Korallenbleiche am Great Barrier Reef 2016 auf einen Blick
- Ausmaß: Die Luftbilderhebung der National Coral Bleaching Taskforce erfasste 911 Riffe. 93 Prozent davon zeigen Bleiche, nur 68 Riffe (7 Prozent) blieben verschont.
- Schwere Fälle: Auf 316 Riffen sind 60 bis 100 Prozent der Korallen stark gebleicht, fast alle in der Nordhälfte des Riffs.
- Brennpunkt: Extrem ist die Lage auf rund 1.000 Kilometern nördlich von Port Douglas. Taucherhebungen dort zeigen im Schnitt fast 50 Prozent abgestorbene gebleichte Korallen, auf einzelnen Riffen droht ein Verlust von bis zu 90 Prozent.
- Mitte und Süden: Auf 600 Kilometern zwischen Cairns und Mackay ist die Bleiche mäßig, der Süden ist dank kühlerem Wetter durch Ex-Zyklon Winston weitgehend glimpflich davongekommen.
- Einordnung: Es ist die dritte Massenbleiche am Great Barrier Reef nach 1998 und 2002, und die schwerste bisher erfasste.
- Ursache: Zu warmes Wasser, verstärkt durch El Niño, vor dem Hintergrund der Meereserwärmung durch den Klimawandel.
Am 20. April 2016 hat die National Coral Bleaching Taskforce um Professor Terry Hughes ihre Luftbilderhebung vorgelegt, und die Zahlen sind härter als alles, was Riffbiologen am Great Barrier Reef bisher gemessen haben. Von 911 überflogenen Riffen entlang der rund 2.300 Kilometer langen Riffkette sind nur 68 ohne Bleiche. Hughes selbst sagt, man habe eine Bleiche in diesem Ausmaß noch nie gesehen; im Norden des Riffs sei es, als seien zehn Zyklone gleichzeitig an Land gegangen.
Für Taucher ist das mehr als eine Umweltmeldung. Das Great Barrier Reef ist eines der großen Sehnsuchtsziele unseres Sports, und die Frage, was man dort in den nächsten Monaten und Jahren unter Wasser vorfindet, betrifft jeden, der eine Tauchreise nach Queensland plant oder schon gebucht hat. Hier steht, was bis heute bekannt ist, wo es am schlimmsten aussieht, warum das passiert und was du als Taucher daraus mitnehmen kannst.
Bleiche heißt: Die Koralle wirft ihre Algen ab
Riffbildende Korallen leben in enger Gemeinschaft mit winzigen Algen, den Zooxanthellen, die in ihrem Gewebe sitzen. Diese Algen liefern der Koralle einen großen Teil ihrer Nahrung und geben ihr die Farbe. Wird das Wasser zu warm, stößt die Koralle die Algen ab. Zurück bleibt das durchsichtige Gewebe über dem weißen Kalkskelett: Die Koralle wird bleich, im Extremfall schneeweiß. Die NOAA beschreibt genau diesen Vorgang, wenn sie von Korallenbleiche spricht.
Wichtig ist der Unterschied zwischen gebleicht und tot. Eine gebleichte Koralle lebt zunächst weiter, sie hungert aber und steht unter Stress. Kühlt das Wasser rechtzeitig ab, kann sie wieder Algen aufnehmen und ihre Farbe zurückgewinnen. Hält die Hitze zu lange an, stirbt sie, und das Skelett wird von Algen überwachsen. Auch Korallen, die eine Bleiche überleben, sind danach geschwächt und anfälliger für Krankheiten, Verschmutzung und andere Belastungen. Terry Hughes weist darauf hin, dass Korallen eine bemerkenswerte Fähigkeit haben, sich von einer Bleiche zu erholen. Die Frage ist, wie stark und wie lange sie belastet werden.
911 Riffe aus der Luft: Das hat die Taskforce 2016 gemessen
Die National Coral Bleaching Taskforce ist ein Zusammenschluss von Forschern, den Terry Hughes vom ARC Centre of Excellence for Coral Reef Studies an der James Cook University leitet. Die Forscher haben das Riff abgeflogen und jedes der 911 Riffe nach dem Grad der Bleiche eingestuft. Parallel waren Taucherteams im Norden unterwegs und haben den Zustand der Korallen unter Wasser erhoben.
Das Ergebnis im Überblick:
- 93 Prozent der erfassten Riffe zeigen Bleiche, nur 68 Riffe sind frei davon.
- Auf 316 Riffen sind zwischen 60 und 100 Prozent der Korallen stark gebleicht. Nahezu alle diese Riffe liegen in der Nordhälfte.
- Bei den früheren Massenbleichen 1998 und 2002 blieben nach Hughes rund 40 Prozent des Riffs unberührt. Er bezeichnet die aktuelle Bleiche als drei- bis viermal schwerer.
Schon Ende März hatten die ersten Überflüge im Norden ein düsteres Bild gezeichnet. Auf dem Abschnitt zwischen Cooktown und Papua-Neuguinea fanden die Forscher nach Hughes‘ Worten auf 1.300 Kilometern nur vier Riffe ohne Bleiche, die meisten übrigen in der schwersten Kategorie. Die Meeresparkbehörde Great Barrier Reef Marine Park Authority (GBRMPA) hatte bereits am 20. März 2016 ihre Reaktion auf die Bleiche auf die höchste Stufe angehoben, wie Umweltminister Greg Hunt damals bekannt gab.
Der Norden trifft es am härtesten, der Süden kommt glimpflich davon
Die Bleiche verteilt sich sehr ungleich über das Riff. Am schwersten betroffen ist der rund 1.000 Kilometer lange Abschnitt nördlich von Port Douglas bis hinauf zur Torres-Straße. Ausgerechnet dieser Teil gehört zu den ursprünglichsten Abschnitten des ganzen Riffs. Professor Andrew Baird, der nach 17 Tagen auf See von den Taucherhebungen im Norden zurückkam, berichtet von durchschnittlich fast 50 Prozent abgestorbenen gebleichten Korallen. Auf einigen Riffen könnte der Verlust auf 90 Prozent steigen.
Ein bekannter Name aus diesem Gebiet ist Lizard Island, wo die Bleiche nach Berichten aus der Tauchbranche so schwer ist wie nie zuvor. Tauchbasen in Cairns haben ihre Tauchplätze in der näheren Umgebung an die Bleiche verloren. Justin Marshall, Meeresbiologe und Leiter von CoralWatch, sagt, er habe noch nie so stark gebleichte Korallen gesehen.
Im zentralen Abschnitt, auf etwa 600 Kilometern zwischen Cairns und Mackay, ist die Bleiche mäßig. Die Forscher erwarten, dass viele dieser Korallen ihre Farbe zurückgewinnen, wenn das Wasser in den kommenden Monaten abkühlt. Das südliche Drittel ist am besten davongekommen. Dort hat eine Phase wolkigen Wetters im Spätsommer das Wasser abgekühlt, ausgelöst durch die Reste des Zyklons Winston, der zuvor über Fidschi gezogen war und das Riff nur noch als Regentief erreichte. Im Süden gelegene Ziele wie Lady Elliot Island waren zum Zeitpunkt der Erhebungen nicht betroffen.
El Niño heizt an, die Erwärmung der Meere liefert die Grundlage
Der unmittelbare Auslöser ist ein ungewöhnlich heißer Sommer auf der Südhalbkugel. Im Norden Australiens lag die Wassertemperatur seit Jahresbeginn rund ein Grad Celsius über dem Normalwert. Ein Faktor ist das starke El-Niño-Ereignis, das seit 2015 die Wetterlagen im Pazifik durcheinanderbringt.
El Niño allein erklärt die Lage aber nicht. Die NOAA hat bereits im Oktober 2015 das dritte weltweite Korallenbleiche-Ereignis ausgerufen, nach den globalen Bleichen 1998 und 2010. Ihr Koordinator Mark Eakin nannte Bleiche und Krankheiten, ausgelöst durch den Klimawandel und verstärkt durch Ereignisse wie El Niño, die größte und umfassendste Bedrohung für Korallenriffe weltweit. Die NOAA sagte damals voraus, dass sich das Ereignis bis weit ins Jahr 2016 ziehen und dann noch schlimmer werden könne. Genau das ist eingetreten.
Das Great Barrier Reef ist also Teil eines weltweiten Musters. Andrew Baird verweist auf Meldungen aus ganz Indonesien und erste Hinweise von den Malediven; das Problem sei viel größer als Australien. Auch nördlich von Broome in Westaustralien berichten Forscher von schwerer Bleiche, an einzelnen Stellen mit 80 bis 90 Prozent gebleichten Korallen, und selbst im Hafen von Sydney wurde erstmals Bleiche beobachtet.
Warum das kein Einzelfall ist: Die Taskforce hält den Klimawandel für die zentrale Bedrohung des Riffs. Wenn die Meere insgesamt wärmer werden, reicht ein kräftiger El Niño oder ein einzelner Hitzesommer, um die Korallen über ihre Grenze zu schieben. Massenbleichen, die früher selten waren, rücken damit enger zusammen: 1998, 2002 und jetzt 2016.
Was das für deine Tauchreise ans Great Barrier Reef heißt
Das Great Barrier Reef ist kein einheitlicher Tauchplatz, sondern eine Kette aus Hunderten von Riffen über mehr als 2.000 Kilometer. Eine Reise dorthin ist deshalb nicht pauschal verdorben. Wer im Süden taucht, findet nach den bisherigen Erhebungen weitgehend intakte Riffe. Im zentralen Abschnitt kann ein Teil der gebleichten Korallen in den kommenden Monaten wieder Farbe annehmen. Im hohen Norden dagegen wird man die Folgen deutlich sehen, und dort, wo Korallen absterben, wachsen innerhalb kurzer Zeit Algen über die Skelette.
Am Riff hängt auch eine ganze Branche. Der Tourismus am Great Barrier Reef bringt nach Angaben der Forscher jährlich rund fünf Milliarden australische Dollar ein und beschäftigt etwa 70.000 Menschen. Tauchbasen und Bootsbetreiber haben ein ureigenes Interesse daran, ehrlich zu sagen, wie es an ihren Plätzen aussieht. Frag vor der Buchung konkret nach: Welche Riffe fährt das Boot an, und wie ist dort der aktuelle Zustand?
Langfristig ist die Aussicht gemischt. Mäßig gebleichte Korallen können ihre normale Farbe zurückgewinnen, sobald das Wasser in den kommenden Monaten abkühlt. Bei schwer gebleichten, langsam wachsenden Korallen rechnen die Forscher dagegen mit Jahrzehnten oder länger, bis sie zurückkehren. Voraussetzung ist, dass das Riff in dieser Zeit nicht erneut von einer Hitzewelle getroffen wird.
Was ich als Taucher daraus mitnehme
Ich halte nichts davon, so zu tun, als könnten Sporttaucher eine Massenbleiche verhindern. Die Ursache liegt im Wasser, das zu warm ist, und daran ändert keine Tarierübung etwas. Trotzdem gibt es einen Teil, der in unserer Hand liegt, und der wird mit jeder Bleiche wichtiger.
Eine gebleichte Koralle ist geschwächt. Die Forscher weisen ausdrücklich darauf hin, dass sie nach der Hitze anfälliger für Krankheiten und zusätzliche Belastungen ist. Jede Flosse, die an einen Korallenstock schlägt, jede Hand, die sich am Riff abstützt, jeder aufgewirbelte Sand ist eine Belastung mehr für ein Tier, das gerade ums Überleben kämpft. Deshalb ist für mich saubere Tarierung kein Stilthema, sondern Riffschutz. Wer über einem gestressten Riff taucht, sollte austariert und mit etwas Abstand schweben können, ohne zu paddeln.
Daraus ergeben sich ein paar einfache Regeln, die ich jedem mitgebe:
- Fass am Riff nichts an, auch keine abgestorbenen Stellen. Was wie totes Gestein aussieht, ist oft der Rand einer Kolonie, die noch lebt.
- Achte auf deine Ausrüstung: Oktopus, Finimeter und Kameraband dürfen nicht über das Riff schleifen.
- Halte Abstand nach unten. Wer seine Tarierung nicht sicher im Griff hat, taucht über Sand und nicht über empfindlichen Korallen.
- Fotografiere nicht um jeden Preis. Für das perfekte Bild einer gebleichten Koralle kniet man sich nicht ins Riff.
Der zweite Punkt ist Beobachtung. Die Meeresparkbehörde betreibt mit Eye on the Reef ein Programm, über das Besucher, Schnorchler und Taucher Beobachtungen am Riff melden können, darunter ausdrücklich Korallenbleiche. Zertifizierte Taucher können sich außerdem für eine strukturiertere Erfassung schulen lassen. Gerade in einem Jahr wie diesem sind solche Meldungen wertvoll, denn Flugzeuge und Satelliten sehen nicht jedes Riff und jede Tiefe. Wer am Great Barrier Reef taucht und Bleiche sieht, sollte sie melden, statt sie nur zu fotografieren.
Und zum Schluss etwas, das ich jedem Tauchpartner sage: Ein Riff, das gerade leidet, verdient nicht weniger Besuch, sondern besseren Besuch. Gut ausgebildete Taucher, die hinschauen, nichts beschädigen und davon erzählen, sind für das Riff mehr wert als Leute, die es erst dann wiederentdecken, wenn es zu spät ist.
Häufige Fragen zur Korallenbleiche am Great Barrier Reef 2016
Quellen und weiterführende Links
- James Cook University: Only 7% of the Great Barrier Reef has avoided coral bleaching (20.04.2016) – 911 Riffe, 93 Prozent, 68 Riffe, 316 Riffe, 1.000 km nördlich von Port Douglas, fast 50 Prozent Sterblichkeit, bis zu 90 Prozent, 600 km zwischen Cairns und Mackay, Ex-Zyklon Winston, 1998/2002, Erholungszeiten, Tourismuszahlen, Zitate Hughes und Baird
- Time: Great Barrier Reef Bleaching: New Survey Shows 93% Affected (20.04.2016) – Vergleich mit 1998/2002 (40 Prozent unberührt, drei- bis viermal schwerer), Erholungsfähigkeit der Korallen, El Niño
- Malay Mail (Agenturmeldung): Coral bleaching hits 93pc of Australia’s Great Barrier Reef (20.04.2016) – Bleiche in Westaustralien und im Hafen von Sydney, Aussagen Baird zu Indonesien und Malediven
- ABC News: Barrier Reef coral bleaching threat level increased (20.03.2016) – Anhebung auf die höchste Reaktionsstufe, Greg Hunt
- The Conversation: Great Barrier Reef bleaching event: what happens next? – Reaktionsstufe 3 der GBRMPA, geschwächte Korallen anfälliger für Krankheiten und weitere Belastungen
- Mongabay: Global coral bleaching event hits Australia’s Great Barrier Reef hard (April 2016) – erste Überflüge Cooktown bis Papua-Neuguinea, vier Riffe ohne Bleiche auf 1.300 km, Lizard Island, Tauchbasen Cairns, Lady Elliot Island
- Smithsonian Magazine: Massive Bleaching Event Hits the Great Barrier Reef (22.03.2016) – Zooxanthellen, Wassertemperatur rund 1 °C über Normal, Zitat Justin Marshall
- NOAA STAR: NOAA’s Coral Reef Watch and Partners Announce 3rd Global Bleaching Event (09.10.2015) – drittes globales Bleiche-Ereignis, Zitat Mark Eakin, Prognose für 2016
- ScienceDaily (Mitteilung der NOAA): NOAA declares third ever global coral bleaching event (08.10.2015) – frühere globale Bleichen 1998 und 2010, Klimawandel und El Niño als Auslöser
- Barrier Reef Australia: Eye on the Reef – Citizen-Science-Programm der GBRMPA, Meldung von Korallenbleiche durch Taucher und Besucher

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