Das Wrack Camarat 4 auf einen Blick
- Tiefe: 2.567 Meter vor Ramatuelle bei Saint-Tropez. Das ist das tiefste Wrack, das bisher in französischen Gewässern gefunden wurde.
- Fund: Am 4. März 2025 entdeckte ein Team der französischen Marine das Wrack zufällig bei einer militärischen Erkundung des Meeresbodens. Der Autonome Unterwasserroboter A18D hatte es auf dem Sonar.
- Bekanntgabe: Das Kulturministerium hat den Fund am Mittwochabend, dem 11. Juni 2025, bekannt gegeben. Die Seepräfektur Mittelmeer folgte am 12. Juni mit einer Pressemitteilung.
- Schiff: Das Wrack ist rund 30 Meter lang und 7 Meter breit. Nach bisherigem Stand war es ein Handelsschiff aus dem 16. Jahrhundert.
- Ladung: Sichtbar sind rund 200 bemalte Fayence-Krüge und etwa 100 Teller, beides vermutlich aus Ligurien. Dazu kommen Anker, sechs Kanonen und zwei Kessel.
- Bisheriger Rekord: Das U-Boot „La Minerve“ wurde 2019 in rund 2.300 Metern Tiefe vor Toulon gefunden.
Mehr als vier Jahrhunderte lag ein Frachtsegler unentdeckt vor der Küste der Côte d’Azur. Er liegt 2.567 Meter tief, und keine Karte verzeichnete ihn. Am Mittwochabend, dem 11. Juni 2025, hat das französische Kulturministerium den Fund bekannt gemacht. „Es ist das tiefste Schiffswrack, das je in französischen Hoheitsgewässern gefunden wurde“, sagte Arnaud Schaumasse. Er leitet das Drassm, die Abteilung des Ministeriums für Unterwasserarchäologie. Das Wrack heißt jetzt „Camarat 4“. Gefunden hat es die Marine schon am 4. März. Eine Unterwasserdrohne hatte bei einer Übung vor Ramatuelle südlich von Saint-Tropez den Meeresboden abgesucht.
Die Bilder zeigen einen Frachtraum voller Keramik. Die Krüge liegen dicht an dicht, daneben Stapel von Tellern, Kessel, Kanonen und ein Anker. Geplündert hat hier nie jemand, und genau das betonen die Archäologen. Camarat 4 zeigt, was ein Wrack alles erzählen kann, wenn niemand es anfasst. Genau daraus kann jeder Wracktaucher etwas lernen.
Die Marine hat nach etwas anderem gesucht
Nach alten Schiffen hat hier niemand gesucht. Laut der Seepräfektur Mittelmeer (Préfecture maritime de la Méditerranée) lief im März die Mission CALLIOPE 25.1. Sie gehört zur „maîtrise des fonds marins“, der Strategie des Verteidigungsministeriums für den Meeresboden. Frankreich will dabei die eigene Tiefsee erkunden und überwachen, von Rohstoffen bis zu Unterseekabeln. Eingesetzt war das GISMER. Diese Einheit des Taucher- und Unterwasserzentrums CEPHISMER der Marine arbeitet mit Robotern in großen Tiefen. Vom Unterstützungsschiff „Loire“ aus schickte das Team das autonome Tiefseefahrzeug A18D des Herstellers Exail los.
Das Wrack fiel erst nach dem Tauchgang auf, als die Bediener die Sonardaten auswerteten. Auf den Bildern erschien ein Objekt, das in keiner Seekarte stand. „Das Sonar hat etwas ziemlich Großes erfasst“, sagte der stellvertretende Seepräfekt Thierry de la Burgade der Nachrichtenagentur AFP. „Also sind wir mit der Kamera des Geräts noch einmal hin und dann mit einem Unterwasserroboter, um hochwertige Bilder zu machen.“ Die ersten Aufnahmen der Drohnenkamera gingen an das Drassm in Marseille.
Einige Wochen später kam die Marine bei der Mission CALLIOPE 25.2 wieder, diesmal vom gecharterten Schiff „Jason“ aus. Diesmal tauchte ein ferngesteuerter Roboter (ROV) der Firma Louis-Dreyfus Travocean ab, der bis 4.000 Meter tief arbeiten kann. Er lieferte Farbfotos und Videos in hoher Qualität. Die Seepräfektur betont, dass das Wrack dabei nicht berührt wurde. So sollte der Fundort unversehrt bleiben.
Ein Frachtraum voller ligurischer Fayence
Der Name hat mit der Ladung nichts zu tun, er ist schlicht Verwaltung. Camarat 4 ist das vierte maritime Kulturgut, das in diesem Seegebiet am Cap Camarat erfasst wurde. Das Wrack ist etwa 30 Meter lang und 7 Meter breit. Die Seepräfektur spricht von einem großen Schiff. Vermutlich handelte es sich um ein Handelsschiff aus dem 16. Jahrhundert.
Die Ladung ist auf den Bildern gut zu erkennen. Rund 200 bemalte Krüge aus Fayence liegen frei, und viele weitere stecken offenbar noch im Sediment. Die Krüge sind bauchig, haben eine eingedrückte Ausgusstülle und einen bandförmigen Henkel. Manche tragen das Christusmonogramm „IHS“, andere Pflanzen- oder geometrische Muster zwischen zwei umlaufenden Linien. Solche Krüge sind laut Drassm typisch für Ligurien im 16. Jahrhundert, eine Region im heutigen Norditalien, und gut erforscht. Dazu kommen rund 100 Teller, die nach AFP-Angaben gelb glasiert sind und wohl auch aus Ligurien stammen. Nach Angaben der AFP gehen die Fachleute davon aus, dass das Schiff aus Norditalien kam und Keramik und Metallbarren geladen hatte.
Die Schiffsausrüstung ist ebenfalls zu sehen: Anker, Kanonen und zwei Kessel. Laut AFP haben die Fachleute sechs Kanonen gezählt. Viele weitere Reste stecken im Sand und werden erst bei den nächsten Untersuchungen genauer beschrieben. Warum das Schiff gesunken ist, ist nach Angaben von Euronews bisher unbekannt.
Bisher lag der Rekord bei 2.300 Metern
So tief wurde in Gewässern unter französischer Hoheit noch kein Kulturgut erfasst, schreibt die Seepräfektur. Das bisher tiefste bekannte Wrack war laut AFP das U-Boot „La Minerve“. Es wurde 2019 in rund 2,3 Kilometern Tiefe vor Toulon gefunden. Die „Minerve“ war 1968 bei einer Routinefahrt gesunken, 52 Seeleute starben. Als Tiefe werden 2.567 Meter genannt, in amerikanischen Berichten 8.422 Fuß, was dasselbe ist.
Warum das Wrack so gut erhalten ist, erklärt die Seepräfektur selbst. Nach dem Untergang sei in dieser Tiefe keine Bergung möglich gewesen. In dieser Tiefe sei das Wrack vor jeder Zerstörung geschützt gewesen, vor allem vor Plünderung. In den Tiefen sei die Zeit im 16. Jahrhundert stehen geblieben. Marine Sadania sagte der AFP: „Der Fundort ist dank seiner Tiefe, die jede Bergung und jede Plünderung verhindert hat, intakt geblieben, als wäre die Zeit stehen geblieben. Das ist außergewöhnlich.“
Selbst in 2.567 Metern liegt Müll
Die Freude hat allerdings einen Haken, der auf den Fotos gleich auffällt. Zwischen der Keramik aus dem 16. Jahrhundert liegt moderner Müll. Die AFP erwähnt eine Getränkedose und einen leeren Joghurtbecher. Auf einem der veröffentlichten Bilder liegt eine Aluminiumdose direkt neben dem Anker. Die Seepräfektur schreibt, das Wrack sei nicht verschont geblieben. Mikro- und Makroabfälle lägen in großer Zahl am Fundort und hätten sich in den Wrackstrukturen verfangen. Deshalb sind neben der Forschung auch Aktionen geplant, die auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam machen sollen.
Das bedeutet: Vor Plünderern schützt die Tiefe, vor dem Müll von der Oberfläche nicht. Was oben ins Meer geworfen wird, sinkt irgendwann auf den Grund, auch zweieinhalb Kilometer tief.
Zwei Jahre Forschung ohne Taucher
Das Drassm hat einen Plan vorgestellt. Zuerst wird die Umgebung des Wracks untersucht, dann das ganze Wrack per Photogrammetrie erfasst. Danach sollen gezielt einzelne Fundstücke geborgen werden. Ausgewertet wird das von Archäologen, Keramikfachleuten und Spezialisten für Schiffbau, Geschütze, Anker und Sachkultur, dazu kommen Restauratoren und Konservatoren. Marine Sadania sagte der AFP, das Team wolle in den kommenden zwei Jahren ein digitales 3D-Modell des Schiffs erstellen und Proben nehmen. Später sollen Modelle und Ausstellungen die Funde der Öffentlichkeit zeigen.
Menschen tauchen dafür nicht ab. Laut Verteidigungsministerium, das die AFP zitiert, holt man Gegenstände mit einem Tauchroboter herauf. Der hat Greifer oder Arme und hängt an einem langen Kabel am Schiff an der Oberfläche. Das Drassm nennt Camarat 4 einen bemerkenswerten Fund, weil er so tief liegt, weil es so etwas noch nicht gab und weil man hier ein fast unberührtes Ensemble aus dem 16. Jahrhundert untersuchen kann. Das Wrack gehört damit zu den vielen Wracks aus dem 16. Jahrhundert, die in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur bereits bekannt sind.
Was Wracktaucher aus Camarat 4 lernen
Ich finde an diesem Fund eine Sache besonders lehrreich. Sie hat mit Rekorden nichts zu tun. Camarat 4 zeigt, wie ein Wrack aussieht, auf das nie jemand getaucht ist. Die Krüge liegen noch in der Ladung, die Kanonen an Bord, die Teller in Stapeln. Die Fachleute führen das ausdrücklich auf die Tiefe zurück, die jede Bergung und jede Plünderung verhindert hat. Ein Wrack in Tauchtiefe hat diesen Schutz nicht.
Warum die Tiefe schützt. Die Grenze fürs Sporttauchen mit Luft liegt nach den PADI-Standards bei 40 Metern. Camarat 4 liegt mehr als sechzigmal so tief. Dahin kommt nur ein Roboter an einem Kabel. Auch Grundschleppnetze sind dort unten nicht erlaubt. Die Allgemeine Fischereikommission für das Mittelmeer (GFCM) hat 2005 beschlossen, dass ihre Mitglieder Schleppnetze und Dredgen unterhalb von 1.000 Metern Tiefe verbieten. Die Seepräfektur fasst es knapp zusammen: Es gab keine Bergung und keine Plünderung. Die UNESCO sagt es in ihrem Verhaltenskodex für Taucher so: Ein Fundstück, das ohne Dokumentation aus dem Wrack genommen wird, verliert seinen Zusammenhang.
Was in Frankreich gilt. Wer vor der französischen Küste taucht, sollte die Regeln für maritime Kulturgüter (biens culturels maritimes) kennen. Nach Artikel L532-1 des Code du patrimoine gehören dazu Wracks, Fundstellen und Reste mit vorgeschichtlichem, archäologischem oder historischem Wert. Das gilt im öffentlichen Meeresgebiet, dem domaine public maritime, und in der Anschlusszone. Artikel L532-3 sagt: Wer ein solches Kulturgut findet, muss es an Ort und Stelle lassen und darf es nicht beschädigen. Innerhalb von 48 Stunden nach dem Fund oder nach der Ankunft im ersten Hafen muss er es melden. Zuständig ist das Drassm in Marseille. Ohne Genehmigung darf niemand nach solchen Gütern suchen, etwas bewegen oder etwas mitnehmen (Artikel L532-7). Findet sich kein Eigentümer, gehören die Güter dem Staat (Artikel L532-2). Eine Übersicht des Kulturministeriums nennt die Strafen: bis zu 7.500 Euro für unerlaubtes Suchen, Bewegen oder Mitnehmen und 3.750 Euro für eine fehlende oder falsche Meldung. Für Kauf und Verkauf solcher Güter drohen bis zu zwei Jahre Haft.
Was international gilt. Die UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasserkulturerbes wurde am 2. November 2001 in Paris beschlossen und gilt seit 2009. Sie schützt alle Spuren menschlichen Lebens, die mindestens 100 Jahre unter Wasser liegen, also auch Schiffe mit ihrer Ladung. Ein 500 Jahre altes Handelsschiff fällt eindeutig darunter. Zwei Grundsätze der Konvention sind für Taucher besonders wichtig. Erstens sollen Fundstellen möglichst bleiben, wo sie sind (Artikel 2 Absatz 5). Zweitens darf das Unterwasserkulturerbe nicht kommerziell ausgebeutet werden (Artikel 2 Absatz 7). Die französische Nationalversammlung hat der Ratifizierung im November 2012 zugestimmt. Die Konvention sagt aber auch, dass die Öffentlichkeit Fundstellen verantwortungsvoll und ohne Schaden besuchen soll, um sie zu sehen und zu dokumentieren (Artikel 2 Absatz 10). Wracktauchen ist also ausdrücklich erwünscht, nur eben ohne Mitnehmen.
Was ich daraus für den eigenen Tauchgang ziehe. Die Marine hat ihr Wrack ohne jede Berührung gefilmt. Diese Zurückhaltung kann man sich zum Vorbild nehmen. Für mich heißt das ganz konkret:
- Tarierung vor Neugier. Wer am Wrack nicht sauber schwebt, wirbelt Sediment auf oder stößt mit Flossen und Kamera an. Der UNESCO-Kodex nennt ausdrücklich den Schaden durch Fotoausrüstung.
- Nichts mitnehmen. Kein Scherbenstück, kein Nagel, keine Muschel vom Kanonenrohr. Der Kodex der UNESCO sagt es klar: kein Gegenstand von einem Wrack oder einer versunkenen Ruine. In Frankreich ist das zudem eine Straftat.
- Vorher informieren. Für manche Wracks braucht man eine Genehmigung. Wer an ein unbekanntes Ziel taucht, sollte die örtlichen Regeln kennen.
- Dokumentieren statt bergen. Fotos, Skizzen und eine genaue Position helfen der Archäologie mehr als jedes Souvenir.
- Melden. Wer auf etwas Unbekanntes stößt, meldet es in Frankreich innerhalb von 48 Stunden beim Drassm. Die Marine hat im März genau das getan und ihre Bilder an die Archäologen übergeben.
- Müll mitnehmen. Die Getränkedose neben dem Anker von Camarat 4 zeigt, was wirklich nicht ins Wrack gehört. Mitnehmen sollte man höchstens frei liegenden Abfall, den man erreicht, ohne das Wrack zu berühren. Die Kulturgüter selbst bleiben liegen.
Camarat 4 wird kein Sporttaucher je sehen, außer auf Bildschirmen und später vielleicht im 3D-Modell. Das Wrack zeigt aber, wie viel ein Wrack erzählen kann, wenn es vollständig bleibt. Wracks in Tauchtiefe haben keinen solchen Schutz. Umso wichtiger ist, dass wir sie so hinterlassen, wie wir sie angetroffen haben.
Häufige Fragen zu Camarat 4
Quellen und weiterführende Links
- Préfecture maritime de la Méditerranée: Découverte remarquable – l’épave la plus profonde référencée dans les eaux sous juridiction française (12. Juni 2025) – Fund am 4. März 2025, Missionen CALLIOPE 25.1 und 25.2, CEPHISMER/GISMER, AUV A18D, BSAM Loire, ROV bis 4.000 m, keine Berührung, Name, 30 × 7 m, Krüge, Teller, Ausrüstung, Müll, Forschungsplan
- CBS News/AFP: Underwater military drone accidentally stumbles upon deepest shipwreck ever found off France (12. Juni 2025) – Zitate Schaumasse („late Wednesday“), de la Burgade und Sadania, 8.422 Fuß, sechs Kanonen, gelbe Teller, Metallbarren, Müll, Zwei-Jahres-Plan, Bergung per Roboter, La Minerve
- Euronews: Extraordinary 16th-century shipwreck discovered at record depth off French coast (13. Juni 2025) – Tiefe 2.567 m, Fund im März 2025 bei einer Mission der Marine, Untergangsursache unbekannt
- Archaeology Magazine: France’s deepest shipwreck found (13. Juni 2025) – Maße, Ladung, La Minerve 2019 in 2,3 km
- Popular Science: Shipwreck over a mile deep has centuries’ old artifacts – and modern garbage (13. Juni 2025) – Aluminiumdosen auf den offiziellen Bildern, Zitat Sadania
- Divernet: Deepest-ever shipwreck in French seas is 1500s trader (13. Juni 2025) – Fund am 4. März 2025, Lage am Cap Camarat, Sonar und AUV
- Ministère de la Culture: Découverte de bien culturel maritime – Meldung beim Drassm binnen 48 Stunden, Pflicht zum Liegenlassen, Artikel L532-3
- Ministère de la Culture: Les infractions en matière d’atteinte au patrimoine archéologique (2017) – Wortlaut L532-1, L532-2, L532-3, L532-7, Strafen nach L544-5, L544-6 und L544-7
- Parc national des Calanques: Les biens culturels maritimes (2017) – Definition, 48-Stunden-Meldung, Eigentum des Staates nach drei Jahren
- Assemblée nationale: Projet de loi n° 90 mit dem Text der Konvention von 2001 – Artikel 1 (100 Jahre), Artikel 2 Absätze 5, 7 und 10, Regeln 1 und 2 des Anhangs
- Assemblée nationale: Texte adopté n° 34 (19. November 2012) – Zustimmung zur Ratifizierung der Konvention vom 2. November 2001
- Wikipedia: Convention on the Protection of the Underwater Cultural Heritage – Beschluss am 2. November 2001, in Kraft seit 2. Januar 2009
- UNESCO: Code of Ethics for Diving on Submerged Archaeological Sites – Wracks unberührt lassen, keine Gegenstände mitnehmen, Genehmigungen, vorsichtig fotografieren, Funde melden und dokumentieren
- GFCM: Recommendation GFCM/2005/1 – Verbot von Schleppnetzen und Dredgen unterhalb von 1.000 m Tiefe
- PADI: How Deep Can a Scuba Diver Go? – Tiefengrenzen 18, 30 und 40 m im Sporttauchen

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