Jacques Mayol (1. April 1927 in Shanghai – 22. Dezember 2001 in Capoliveri auf Elba) war ein französischer Apnoetaucher und der erste Mensch, der ohne Atemgerät die Tiefe von hundert Metern erreichte. Er war zugleich der Grund, aus dem Physiologen ihre Vorstellung von der Grenze des Apnoetauchens aufgeben mussten — und die Vorlage für den Film „Im Rausch der Tiefe“.
Der Weg in die Tiefe
Mayols Antrieb kam nicht aus dem Sport, sondern aus einer Begegnung. 1955 arbeitete er als Berufstaucher an einem Aquarium in Miami und freundete sich dort mit einer Delfinkuh namens Clown an. Er sah ihr das Tauchen ab: wie sie sich bewegte, wie sie atmete, wie lange sie unten blieb. Aus dieser Beobachtung wurde später eine Lebensidee.
1966 traf er auf den Bahamas den Sizilianer Enzo Maiorca, damals Inhaber der Tiefenbestmarke, und nahm sie ihm mit 60 Metern ab. Damit begann ein Duell, das sich über fast zwei Jahrzehnte zog. Maiorca hatte 1960 als Erster die 50 Meter durchbrochen; Mayol ging 1968 als Erster unter 70 Meter, 1970 auf 76 Meter und 1973 vor Elba auf 85 Meter — fünf Meter tiefer als Maiorcas Marke aus demselben Jahr.
Am 23. November 1976, mit 49 Jahren, tauchte er vor Elba auf hundert Meter. Die Quellen nennen teils 100, teils 101 Meter; die Schallmauer war in jedem Fall durchbrochen. Er fuhr an einem beschwerten Schlitten ab und kam an einem Hebeballon zurück — heute heißt diese Disziplin No Limit. 1981 stellte er zusätzlich eine Marke von 61 Metern im Konstantgewicht auf, also allein mit Flossenkraft. Seinen letzten Tieftauchgang machte er 1983 mit 56 Jahren: 105 Meter. Maiorca kam 1988 noch einmal zurück und erreichte 101 Meter, blieb damit aber unter Mayols Marke.
Wie viele Weltrekorde daraus zusammenkommen, wird unterschiedlich gezählt — manche Darstellungen nennen acht, andere zehn.
Was die Ärzte an ihm maßen
Vor Mayol galt eine einfache Rechnung als Grenze: Nach Boyle-Mariotte presst der Umgebungsdruck die Lunge zusammen; ist das Residualvolumen erreicht, ist Schluss. Für die meisten Menschen liegt dieser Punkt bei 30 bis 40 Metern. Mayol tauchte doppelt und dreifach so tief.
Eine Untersuchung von Schaefer und Mitarbeitern, 1968 in Science veröffentlicht, lieferte die Zahlen dazu. Bei Mayol, der damals 70 Meter erreichte, wurden ein Residualvolumen von 1,88 Litern und eine Totalkapazität von 7,22 Litern gemessen. Rechnerisch hätte er damit nur 28 Meter tauchen dürfen. Damit kein Lungenbarotrauma entsteht, mussten rund 980 Milliliter Blut in den Brustkorb verlagert worden sein. Dieser Blood Shift — Blut aus Bauchraum und Gliedmaßen füllt die Lungenkapillaren und ersetzt das fehlende Gasvolumen — war bis dahin von Robben und Walen bekannt, nicht vom Menschen.
Gemessen wurde auch der Puls. Während des Hundertmetertauchgangs fiel seine Herzfrequenz nach den vorliegenden Angaben von 60 auf 27 Schläge pro Minute; Alessandro Marroni, der spätere Gründer des Divers Alert Network in Europa, maß in 86 Metern Tiefe 28 Schläge. Das ist der Tauchreflex in seiner ausgeprägtesten beim Menschen dokumentierten Form. Die begleitenden Ärzte verfolgten außerdem Sauerstoff- und Kohlendioxidpartialdruck und das Blutbild; ein eigens gebautes Gerät nahm das EKG bis in 62 Meter Tiefe auf.
Seine Methode war Atemarbeit. In den 1960er-Jahren reiste er nach Indien, um Pranayama zu lernen, und machte Yoga zum festen Bestandteil seines Trainings — er war damit der erste Taucher, der diese Technik ins Apnoetauchen einführte. In Ruhe konnte er den Atemreiz rund sieben Minuten unterdrücken.
Homo Delphinus
Aus den Delfinen wurde eine Philosophie. In seinem Buch Homo Delphinus — zuerst 1979 auf Italienisch bei Giunti-Martello, 1986 auf Französisch bei Glénat, 2000 auf Englisch — entwickelt Mayol die Vorstellung, der Mensch trage ein wässriges Erbe in sich, das sich wieder wecken lasse. Er bezieht sich dabei auf die Wasseraffen-Hypothese und hält fest, der Mensch könne „dormant mental and spiritual faculties“ und die zugehörigen körperlichen Mechanismen wieder in Gebrauch nehmen. Seine Prognose: In ein paar Generationen werde es Menschen geben, die 300 Meter tief tauchen und zehn Minuten die Luft anhalten.
Das ist eine Spekulation und keine physiologische Aussage. Als Haltung erklärt sie aber, warum Mayol seine Tauchgänge nie als Sport verstand.
„Im Rausch der Tiefe“
Luc Bessons Film Le Grand Bleu von 1988 machte Mayol weit über das Tauchen hinaus bekannt. Im Abspann steht er als Mitautor des Drehbuchs. Bei der Vorstellung des Films in Cannes 1988 stellte er das selbst richtig: Am Drehbuch sei er nicht unmittelbar beteiligt gewesen, er habe dessen Entstehung begleitet, ohne sich stark einzumischen. Tatsächlich wirkte er als Berater.
Der Film ist, wie die französische Wikipedia es formuliert, „très librement inspiré“ — sehr frei nach dem Leben von Mayol und Maiorca. Die gemeinsame Kindheit auf einer griechischen Insel ist erfunden; die beiden lernten sich 1966 auf den Bahamas kennen. Maiorca heißt im Film Enzo Molinari, weil Besson sein Einverständnis nicht bekam, und die Rekordtiefe wird auf 120 Meter gesteigert. Maiorca erkannte sich dennoch wieder und ließ den Film in Italien vierzehn Jahre lang nicht zeigen; erst 2002 kam er dort in die Kinos. Auch zwischen Mayol und Besson blieb ein Zerwürfnis über die Verwertung der Geschichte.
Warum seine Marken heute in keiner Rekordliste stehen
Mayols Tiefen sind historische Bestmarken, keine geführten Weltrekorde. Die CMAS hatte die Anerkennung von No-Limit-Rekorden schon vor 1976 eingestellt. Der Apnoe-Verband AIDA wurde erst am 2. November 1992 in Nizza gegründet; seine Rekordliste für No Limit beginnt 1993 mit Umberto Pelizzari und 123 Metern. Mayol steht dort nicht. Inzwischen wird die Disziplin No Limit von keinem Verband mehr geführt — sie gilt als zu gefährlich.
Das ist der nüchterne Rahmen, in den die hundert Meter gehören: eine Leistung aus einer Zeit ohne Reglement, vermessen von Ärzten statt von Kampfrichtern. Für die Tauchmedizin war genau das ihr Wert. Was sie nicht ist: ein Vorbild. Tiefenapnoe ohne Ausbildung, Sicherung und Partner ist lebensgefährlich, und der Blackout kommt ohne Vorwarnung. Wer Apnoe lernen will, findet den Weg dorthin im Eintrag Apnoetauchen.
Mayol starb am 22. Dezember 2001 in seinem Haus bei Capoliveri auf Elba, wo er mehr als dreißig Jahre gelebt hatte. Seine Asche wurde vor der toskanischen Küste verstreut.
Quellen
- Tetzlaff u. a., Going to Extremes of Lung Physiology — Deep Breath-Hold Diving, Frontiers in Physiology 2021 — die Übersichtsarbeit mit den Messwerten aus Schaefer u. a., Science 162 (1968): Residualvolumen 1,88 l, Totalkapazität 7,22 l, Blood Shift 980 ml.
- Alert Diver Europe (DAN Europe): The Dolphin Man — die ärztliche Begleitung durch Alessandro Marroni, 28 Schläge pro Minute in 86 Metern, Blutbild, Yoga.
- Wikipedia: Jacques Mayol (englisch) und französisch — Lebensdaten, Rekordfolge, Homo Delphinus.
- Wikipedia: Le Grand Bleu — die Credits, Mayols Richtigstellung in Cannes 1988 und die Abweichungen vom Leben.
- Wikipedia: Enzo Maiorca — dessen Rekordfolge und das Aufführungsverbot in Italien bis 2002.
- AIDA, Rekordhistorie No Limit — die Liste beginnt 1993.
- Wikipedia: No-limits apnea — die Disziplin wird von keinem Verband mehr geführt.
Zur Quellenlage: Die Lebensdaten stimmen in vier Sprachfassungen überein. Bei drei Punkten gehen die Angaben auseinander und sind oben beide genannt: die Tiefe von 1976 (100 oder 101 Meter), die Zahl der Weltrekorde (acht oder zehn) und das Erscheinungsjahr von Homo Delphinus, das je nach Ausgabe mit 1979, 1983, 1986 oder 2000 angegeben wird. Für das genaue Jahr, in dem die CMAS die Anerkennung der Tiefenrekorde einstellte, liegt keine Fundstelle vor; belegt ist nur, dass es vor 1976 geschah. Zeitgenössische Nachrufe der überregionalen Presse liegen nicht als frei zugängliche Fundstelle vor.
