Ein Tauchanzug ist die Kleidung, die den Taucher vor dem Wärmeverlust im Wasser schützt und dabei zugleich vor Abschürfungen, Nesseltieren und scharfen Kanten bewahrt. Er ist der Ausrüstungsteil, der über die Dauer eines Tauchgangs am häufigsten entscheidet — nicht die Flasche, nicht der Atemregler. Nach der Bauart unterscheidet man Nass-, Halbtrocken- und Trockenanzüge.
Warum Kleidung im Wasser eine andere Aufgabe hat als an Land
Wasser leitet Wärme ungleich besser als Luft. Das Lehrbuch für Forschungstaucher von König und Lipp nennt im Kapitel zu den Taucherunfällen den Faktor: Die Wärmeleitung des Wassers ist fünfundzwanzigmal größer als die der Luft. Dieselbe Quelle beziffert die Folge: Einem unbekleideten Menschen wird im Wasser von 25 °C das Vier- bis Fünffache an Wärme entzogen wie in Luft derselben Temperatur. Fünfundzwanzig Grad sind dabei kein kaltes Wasser — es ist die Temperatur, bei der man an Land im T-Shirt sitzt.
Daraus folgt der Satz, der in derselben Quelle steht und den jeder Anzugkauf als Ausgangspunkt nehmen sollte: Es gibt keinen Taucheranzug, der hundertprozentigen Wärmeschutz liefert. Ein Anzug verlangsamt die Auskühlung, er verhindert sie nicht. Wer das weiß, plant den Tauchgang nach dem Frieren und nicht nur nach der Nullzeit — und behandelt das erste Zittern als Abbruchgrund, nicht als Kleinigkeit. Was daraus werden kann, steht unter Unterkühlung.
Drei Bauarten, drei verschiedene Prinzipien
Die Einteilung folgt nicht dem Material, sondern der Frage, wie viel Wasser in den Anzug gelangt und was den Körper wärmt.
- Der Nassanzug lässt Wasser ein. Gewärmt wird man nicht von diesem Wasser, sondern vom geschäumten Neopren mit seinen abgeschlossenen Gasbläschen. Der Wasserfilm, der trotzdem hineingerät, wird vom Körper aufgewärmt — er ist ein Nebeneffekt, kein Konstruktionsprinzip. Je weniger Wasser ausgetauscht wird, desto wärmer bleibt man.
- Der Halbtrockenanzug ist ein Nassanzug mit dichteren Manschetten an Hals, Armen und Beinen und einem wasserdichten Reißverschluss. Er verhindert den Wasseraustausch weitgehend; trocken wird er nicht.
- Der Trockenanzug hält das Wasser vollständig draußen. Er wärmt nicht selbst, sondern über die Luftschicht im Inneren und über den Unterzieher. Er wird über ein eigenes Ventil belüftet und verlangt deshalb eine eigene Ausbildung.
Die Bauart sagt nichts über das Material. Nass-, Halbtrocken- und viele Trockenanzüge bestehen aus Neopren; warum die Bezeichnung Neoprenanzug deshalb quer zu dieser Einteilung liegt, steht dort.
Welcher Anzug zu welcher Wassertemperatur passt
Die folgende Zuordnung ist die Schnittmenge zweier unabhängiger Kaufberatungen, Scuba Diving und scuba.com. Beide schwanken um ein bis zwei Grad, und beide beschreiben einen durchschnittlich kälteempfindlichen Menschen bei einem Tauchgang normaler Dauer.
| Wassertemperatur | Übliche Empfehlung |
|---|---|
| über 29 °C | Badekleidung oder Lycra |
| 27–29 °C | 2 mm Shorty bis dünner Ganzanzug |
| 23–26 °C | 3 mm Ganzanzug |
| 19–22 °C | 5 mm Ganzanzug |
| 10–18 °C | 7 mm Ganzanzug oder 8/7 mm Halbtrockenanzug |
| unter 10 °C | Halbtrocken- oder Trockenanzug |
Das sind Richtwerte, keine Norm. Wer schnell friert, wer mehrere Tauchgänge am Tag macht oder wer im Wasser wenig in Bewegung ist, nimmt die nächstdickere Stufe. Für Kopf, Hände und Füße gilt dieselbe Rechnung: König und Lipp halten fest, dass Taucherjacke mit Nackenschutz oder Kopfhaube wichtiger sind als eine Taucherhose, weil Nacken und Rumpf besonders vor Kälte zu schützen sind. Eine Kopfhaube bei 15 °C ist deshalb keine Frage des Geschmacks.
Jeder Anzug verändert die Tarierung
Neopren enthält Gas, und Gas hat Auftrieb. Ein dickerer Anzug trägt den Taucher stärker nach oben und verlangt mehr Blei. Mit der Tiefe kehrt sich das um: Die Gasbläschen werden zusammengedrückt — in zehn Metern herrscht der doppelte, in zwanzig der dreifache Umgebungsdruck, siehe Gesetz von Boyle-Mariotte. Der Anzug wird dünner, verliert Auftrieb und wärmt schlechter. Aus demselben Grund warnt die Kaufberatung von Tauchen bei dicken Neopren-Trockenanzügen vor einer Überbleiung auf Tiefe.
Praktisch heißt das: Jeder Wechsel der Anzugstärke verlangt einen neuen Bleicheck. Wer vom 5-mm- auf den 7-mm-Anzug geht, rechnet nicht mit der Faustformel aus dem Kurs weiter, sondern misst neu — das Verfahren steht unter Bleimenge berechnen.
Die Passform schlägt die Bauart
Ein gut sitzender Anzug der einfacheren Bauart ist wärmer als ein schlecht sitzender der aufwendigeren. Falten an Bauch, Rücken oder Beinen sind Kammern, in denen bei jeder Bewegung Wasser ausgetauscht wird, und zwei Millimeter mehr Material machen einen Zentimeter Spalt am Rücken nicht wett. Ein Nassanzug, in den man trocken bequem hineinsteigt, ist zu groß.
Als Tauchlehrer sehe ich diesen Fehler häufiger als jeden anderen bei der Ausrüstung: gekauft wird nach Stärke und Marke, geprüft wird der Sitz nicht. Das Anprobieren im Laden dauert zehn Minuten und entscheidet über jeden Tauchgang der nächsten Jahre.
Quellen
- König/Lipp, Lehrbuch für Forschungstaucher, Kapitel 6: Taucherunfälle (PDF) — Wärmeleitung des Wassers gegenüber Luft, Wärmeentzug bei 25 °C, kein Anzug mit vollständigem Wärmeschutz, Vorrang von Nackenschutz und Kopfhaube.
- Scuba Diving: Wetsuit Thickness and Water Temperature und scuba.com: Wetsuit Thickness Guide — die beiden Kaufberatungen, aus deren Schnittmenge die Temperaturtabelle stammt.
- Tauchen: Kaufberatung Trockentauchanzug — Auftriebsverhalten von Neopren-Trockenanzügen und die Überbleiung auf Tiefe.
