Die vierte globale Korallenbleiche auf einen Blick
- Ausgerufen: am 15. April 2024 von der US-Behörde NOAA gemeinsam mit der International Coral Reef Initiative (ICRI).
- Einordnung: die vierte globale Korallenbleiche seit Beginn der Aufzeichnungen und die zweite innerhalb von zehn Jahren.
- Zeitraum: erhebliche Bleiche von Februar 2023 bis April 2024, auf der Nord- und der Südhalbkugel jedes großen Ozeanbeckens.
- Ausmaß: rund 54 Prozent der Riffflächen weltweit standen unter bleichrelevantem Hitzestress, Tendenz nach Angaben der NOAA etwa ein Prozentpunkt mehr pro Woche.
- Betroffene Länder: Bleiche bestätigt in mindestens 53 Ländern und Gebieten, von Florida über das Rote Meer bis zu den Seychellen und dem Great Barrier Reef.
- Vorgänger: 1998 (rund 20 Prozent der Riffflächen), 2010 (rund 35 Prozent) und 2014 bis 2017 (mehr als 56 Prozent).
Jetzt ist es offiziell: Die Welt erlebt die vierte globale Korallenbleiche. Am 15. April 2024 hat die amerikanische Wetter- und Ozeanbehörde NOAA zusammen mit der International Coral Reef Initiative bestätigt, was viele Taucher seit dem vergangenen Sommer mit eigenen Augen sehen konnten. Von Februar 2023 bis April 2024 ist nach Angaben der NOAA in beiden Hemisphären jedes großen Ozeanbeckens erhebliche Bleiche dokumentiert worden – im Atlantik, im Pazifik und im Indischen Ozean. Das ist die zweite globale Bleiche innerhalb von zehn Jahren. Die letzte ist erst im Mai 2017 zu Ende gegangen.
Für jeden, der taucht oder schnorchelt, ist das keine abstrakte Klimameldung. Es betrifft die Riffe, auf die wir in den nächsten Monaten reisen: das Rote Meer, die Karibik, Florida, Ostafrika und die Seychellen im Indischen Ozean, den Südpazifik und das Great Barrier Reef. Wer weiß, was eine Bleiche ist, was sie für die Korallen bedeutet und wie man sich als Taucher an einem gestressten Riff verhält, sieht unter Wasser mehr und richtet weniger Schaden an.
NOAA und ICRI bestätigen die vierte globale Bleiche
Die Bestätigung kommt vom Coral Reef Watch, dem Überwachungsprogramm der NOAA. Es wertet Satellitendaten zur Meeresoberflächentemperatur aus, deren Reihe bis 1985 zurückreicht, und berechnet daraus, wo und wie lange Riffe unter Hitzestress stehen. Nach der Mitteilung vom 15. April 2024 ist bleichrelevanter Hitzestress im Atlantik, im Pazifik und im Indischen Ozean weit verbreitet gewesen und hält weiter an. Derek Manzello, Koordinator des Coral Reef Watch, fasst es so zusammen: Von Februar 2023 bis April 2024 sei erhebliche Korallenbleiche sowohl auf der Nord- als auch auf der Südhalbkugel jedes großen Ozeanbeckens dokumentiert worden.
Das Besondere an dieser Bleiche ist ihre Breite. Sie betrifft nicht eine Region, sondern jedes große Ozeanbecken, nördlich wie südlich des Äquators. Die International Coral Reef Initiative, die die NOAA mit leitet, spricht davon, dass die Bleiche seit Anfang 2023 in über 53 Staaten und Gebieten dokumentiert ist. Die Associated Press nennt mindestens 53 Länder, Territorien und lokale Wirtschaftsräume.
Die Zahl, die hängen bleibt, stammt ebenfalls vom Coral Reef Watch: Rund 54 Prozent der Riffflächen weltweit waren seit Februar 2023 einem Hitzestress ausgesetzt, der Bleiche auslösen kann. Und dieser Anteil wächst. Manzello sagte bei der Vorstellung, er steige derzeit um ungefähr ein Prozent pro Woche. Er erwartet, dass diese Bleiche mehr Riffflächen erfassen wird als jede zuvor, und nannte das Ereignis eine weitere, sehr dringende globale Warnung zum Zustand der Ozeane.
Die Bleiche trifft nahezu jedes bekannte Tauchrevier
Die Liste der betroffenen Gebiete liest sich wie ein Reisekatalog für Taucher. Die NOAA nennt ausdrücklich Florida, die Karibik und Brasilien. Im östlichen tropischen Pazifik sind Mexiko, El Salvador, Costa Rica, Panama und Kolumbien betroffen. Dazu kommen das Great Barrier Reef in Australien und große Teile des Südpazifiks mit Fidschi, Vanuatu, Tuvalu, Kiribati, den Samoa-Inseln und Französisch-Polynesien.
Für europäische Taucher besonders wichtig: Auch das Rote Meer steht auf der Liste, einschließlich des Golfs von Akaba. Außerdem der Persische Golf und der Golf von Aden. Im Indischen Ozean hat die NOAA Bestätigungen für weit verbreitete Bleiche aus Tansania, Kenia, Mauritius, von den Seychellen, Tromelin, Mayotte und von der Westküste Indonesiens erhalten.
Am Great Barrier Reef ist die Lage schon seit März bekannt. Das Australian Institute of Marine Science hat am 8. März 2024 nach Überflügen bestätigt, dass dort eine Massenbleiche läuft – die fünfte seit 2016. Frühere Massenbleichen am Great Barrier Reef gab es 1998, 2002, 2016, 2017, 2020 und 2022. Wer die Jahreszahlen nebeneinanderlegt, sieht das Problem: Die Abstände werden kürzer.
Florida hat 2023 eine Ausnahmesituation erlebt. Die NOAA beschreibt die Hitzewelle dort als beispiellos: Sie begann früher, dauerte länger und war heftiger als jedes frühere Ereignis in der Region. Im Rahmen ihres Programms Mission: Iconic Reefs hat die NOAA Korallen-Aufzuchtstationen in tieferes, kühleres Wasser verlegt und an anderen Stellen Sonnensegel aufgespannt, um Korallen zu schützen.
Bleiche heißt Stress, nicht automatisch Tod
Eine Steinkoralle lebt in enger Gemeinschaft mit winzigen Algen, die in ihrem Gewebe sitzen. Diese Algen betreiben Photosynthese, sind eine Nahrungsquelle der Koralle und geben ihr die Farbe. Wird das Wasser über längere Zeit zu warm, stoßen die gestressten Korallen diese Algen aus. Zurück bleibt durchsichtiges Gewebe, durch das das weiße Kalkskelett schimmert. Daher der Name.
Wichtig für die Einordnung: Eine gebleichte Koralle ist nicht automatisch eine tote Koralle. Die NOAA betont das ausdrücklich. Lässt der Stress nach, können sich Korallen erholen, und das Riff kann weiter seine Aufgaben erfüllen. Die ICRI formuliert es genauso: Gebleichte Korallen sterben nicht zwangsläufig. Die NOAA hat zur Mitteilung ein Bild einer Sternkoralle vor St. Croix auf den Amerikanischen Jungferninseln veröffentlicht, die im Mai 2023 gesund, im Oktober 2023 gebleicht und im März 2024 wieder erholt war.
Die Kehrseite beschreibt Manzello genauso deutlich: Sind solche Ereignisse heftig genug oder dauern sie lange genug, sterben Korallen. Das trifft dann auch die Menschen, die von den Riffen leben. Eine gebleichte Koralle hat ihre Algen und damit eine Nahrungsquelle verloren. Je länger die Hitze anhält, desto geringer wird ihre Chance, sich zu erholen.
Den Hitzestress misst der Coral Reef Watch in Stufen. Die Karte zur Mitteilung zeigt die Gebiete, die zwischen dem 1. Januar 2023 und dem 10. April 2024 die Bleaching Alert Levels 2 bis 5 erreicht haben. Das sind die Stufen, bei denen die NOAA mit riffweiter Bleiche und Korallensterben rechnet.
Die Abstände zwischen den globalen Bleichen schrumpfen
Die erste globale Korallenbleiche fiel ins Jahr 1998. Damals standen nach Angaben des Coral Reef Watch rund 20 Prozent der Riffflächen unter bleichrelevantem Hitzestress. Bei der zweiten, 2010, waren es rund 35 Prozent. Die dritte zog sich von 2014 bis 2017 über drei Jahre hin und erfasste mehr als 56 Prozent der Riffflächen. Sie gilt bisher als die größte.
Die aktuelle Bleiche liegt mit rund 54 Prozent schon jetzt knapp hinter diesem Rekord. Weil der Anteil wöchentlich wächst, rechnet die NOAA damit, dass sie ihn übertreffen wird. Zwischen dem Ende der dritten globalen Bleiche im Mai 2017 und dem Beginn der vierten Anfang 2023 lagen keine sechs Jahre. Für ein Korallenriff ist das wenig Zeit, um sich von einem schweren Einbruch zu erholen.
Die Ursache ist nicht umstritten. Die Weltmeere erwärmen sich, und dazu kommt der aktuelle El Niño, den Emily Darling von der Wildlife Conservation Society neben den steigenden Meerestemperaturen als wesentlichen Treiber nennt. Die Meerestemperaturen erreichten im Februar 2024 einen Rekordwert, und seit Juni 2023 hat jeder Monat einen neuen Temperaturrekord aufgestellt. Manzello sagt es ohne Umschweife: Wenn sich die Ozeane weiter erwärmen, wird Korallenbleiche häufiger und schwerer. Jennifer Koss, Direktorin des Coral Reef Conservation Program der NOAA, weist darauf hin, dass Klimamodelle genau diese Entwicklung seit Jahren vorhersagen. Selina Stead, Chefin des Australian Institute of Marine Science, nennt den Klimawandel die größte Bedrohung für Korallenriffe weltweit.
Was die Bleiche für deine nächste Tauchreise bedeutet
Absagen musst du deshalb nichts. Aber du solltest realistisch planen. Viele der beliebtesten Reviere stehen auf der Liste der NOAA. Je nach Region, Tiefe und Zeitpunkt kann ein Riff gesund, teilweise gebleicht, schwer gebleicht oder schon in der Erholungsphase sein.
Der Coral Reef Watch veröffentlicht seine Hitzestress-Karten frei im Netz. Wer vor einer Reise nachsehen will, welche Alarmstufe für sein Zielgebiet gilt, findet dort die aktuellen Daten. Das ersetzt keinen Blick unter Wasser, zeigt aber, ob das Riff in den vergangenen Wochen unter Hitze stand. Frag außerdem bei deiner Tauchbasis nach. Eine gute Basis weiß, wie es um ihre Plätze steht, und sagt es dir ehrlich.
Die Bleiche verändert auch das Bild unter Wasser. Weiß leuchtende Korallen wirken im ersten Moment fast spektakulär, gerade auf Fotos. Was du da siehst, ist aber ein Riff im Ausnahmezustand. Ob sich die Korallen erholen oder absterben, hängt davon ab, wie lange und wie stark die Hitze anhält.
Aus der Praxis: Was du am gestressten Riff tun kannst
Ich sage es so: Die Bleiche selbst können wir als Taucher unter Wasser nicht verhindern. Die Ursache ist die Erwärmung der Meere, nicht der einzelne Flossenschlag. Aber wir können entscheiden, ob wir einem ohnehin geschwächten Riff zusätzlichen Schaden zufügen oder nicht. Eine gebleichte Koralle hat keine Reserven für abgebrochene Äste, aufgewirbelten Sand oder eine Hand, die sich kurz abstützt.
Das Wichtigste ist Tarierung. Wer seinen Auftrieb nicht sicher im Griff hat, gehört nicht dicht über ein Riff, schon gar nicht über ein gebleichtes. Ich empfehle, vor einer Reise in ein Riffgebiet bewusst Tarierung zu üben, im Freiwasser oder im Schwimmbad, bis du ohne Hände und ohne Flossenpaddeln auf einer Tiefe schweben kannst. Blei so knapp wie möglich, sauber getrimmt, die Flossen waagerecht hinter dir. Dann bleiben Füße und Knie da, wo sie hingehören.
Halte Abstand. Nichts anfassen, nicht abstützen, nicht festhalten. Wenn du dich in der Strömung stabilisieren musst, dann an nacktem Fels oder totem Untergrund, und nur mit einem Finger. Achte auf deine Ausrüstung: Oktopus, Finimeter und Lampe gehören am Körper befestigt und nicht baumelnd über die Korallen. Beim Fotografieren gilt das doppelt. Wer für ein Bild in eine Spalte kriecht oder sich auf dem Riff ablegt, richtet an einem gestressten Riff mehr Schaden an als an einem gesunden.
Nutze deine Tauchgänge auch zum Beobachten. Die CoralWatch-Initiative der University of Queensland stellt Tauchern und Schnorchlern eine kostenlose Farbkarte zur Verfügung, die Coral Health Chart. Damit lässt sich die Färbung einer Koralle einordnen und die Beobachtung als Datensatz einreichen. Auch der Coral Reef Watch der NOAA nimmt Beobachtungen zu Bleiche und Korallensterben entgegen. Solche Meldungen helfen, die Satellitendaten mit dem abzugleichen, was tatsächlich unter Wasser passiert.
Und schließlich die Reisewahl. Ich halte nichts davon, betroffene Gebiete zu meiden. Viele Tauchbasen und Gemeinden hängen genau jetzt an ihren Gästen. Aber such dir Basen aus, die ihre Gruppen klein halten, vor dem Tauchgang ein ordentliches Briefing zum Verhalten am Riff machen und bei Bedarf auch mal einen empfindlichen Platz auslassen. Das ist für mich ein besseres Qualitätsmerkmal als jeder Hochglanzprospekt.
Die Riffe brauchen jetzt Schonung und Zeit
Die NOAA stellt klar, dass ein globales Ereignis eine globale Antwort braucht. Die International Coral Reef Initiative, die die NOAA mit leitet, teilt nach eigenen Angaben die Erfahrungen aus den Hitzewellen 2023 in Florida und der Karibik mit ihren Mitgliedern und wendet sie bereits an. Die ICRI fördert Forschung zu Schutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen, und das Global Coral Reef Monitoring Network verfolgt die Auswirkungen der Bleiche. Für den 14. Mai hat die ICRI ein Webinar zum Stand der Bleiche und zur Reaktion der Riffgemeinschaft angekündigt.
Ob diese vierte globale Bleiche die dritte an Ausmaß übertrifft und wie viele Korallen am Ende absterben, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Die NOAA setzt deshalb auf ein Management, das die Widerstandskraft der Riffe stärkt, und auf Wiederherstellung. Als Taucher tragen wir unseren kleinen Teil dazu bei, wenn wir ein gestresstes Riff nicht zusätzlich belasten.
Häufige Fragen zur vierten globalen Korallenbleiche
Siehe auch: Korallenbleiche 2016: 93 Prozent des Great Barrier Reef betroffen
Quellen und weiterführende Links
- NOAA: NOAA confirms 4th global coral bleaching event (15. April 2024) – Bestätigung, betroffene Regionen und Länder, Zitate von Derek Manzello und Jennifer Koss, Erholung möglich, Florida 2023, Mission: Iconic Reefs, Alert-Level-Karte, St.-Croix-Bildreihe
- ICRI: NOAA and ICRI Confirm Fourth Global Coral Bleaching Event (16. April 2024) – gemeinsame Bestätigung, über 53 Staaten und Gebiete, Global Coral Reef Monitoring Network, Webinar am 14. Mai
- Mongabay: Global coral bleaching now underway looks set to be largest on record (15. April 2024) – rund 54 Prozent der Riffflächen unter Hitzestress, Vergleichswerte 1998, 2010 und 2014–2017, Zuwachs rund ein Prozent pro Woche, Manzellos Warnung, Emily Darling (WCS) zu El Niño und Meereserwärmung
- Grist: The world’s 4th coral bleaching event has officially arrived (16. April 2024) – frühere Bleichen 1998, 2010, 2014–2017, Temperaturrekorde seit Juni 2023 und im Februar 2024, Einschätzung Manzellos zur Größe
- Associated Press (via Fox News): Coral reefs of the world experiencing mass bleaching (16. April 2024) – mindestens 53 Länder und Gebiete, Ende der dritten Bleiche im Mai 2017, Mechanismus der Bleiche, Zitat Selina Stead (AIMS)
- AIMS: Aerial surveys reveal mass coral bleaching event unfolding on the Great Barrier Reef (8. März 2024) – fünfte Massenbleiche am Great Barrier Reef seit 2016, frühere Ereignisse 1998, 2002, 2016, 2017, 2020, 2022
- NOAA Coral Reef Watch: Current Global Bleaching – Status Update & Data Submission – Meldeweg für Bleichebeobachtungen, Einordnung der Alert Levels
- CoralWatch (University of Queensland) – kostenlose Coral Health Chart und Datenmeldung für Taucher und Schnorchler

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