Farbabsorption im Wasser

Der Lichtkegel einer Tauchlampe lässt eine rote Koralle aufleuchten, während das übrige Riff blaugrün erscheint.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die Farbabsorption im Wasser bezeichnet die Eigenschaft des Wassers, Licht nicht gleichmäßig zu schlucken, sondern nach Wellenlänge. Rot verschwindet zuerst, Blau reicht am tiefsten. Deshalb sieht dieselbe Koralle in 25 Metern grau aus und im Lampenlicht knallrot — ohne dass sich an ihr etwas geändert hätte.

Die Zahlen: wie weit eine Farbe kommt

Das Lehrbuch für Forschungstaucher von König und Lipp führt im Kapitel zu den physikalischen Grundlagen eine Tabelle, die für klares Wasser angibt, nach welcher Wegstrecke die Lichtintensität auf die Hälfte gesunken ist — eine Halbwertstiefe, je Wellenlänge:

Farbe Wellenlänge Intensität halbiert nach
Violett 400 nm 8,66 m
Blau 450 nm 17,33 m
Grün 550 nm 14,7 m
Gelb 600 nm 3,53 m
Orange 650 nm 2,22 m
Rot 700 nm 1,18 m

Die Kernaussage steht dort in einem Satz: Rotes, langwelliges Licht wird am meisten verschluckt, blaues Licht am wenigsten. Der Abstand ist gewaltig — zwischen Rot und Blau liegt in dieser Tabelle mehr als der Faktor vierzehn.

Wenn nur noch ein Sechzehntel übrig ist

Dieselbe Quelle nennt eine zweite Reihe: die Tiefe, in der die Lichtenergie auf ein Sechzehntel abgesunken ist. Für rotes Licht sind das 9 Meter, für gelbes 31 Meter, für das Gesamtlicht 46 Meter und für blaues Licht 87 Meter.

Das ist die Zahl, die zur Taucherfahrung passt. Unterhalb von etwa zehn Metern ist vom Rot praktisch nichts mehr da, und was rot war, wird zuerst braun, dann grau, dann grünschwarz. Eine Schnittwunde in zwanzig Metern blutet dunkel, nicht rot — das ist der bekannteste Fall dieser Reihe und in der Ausbildung der Moment, in dem das Thema hängen bleibt.

Warum die Lampe die Farbe zurückholt

Die Farbe ist nicht verloren, es fehlt nur das Licht, das sie zeigen könnte. Eine Tauchlampe bringt weißes Licht auf kurzem Weg an das Motiv heran; die Strecke, auf der Rot geschluckt werden kann, beträgt dann statt fünfundzwanzig Metern noch einen halben. Genau deshalb wirkt ein Riff im Lampenkegel wie ausgewechselt. Dasselbe Prinzip steht hinter dem Blitz in der Unterwasserfotografie.

Absorption ist nicht Trübung — und nicht Brechung

Drei optische Effekte werden regelmäßig durcheinandergebracht, und es lohnt, sie auseinanderzuhalten:

  • Absorption nimmt dem Wasser die Farben, nach Wellenlänge gestaffelt. Sie wirkt auch in völlig klarem Wasser.
  • Streuung an Schwebeteilchen nimmt dem Bild den Kontrast. Die GTÜM beschreibt, dass Lichtwellen zum Teil von Schwebeteilchen absorbiert werden, was zu einer raschen Helligkeitsabnahme mit zunehmender Wassertiefe führt, und dass diffuses Streulicht eine Abnahme des Kontrastes zwischen Licht und Schatten bewirkt.
  • Brechung verändert Größe, Entfernung und Gesichtsfeld, nicht die Farbe. Das steht unter Lichtbrechung unter Wasser, und die Grenze zur Tauchmaske wird dort gezogen.

Wofür die Zahlen nicht gelten

Die Tabelle oben bezieht sich auf klares Wasser. In einem Baggersee mit Algenblüte oder in einem Fluss mit Schwebstofffracht sind die Wegstrecken um ein Vielfaches kürzer, und die Reihenfolge der Farben kann sich sogar verschieben, weil geloste und geschwebte Stoffe ihr eigenes Absorptionsverhalten mitbringen. Wer die Zahlen als Faustregel für das heimische Revier nimmt, rechnet zu günstig.

Die Zahlenreihe stammt aus einer einzigen Quelle; eine zweite, unabhängige Fundstelle liegt für sie nicht vor.

Quellen

In welcher Tiefe ist Rot weg?
Eine harte Grenze gibt es nicht, weil die Abnahme allmählich ist. Nach König und Lipp ist die Energie des roten Lichts in klarem Wasser bei etwa 9 Metern auf ein Sechzehntel gefallen, während blaues Licht dafür 87 Meter braucht. Praktisch heißt das: Ab dem zweiten Zehner ist Rot nur noch ein dunkler Fleck.
Warum sehen Fotos ohne Blitz immer blau aus?
Weil die Kamera nur das Licht aufnehmen kann, das ankommt — und in der Tiefe ist das überwiegend blaues. Ein Blitz oder eine Lampe verkürzt den Lichtweg auf die Strecke vom Gerät zum Motiv und zurück; auf dieser kurzen Strecke wird kaum Rot geschluckt. Ein Rotfilter geht einen anderen Weg: Er dämpft das übrige Licht, statt Rot hinzuzufügen, und hilft deshalb nur begrenzt.
Gelten diese Zahlen auch im Baggersee?
Nein. Sie sind für klares Wasser angegeben. Im Binnengewässer kommen Schwebeteilchen und gelöste Stoffe hinzu; die GTÜM führt dafür eine rasche Helligkeitsabnahme und einen Kontrastverlust durch Streulicht an. Die Farben sind dort schon in wenigen Metern dahin, und zusätzlich fällt die Sichtweite.