Dekompressionstabelle

Schematisches Tauchprofil: Abstieg auf 40 Meter, Grundzeit, danach Aufstieg mit Zwischenstopps auf 12, 9, 6 und 3 Metern Tiefe, wobei die flacheren Stufen länger dauern.
Schematisches Aufstiegsprofil — Tiefe und Dauer der Stufen gibt der Tauchcomputer oder die Dekompressionstabelle vor.

Eine Dekompressionstabelle ist ein gedrucktes Regelwerk, das aus Tiefe und Grundzeit eines Tauchgangs die zulässige Nullzeit, die notwendigen Dekompressionsstufen und die Bedingungen für einen Wiederholungstauchgang ableitet. Sie war jahrzehntelang das einzige Planungswerkzeug des Sporttauchers und ist heute in erster Linie Ausbildungsgegenstand und Rückfallebene.

Was eine Tabelle liefert

Aus zwei Eingangsgrößen — größte Tiefe und Grundzeit — liest man drei Dinge ab: ob der Tauchgang innerhalb der Nullzeit bleibt; welche Stufen andernfalls einzuhalten sind; und mit welcher Wiederholungsgruppe man die Oberfläche erreicht. Diese Gruppe ist der Merkposten für den Reststickstoff. Über die Oberflächenpause wandert man anschließend in eine günstigere Gruppe und beginnt den nächsten Tauchgang nicht bei null, sondern mit einem Zuschlag.

Die GTÜM beschreibt den Zusammenhang so: „Je größer die Oberflächenpause zwischen zwei Tauchgängen, umso mehr entsprechen die Voraussetzungen des Wiederholungstauchgangs einem Einzeltauchgang.“ Eine vollständige Wiederherstellung nimmt sie erst „nach einer Tauchpause von 24 Stunden“ an; bei Tauchserien empfiehlt sie, „nach spätestens sechs Tauchtagen einen freien Tag zur kompletten Entsättigung einzulegen“.

Die Annahme, auf der jede Tabelle beruht

Eine Tabelle rechnet mit einem Rechteckprofil: Der Taucher sei sofort auf die größte Tiefe abgestiegen, dort die gesamte Grundzeit geblieben und dann aufgestiegen. Das ist die sichere Seite, weil ein realer Tauchgang mit wechselnden Tiefen weniger Inertgas aufnimmt als dieses Rechteck. Es ist zugleich der Grund, warum Tabellen gegenüber einem Tauchcomputer konservativ wirken: Der Computer rechnet die tatsächliche Tiefe Sekunde für Sekunde nach, die Tabelle unterstellt den ungünstigsten Verlauf.

Der zweite Punkt wird in der Ausbildung oft übersprungen: Die Tabelle ist kein Naturgesetz, sondern die Druckfassung eines Rechenmodells. Welche Halbwertszeiten und welche M-Werte hinterlegt sind, entscheidet über jede Zahl darin.

Woher die gebräuchlichen Tabellen stammen

Die GTÜM nennt als international gebräuchlich: „Bühlmann, Comex, DECO ´92, NAUI, PADI, YMCA, BS-AC, etc.“ Die Reihe ist keine Rangfolge — sie zeigt, dass es die Dekompressionstabelle nicht gibt.

Für den deutschsprachigen Raum ist die Linie über Bühlmann die wichtigste. Das CMAS-Fact-Sheet zu ZH-L stellt klar, dass Albert A. Bühlmann kein eigenes Entsättigungsmodell entworfen hat — „Bühlmann did not design a desaturation model“ —, sondern auf den Formeln von John Scott Haldane aufbauend verschiedene Parametersätze bestimmte. Sein Buch „DekompressionDekompressionskrankheit“ erschien 1983, die englische Übersetzung 1984. Die Kürzel lesen sich so: ZH für Zürich, L für linear, die Zahl für die Anzahl der Koeffizientenpaare.

Für dieses Lemma ist eine Unterscheidung zentral, die viele Taucher nicht kennen: ZH-L16 B war für gedruckte Tabellen bestimmt, ZH-L16 C für Tauchcomputer. Nach dem CMAS-Fact-Sheet gehen beide aus der experimentellen Fassung ZH-L16 A hervor, indem Koeffizienten einzelner Kompartimente abgesenkt werden; die Fassung C (1986) trägt dabei die zusätzliche Sicherheitsmarge und ist heute die verbreitete. Wer Tabelle und Computer nebeneinander hält und unterschiedliche Zahlen sieht, sieht also unter Umständen nicht einen Fehler, sondern zwei Parametersätze.

Zuschläge, die neben der Tabelle stehen

Die GTÜM nennt ergänzend einen Sicherheits-Stopp von „3-5 min auf 3-6 m Tiefe“ und eine Aufstiegsgeschwindigkeit „unter 10 m/min“ auf den letzten zehn Metern; ein erhöhtes Dekompressionsrisiko sieht sie ab „Wassertiefen über 30 m“. Diese Angaben gehören der GTÜM und sind nicht mit den Zahlen anderer Verbände zu vermischen — bei der Aufstiegsgeschwindigkeit gehen die Angaben zwischen den Verbänden auseinander.

Ebenfalls von der GTÜM: Die Stickstoffentsättigung verzögert sich nach Sporttauchprofilen „besonders während der ersten drei Stunden nach Tauchgangsende“. Das ist der physiologische Kern dessen, was die Wiederholungsgruppe in der Tabelle abbildet.

Braucht man das heute noch?

In der Ausbildung: ja, und zwar nicht aus Nostalgie. Wer einmal eine Tabelle durchgerechnet hat, versteht, warum ein Computer nach dem zweiten tiefen Tauchgang kürzere Nullzeiten anzeigt. Ohne dieses Verständnis bleibt das Gerät eine Ampel, deren Farbwechsel man hinnimmt. In der Praxis ist die Tabelle außerdem das, was funktioniert, wenn der Computer ausfällt — vorausgesetzt, man hat den Tauchgang vorher auch so geplant.

Quellen

  • GTÜM: Dekompressionstabellen — Liste der gebräuchlichen Tabellen, Oberflächenpause und Wiederholungstauchgang, 24-Stunden-Regel, freier Tag nach sechs Tauchtagen, Sicherheits-Stopp, Aufstiegsgeschwindigkeit, verzögerte Entsättigung
  • CMAS Fact Sheet: Bühlmann ZH-L — Haldane als Grundlage, Notation ZH-L, Parametersätze ZH-L12, ZH-L16 A/B/C und ihre Bestimmung für Tabellen beziehungsweise Computer
Welche Tabelle ist die richtige?
Die, mit der man ausgebildet wurde und die man sicher beherrscht — und die man während einer Tauchserie nicht wechselt. Die GTÜM führt Bühlmann, Comex, DECO ´92, NAUI, PADI, YMCA und BS-AC nebeneinander, ohne eine zu bevorzugen. Sie beruhen auf unterschiedlichen Parametersätzen; Werte aus zwei Tabellen zu mischen, hebt deren innere Logik auf.
Warum zeigt der Computer andere Nullzeiten als die Tabelle?
Zwei Gründe kommen zusammen. Die Tabelle unterstellt ein Rechteckprofil, der Computer rechnet die tatsächliche Tiefe mit. Und die Parametersätze können sich unterscheiden: Nach dem CMAS-Fact-Sheet war ZH-L16 B für gedruckte Tabellen bestimmt, ZH-L16 C mit zusätzlicher Sicherheitsmarge für Computer. Unterschiedliche Zahlen sind also zu erwarten.
Kann man mit der Tabelle einen Mehrstufentauchgang planen?
Manche Tabellenwerke sehen dafür ein Verfahren vor, andere nicht. Ob und wie das bei einer bestimmten Tabelle zulässig ist, steht in deren eigener Anleitung — eine allgemeine Regel dazu nennen die hier verwendeten Quellen nicht, und ich trage sie deshalb nicht nach. Wer nach Tabelle plant, ohne das Verfahren zu kennen, rechnet mit der größten Tiefe für die gesamte Grundzeit.