Rechteckprofil

Zwei Taucher schwimmen in gleichbleibender Tiefe waagerecht an einer geraden Abbruchkante entlang.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Ein Rechteckprofil ist die Annahme, die jeder gedruckten Tauchtabelle zugrunde liegt: dass der Taucher die gesamte Grundzeit auf seiner maximalen Tiefe verbracht hat. Im Tiefen-Zeit-Diagramm ergibt das ein Rechteck. Der tatsächlich getauchte Verlauf sieht fast nie so aus — und genau aus dieser Differenz entsteht die Sicherheitsreserve der Tabelle.

Was genau angenommen wird

Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt die Annahme in zwei Schritten. Zur Grundzeit heißt es, sie sei „der Zeitraum vom Verlassen der Wasseroberfläche (Abtauchen, Kompressionsphase) bis zum Verlassen der maximalen Tiefe“. Und für die Berechnung werde „immer von einem Rechteckprofil ausgegangen. Dieses Rechteckprofil ist dann nicht identisch mit dem real getauchten Profil.“ Gerechnet wird, als sei „die gesamte Grundzeit auf der Maximaltiefe verbracht“ worden.

Im Artikel zur Dekompressionstabelle steht derselbe Gedanke als Einschränkung: „Ein Problem aller Tauchtabellen liegt darin, dass die Annahme eines Rechteckprofils zugrunde gelegt wurde.“ Der Ablauf ist entsprechend simpel — man geht mit zwei Werten in die Tabelle, der maximalen Tiefe und der gesamten Grundzeit, und liest ab.

Warum die Tabelle dadurch konservativ rechnet

Ein realer Tauchgang führt meist kurz auf die größte Tiefe und verbringt den Rest flacher. Dort ist der Umgebungsdruck niedriger, also auch der Stickstoffpartialdruck im Atemgas, also die Aufsättigung langsamer. Wer trotzdem so rechnet, als wäre die ganze Zeit auf Maximaltiefe verbracht worden, unterstellt sich mehr aufgenommenen Stickstoff, als tatsächlich im Körper ist.

Die Folge steht in derselben Quelle: „Eine Dekompressionstabelle rechnet in jedem Fall konservativer als ein Tauchcomputer, was meist mehr Sicherheitsreserve zur Folge hat.“ Der Tauchcomputer misst stattdessen fortlaufend die tatsächliche Tiefe und rechnet die Kompartimente mit dem wirklichen Profil durch — nach demselben Modellgedanken, der auf das Haldane-Modell zurückgeht, nur mit besseren Eingangsdaten.

Der Preis der Reserve

Konservativ ist nicht kostenlos. Die Wikipedia hält fest, dass die nach Tabelle berechneten Dekozeiten „ein Vielfaches der tatsächlich erforderlichen Dekozeiten betragen“ können — und nennt das als Grund, warum Tabellentauchen für Sporttaucher oft unpraktisch ist. Bei einem Tauchgang, der nur fünf Minuten auf 30 Metern war und danach vierzig Minuten auf 12 Metern, ist der Unterschied nicht akademisch.

Das erklärt auch, warum die Nullzeit im Computer und in der Tabelle für denselben Tauchgang auseinandergehen können, ohne dass eines von beidem falsch rechnet. Sie beantworten unterschiedliche Fragen.

Warum die Tiefe zuerst kommt

Die GTÜM empfiehlt für das Tauchgangsprofil, dass „die größte Tauchtiefe zu Beginn des Tauchgangs erreicht wird und danach zunehmend flachere Wassertiefen aufgesucht werden“, und hält fest, dass abweichende Profile die Stickstoffsättigung erheblich beeinflussen.

Aus meiner Sicht spricht viel dafür, dass beides zusammenhängt: Wer zuerst tief geht und dann flacher wird, taucht einen Verlauf, der von der Rechteckannahme nur nach unten abweicht — die Tabelle rechnet dann sicher. Wer umgekehrt erst flach und am Ende tief taucht, kehrt dieses Verhältnis um. Diese Verknüpfung ist meine Lesart; die GTÜM begründet ihre Empfehlung an dieser Stelle nicht mit dem Rechteckprofil.

Was das nicht ist

Das Rechteckprofil ist eine Rechenannahme, keine Tauchanweisung. Niemand soll versuchen, ein Rechteck zu tauchen. Es beschreibt nur, wovon die Tabelle ausgeht, wenn man sie benutzt — und gibt damit die Erklärung, warum ihre Ergebnisse auf der sicheren Seite liegen. Wie die Reserve praktisch genutzt wird, steht unter Sicherheitsstopp, Oberflächenpause und Wiederholungstauchgang.

Wo der Beleg dünn ist

Dies sollte an einer Verbandsquelle verifiziert werden: Die beiden tragenden Formulierungen dieses Eintrags stammen aus der deutschsprachigen Wikipedia. Eine Fundstelle bei CMAS, SSI, PADI oder TDI, die den Begriff „Rechteckprofil“ ausdrücklich führt und definiert, liegt nicht vor; auch die GTÜM-Seite zu den Dekompressionstabellen verwendet das Wort nicht. Die Sache selbst ist unstrittig; der Beleg für den Begriff ist es, der fehlt.

Quellen

Warum zeigt der Computer eine längere Nullzeit als die Tabelle?
Weil er ein anderes Profil rechnet. Die Tabelle unterstellt die gesamte Grundzeit auf Maximaltiefe, der Computer rechnet mit der Tiefe, die tatsächlich anliegt. Die Wikipedia hält dafür fest, dass eine Dekompressionstabelle in jedem Fall konservativer rechnet als ein Tauchcomputer. Beide Werte können richtig sein — sie beantworten verschiedene Fragen.
Heißt das, die Tabelle ist überholt?
Nein. Sie ist unempfindlich gegen Geräteausfall, verlangt kein Vertrauen in eine Software und zwingt dazu, den Tauchgang vorher zu durchdenken. Der Preis ist die Reserve, die man verschenkt. Die GTÜM führt die gebräuchlichen Tabellenwerke — Bühlmann, Comex, DECO ’92, NAUI, PADI, YMCA und BS-AC — unverändert auf.
Was ist ein Mehrstufenprofil?
Der Gegenbegriff: ein Tauchgang, der nacheinander in mehreren Tiefenstufen verbracht wird und für den man die Stufen einzeln verrechnet, statt alles auf die tiefste zu beziehen. Eine allgemeine, für alle Tabellenwerke gültige Regel dafür gibt es nicht; welche Tabelle das zulässt und unter welchen Bedingungen, steht in der jeweiligen Anleitung des Tabellenwerks.