jedes Gemisch eine maximale Einsatztiefe hat — und warum diese Grenze nicht verhandelbar ist.
Definition und Schwelle
Das DocCheck Flexikon definiert den Effekt als „reversible Vergiftungserscheinung des Zentralnervensystems“ und nennt als kritische Größe einen Sauerstoffpartialdruck von „mehr als 1,6 bar“.
Das Divers Alert Network beschreibt dieselbe Grenze nicht als Schalter, sondern als Ampel: bis 1,4 ata grün und für Sporttaucher der sichere Bereich, zwischen 1,4 und 1,6 ata eine „yellow light region“, in der nur in Ruhe getaucht werden sollte, oberhalb von 1,6 ata rot und ausgebildeten Berufstauchern vorbehalten. ⚠️ Beide Angaben stehen nebeneinander, weil sie nicht dasselbe sagen: DocCheck nennt die Schwelle, ab der es gefährlich wird; DAN nennt die Grenze, ab der man sich nicht mehr aufhalten sollte.
Daraus folgt die Rechenpraxis. Weil die maximale Einsatztiefe eine Obergrenze ist, wird sie abgerundet, nie aufgerundet. Die Formel und die Werte für die gebräuchlichen Gemische stehen unter MOD, die Berechnung des Partialdrucks selbst unter Partialdruck und Gesetz von Dalton.
Die Zeichen — drei Listen, die sich nur teilweise decken
Das DocCheck Flexikon führt Muskelzuckungen an Nase und Mund, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, eine erhöhte Herzfrequenz, Unruhe, flache Atmung, Ohrensausen, Sehstörungen, Erstickungsgefühl, Krämpfe und Bewusstlosigkeit auf.
DAN nennt Lichtblitze, Tunnelblick, Tinnitus, Verwirrung, Lethargie, Übelkeit, Schwindel, Taubheitsgefühl, Muskelzuckungen besonders an den Lippen und den generalisierten Krampfanfall.
Der Tauchversicherer aqua med beschreibt den Verlauf als „Unruhe, Metallgeschmack auf der Zunge, unkontrolliertes Zucken der Gesichtsmuskeln, Tunnelblick, Benommenheit, Übelkeit und schließlich generalisierte Krämpfe“.
⚠️ Auffällig ist, was keine dieser Quellen behauptet: eine verlässliche Reihenfolge. Es gibt keine belegte Zusicherung, dass der Krampfanfall sich ankündigt. Darauf zu bauen, man werde die Vorzeichen schon bemerken, ist deshalb eine Wette und keine Planung. Unter Wasser ist der Krampfanfall vor allem deshalb lebensgefährlich, weil dabei der Atemregler verlorengehen kann; Einzelheiten im Eintrag Sauerstoffkrampf.
Was den Effekt begünstigt
Das DocCheck Flexikon nennt als begünstigende Umstände eine Hyperkapnie — also einen erhöhten Kohlendioxidgehalt im Blut —, körperliche Erschöpfung, einen schlechten Allgemeinzustand, Kälte und niedrigen Blutzucker. Das ist die Liste, die erklärt, warum DAN im gelben Bereich zwischen 1,4 und 1,6 bar ausdrücklich nur den ruhigen Tauchgang gelten lässt: Anstrengung, Strömung und Kaltwasser verschieben die Sache.
Auch mit Luft, nicht nur mit Nitrox
Der Paul-Bert-Effekt ist kein reines Nitrox-Thema. aqua med nennt Sauerstoffkrämpfe mit Druckluft „ab 60 Meter“ und ordnet das — zu Recht — als Tiefenbereich ein, der für normale Drucklufttauchgänge ohnehin nicht empfohlen wird.
Die Größenordnung lässt sich nachrechnen: In 60 Metern beträgt der Umgebungsdruck nach der vereinfachten Formel rund 7 bar, bei 21 Prozent Sauerstoff also etwa 1,47 bar Sauerstoffpartialdruck. ⚠️ Das ist meine eigene Rechnung, keine Angabe von aqua med — sie zeigt aber, dass die Zahl gut zur Ampel von DAN passt.
Der Namensgeber
Benannt ist der Effekt nach dem französischen Physiologen Paul Bert (1833–1886), den aqua med in seinem Sauerstoff-Artikel mit diesen Lebensdaten führt. Sein Gegenstück ist der Lorrain-Smith-Effekt, also die Lungenform der Sauerstoffvergiftung, die nicht in Minuten, sondern über Stunden entsteht. Der übergeordnete Begriff für beide ist die Hyperoxie.
Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Fachbegriff. Er ersetzt keine ärztliche Beratung und keine tauchmedizinische Untersuchung.
Quellen
- DocCheck Flexikon: Paul-Bert-Effekt — Definition, Schwelle 1,6 bar, Symptome, begünstigende Faktoren.
- DAN, „Oxygen Toxicity“ — Ampel 1,4 / 1,6 ata, Symptome der ZNS-Form.
- aqua med: Sauerstoff — Verlauf der Symptome, Lebensdaten von Paul Bert, Sauerstoffkrämpfe mit Druckluft ab etwa 60 m.
