Ein Trockentauchanzug ist die Bauart des Tauchanzugs, die das Wasser vollständig draußen hält. Er wärmt nicht selbst, sondern über die Luftschicht in seinem Inneren und über den Unterzieher, der diese Luft hält. Dafür trägt er Manschetten, einen dichten Reißverschluss und zwei Ventile — und verlangt eine eigene Ausbildung.
Die Luft ist das Isoliermittel, nicht der Anzug
Beim Nassanzug und beim Halbtrockenanzug steckt die Isolierung im Material. Beim Trockenanzug steckt sie im Gas. Die deutschsprachige Wikipedia beschreibt das für den Membrananzug ausdrücklich: Er bietet selbst keine Wärmedämmung, die Isolation wird im weit geschnittenen Anzug durch das Isolationsgas und die untergezogene Kälteschutzbekleidung sichergestellt.
Daraus folgt die wichtigste Eigenheit dieser Bauart: Der Anzug muss mit der Tiefe belüftet werden. Steigt der Umgebungsdruck, wird die eingeschlossene Luft komprimiert, der Anzug legt sich falten- und kantenbildend auf den Körper — im englischen Sprachgebrauch suit squeeze — und die Isolierung geht verloren. Über das Einlassventil wird deshalb beim Abstieg Luft nachgegeben, über das Auslassventil beim Aufstieg wieder abgelassen.
Die Ventile
Zwei Ventile sind der technische Kern. Das Einlassventil sitzt auf der Brust und wird über einen Mitteldruckschlauch von der ersten Stufe des Atemreglers gespeist; ein Knopfdruck gibt Luft in den Anzug. Das Auslassventil sitzt nach der deutschsprachigen Wikipedia meist am linken Oberarm, manchmal am Unterarm. Es lässt sich in der Regel vorspannen und arbeitet dann selbsttätig als Überdruckventil: Wer den Arm hebt, lässt Luft ab.
Die englischsprachige Wikipedia benennt die Gefahr, die aus derselben Mechanik folgt: Die Luft sammelt sich immer am höchsten Punkt des Anzugs. Gerät der Taucher in Kopftieflage, wandert sie in die Beine, treibt die Füße nach oben und verstärkt die Lage, aus der sie entstanden ist. Das Auslassventil am Arm nützt dann nichts mehr. Genau diese Situation ist der Grund für die eigene Ausbildung.
Die Materialien
Die Kaufberatung des Magazins Tauchen führt vier Werkstoffe:
- Klassisches Neopren, meist 7 mm: hohe Eigenisolation, dadurch sind dünnere Unterzieher möglich, und günstiger im Einkauf. Nachteil: viel Auftrieb, wodurch mehr Blei nötig wird.
- Vorkomprimiertes Neopren, meist 4 mm: erzeugt weniger Auftrieb als klassisches Neopren, aber mehr als Membrananzüge, bei geringerer Isolationsleistung als klassisches Neopren.
- Crushed Neopren: sehr langlebig und robust, mit relativ guter Eigenisolation.
- Trilaminat: geringes Eigengewicht, einfache Reparaturen, aber keine Eigenisolation — und damit auf den Unterzieher angewiesen.
Auch die Neoprenvarianten verlieren mit der Tiefe an Isolierung und an Auftrieb, weil die Gasbläschen zusammengedrückt werden; die Wikipedia hält für Neopren-Trockentauchanzüge fest, dass die Wärmedämmung mit zunehmender Tauchtiefe aufgrund der Kompression abnimmt. Der Membrananzug hat dieses Verhalten nicht, weil er nichts hat, was komprimiert werden könnte — seine Isolierung sitzt im Unterzieher.
Manschetten und Reißverschluss
Die Abdichtung an Hals und Handgelenken entscheidet über die Bauart. Die Tauchen-Kaufberatung stellt die drei Werkstoffe gegenüber: Latex dichtet gut ab und ist günstig im Ersatz, wird aber schnell porös. Silikon ist sehr langlebig, antiallergen und wird nicht porös. Neopren bringt zusätzliche Wärmeisolation, ist schwer anzuziehen, und die Abdichtung ist geringer.
Der Reißverschluss läuft entweder quer über den Rücken oder diagonal über die Brust. Die englischsprachige Wikipedia führt beide Bauformen und unterscheidet Verschlüsse mit Metallzähnen — ursprünglich aus der Raumfahrt, starr und schwergängig — von leichteren, biegsameren und günstigeren Ausführungen mit Kunststoffzähnen.
Der Unterzieher gehört zum Anzug
Weil die Wärme aus der stehenden Luft kommt, entscheidet der Unterzieher über sie. Die englischsprachige Wikipedia nennt als geeignete Werkstoffe Thinsulate, das Wasser abweist, und Polarfleece; Baumwolle ist ausdrücklich ungeeignet, weil sie Feuchtigkeit aufnimmt und Wärme ableitet. Praktisch heißt das: Ein Trockenanzug ohne passenden Unterzieher ist kein warmer Anzug, sondern nur ein dichter.
Warum es dafür einen eigenen Kurs gibt
SSI führt das Trockentauchen als eigenes Spezialprogramm, PADI als Kurs „Dry Suit Diver“. Der Grund ist nicht der Anzug, sondern das, was mit ihm hinzukommt: eine zweite Gasblase am Körper, die getrennt von der Tarierweste bedient werden will, und eine Lage, aus der man sich wieder herausdrehen können muss.
Als Tauchlehrer sage ich dazu zwei Sätze. Der Anzug ist kein Tariermittel. Wer mit ihm tariert, hat im Aufstieg zwei Blasen zu kontrollieren statt einer; die Tarierweste bleibt zuständig, der Anzug bekommt nur so viel Luft, dass er nicht drückt. Und: Der erste Trockentauchgang gehört ins Flachwasser, nicht an die Wand. Die Kopftieflage muss man einmal ausprobiert und aufgelöst haben, bevor sie unbeabsichtigt eintritt.
Quellen
- Tauchen: Kaufberatung Trockentauchanzug — die vier Materialien mit Stärken und Eigenschaften, die drei Manschettenwerkstoffe Latex, Silikon und Neopren. Fachzeitschrift, Kaufberatung.
- Wikipedia: Tauchanzug — Isolation über Isolationsgas und Kälteschutzbekleidung, Lage des Auslassventils am linken Ober- oder Unterarm, Abnahme der Wärmedämmung von Neopren mit der Tiefe. Wiki-Quelle.
- Wikipedia (englisch): Dry suit — Gasansammlung am höchsten Punkt und Kopftieflage, Reißverschlussbauformen, Unterzieherwerkstoffe, Hinweis auf zusätzlichen Ausbildungsbedarf. Wiki-Quelle; die daraus übernommenen Aussagen sind im Text als solche gekennzeichnet.
- SSI: Dry Suit Diving und PADI: Dry Suit Diver — Belege dafür, dass beide Verbände ein eigenes Programm führen. Verbandsseiten; die Kursinhalte sind hier nicht wiedergegeben, weil sie sich zwischen den Verbänden unterscheiden.
