Eistauchen

Eistauchen ist das Gerätetauchen unter einer geschlossenen Eisdecke. Weil die einzige Ein- und Ausstiegsmöglichkeit das geschnittene Loch ist, gehört es zu den Überkopfumgebungen: Ein direkter Notaufstieg ist unmöglich. Darin ähnelt es dem Höhlen- und dem Wracktauchen — und daraus folgt alles Weitere, von der Leine über die Ausrüstung bis zur Gasplanung.

Bevor jemand ins Wasser geht: das Eis

Zuerst muss die Decke tragen, und zwar auch dann noch, wenn sie aufgeschnitten ist. Die Angaben der DLRG gehen dabei auseinander. Der Bezirk Rhein-Sieg nennt mindestens 8 cm für eine einzelne Person, mindestens 15 cm für mehrere und ab 30 cm für Kraftfahrzeuge. Der Landesverband Hamburg setzt deutlich höher an: „Erst wenn das Eis in einem See mindestens 15-20 Zentimeter dick gefroren ist, kann man nach Empfehlungen der DLRG riskieren, das Eis zu betreten.“ Beide sind DLRG, und beide verweisen auf dasselbe: Bei bekannten Gewässern entscheidet die Freigabe durch die örtliche Behörde.

Maßgeblich ist in jedem Fall das Kerneis, also Eis ohne Luft- und Schneeeinschlüsse. Auf Fließgewässern und bei Packeis braucht es deutlich mehr. Der VDST verzichtet in seinen Eistauchstandards auf eine Zentimeterzahl und verlangt stattdessen, dass die Tragfähigkeit von Tauchern mit Kälteschutz und Leinensicherung erkundet wird.

Das Einstiegsloch

Üblich ist ein Dreieck. Der Grund ist nicht Ästhetik, sondern der Ausstieg: Im spitzen Winkel kann sich ein Taucher mit Flaschen auf dem Rücken verkeilen und hochdrücken, an einer geraden Kante rutscht er ab. Die VDST-Standards verlangen eine Kantenlänge von mindestens zwei Metern und empfehlen, die Spitzen mit dem Eisbohrer zu öffnen, um Schläge mit der Axt zu vermeiden. Unter dem Loch sollen mindestens drei Meter Wasser stehen, damit das Sediment nicht aufgewirbelt wird.

Rund um das Loch wird abgesichert: Bohlen oder Rutschbremse aus Sand oder Splitt etwa drei Meter weit, rot-weißes Signalband, bei Bedarf Notausstiegslöcher. Die Leinenenden werden an einem festen Punkt an Land oder mit einer Eisschraube einige Meter vom Rand entfernt verankert. Nach dem letzten Tauchgang bleibt die Stelle bis zum Festfrieren deutlich markiert — Schlittschuhläufer und Spaziergänger sehen ein zugefrorenes Loch nicht.

Die Leine ist die Sicherung

Unter Eis wird an der Leine getaucht, nicht nach Kompass. Die VDST-Standards nennen sie „die einzige Möglichkeit, dass Einstiegsloch sicher wieder zu finden“. Die Eckwerte:

  • Signal- und Führungsleine: höchstens 30 m nutzbare Länge im Wasser, empfohlene Gesamtlänge mindestens 50 m, signalfarben, schwimmfähig, Bruchfestigkeit über 2000 N.
  • Notfallleine der Sicherungsgruppe: mindestens 10 m länger, empfohlen mindestens 60 m.
  • Buddyleine: getrennt, etwa 1,5 m. Den Partner in die Führungsleine einzuschleifen ist nicht zulässig, weil beide beim Einholen zusammengezogen würden.
  • Besetzung: ein Signalmann an der Leine, ein oder höchstens zwei Taucher im Wasser. Pro Loch taucht immer nur ein Team. Eine Sicherungsgruppe aus Signalmann und tauchfertigem Taucher steht die ganze Zeit bereit.

Die Leinensignale sind bewusst arm an Varianten. Der VDST sieht nur zwei vor: ein Zug ist das Notsignal beziehungsweise die Aufforderung auszutauchen, fünf Züge heißen „alles in Ordnung“ oder fragen danach. Jedes Zeichen wird durch Wiederholung quittiert, abgefragt wird alle zwei bis drei Minuten — und, das ist der wichtigste Satz des ganzen Standards: „Unklare Signale werden als Notsignale gedeutet.“ Einheitlich genormt sind die Signale nicht; im Rettungsdienst gelten nach DGUV-Regel andere.

Reichweite und Tiefe

Zahlen setzen vor allem die internationalen Verbände. SSI begrenzt den Eistauchgang auf 30 Meter Tiefe und 40 Meter lineare Entfernung vom Einstieg, lässt keine Dekompressionstauchgänge zu und schreibt im Eis ein Verhältnis von drei Schülern je Ausbilder vor. PADI nennt ebenfalls 40 Meter lineare Entfernung. Die aktuelle VDST-Spezialkurs-Ordnung legt weder eine Höchsttiefe noch eine Höchstentfernung fest; dort begrenzt faktisch die Leinenlänge.

Die Ausrüstung friert, nicht der Taucher zuerst

Das häufigste Problem unter Eis ist nicht die Kälte im Anzug, sondern der abblasende Atemregler. Der VDST schreibt es unmissverständlich: Die Vereisung eines Atemreglers führt „erfahrungsgemäß am Häufigsten zu Problemen unter Wasser“. Weil Atemregler nach dem Fail-Safe-Prinzip gebaut sind, versagen sie nicht durch Verschluss, sondern durch Dauerströmung — die Flasche läuft leer.

Die Norm, an der sich die Kaltwassertauglichkeit bemisst, ist EN 250:2014. Scubapro gibt den Inhalt im eigenen Handbuch wieder: Die Norm „definiert ‚Kaltwasser‘ als Wasser mit einer Temperatur von 10 °C und verlangt, dass die Atemregler, die für Anwendungen unter solchen Bedingungen zertifiziert sind, auf einwandfreies Funktionieren bei Temperaturen von 4 °C geprüft und zugelassen wurden“. Die Kennzeichnung unterscheidet zwei Fälle: Ein Gerät mit „EN250A“ darf im Zweipersonenbetrieb nicht unter 4 °C verwendet werden, eines mit „EN250A>10°C“ nicht unter 10 °C.

Daraus folgt die Konfiguration, die unter Eis Standard ist:

  • ein Gerät mit getrennt absperrbaren Ventilen und zwei vollständigen, voneinander unabhängigen Atemreglern, damit eine abblasende Stufe zugedreht werden kann, ohne den Gasvorrat zu verlieren;
  • membrangesteuerte erste Stufen, weil sie konstruktionsbedingt besser gegen Vereisung geschützt sind als kolbengesteuerte älterer Bauart;
  • ein Mitteldruckschlauch von mindestens 150 cm am Hauptregler;
  • Trockenanzug- und Jacketschlauch an getrennten ersten Stufen.

Dasselbe empfehlen die deutschen Tauchverbände schon unterhalb von 10 °C Wassertemperatur allgemein, und das Divers Alert Network formuliert es für jede Überkopfumgebung: „Divers should be equipped with two fully independent regulators attached to an adequate gas supply whenever they dive under a ceiling.“ Voraussetzung ist, dass der Taucher seine Ventile unter Wasser selbst und schnell bedienen kann. Genau das — Ventilmanagement und Umstieg auf den zweiten Regler — gehört vorher in eisfreiem Wasser geübt, und der VDST baut dafür drei Vorbereitungstauchgänge ohne Eis in den Kurs ein. Mehr zum Mechanismus steht im Eintrag Vereisung.

Kälteschutz

Süßwasser unter Eis hat wenige Zehntel über 0 °C, flüssiges Meerwasser kann bis etwa −2 °C kalt sein. Getaucht wird deshalb im Trockentauchanzug; ein Nassanzug von 7 mm und mehr dämmt nur bis etwa +10 °C ausreichend und taugt allenfalls für sehr kurze Tauchgänge. Dazu gehören Kopfhaube und warme Hände — das Divers Alert Network rät, den Tauchgang zu beenden, bevor die Hände zu kalt werden, um die Ausrüstung sicher zu bedienen, und nennt dafür eine Spanne von fünf bis zehn Minuten.

Der Grund für diese Eile ist physikalisch. Die Wärmeleitfähigkeit von Wasser ist nach dem Lehrbuch für Forschungstaucher 25-mal größer als die der Luft; die Fachzeitschrift NOTARZT rechnet daraus eine drei- bis viermal schnellere Auskühlung als an Land. Von Hypothermie spricht man nach dem MSD Manual ab einer Körperkerntemperatur unter 35 °C. Auskühlung ist unter Eis nicht nur unangenehm: Sie gilt auch als Begünstigung einer unverdienten Dekompressionskrankheit, also einer, die trotz eingehaltener Grenzen auftritt. An Land gehören deshalb ein beheizter Raum und warme, alkoholfreie Getränke zum Aufbau dazu.

Planung

Das Gas wird nach der Drittelregel eingeteilt: ein Drittel Hinweg, ein Drittel Rückweg, ein Drittel Reserve. Sicherheits- und etwaige Dekompressionsstopps werden im Freiwasser unter der Einstiegsöffnung gemacht, was eine sichere Tarierung voraussetzt — oben ist kein Platz zum Ausweichen. Getaucht wird nur in bekannten Gewässern und nur bei Tageslicht; der letzte Tauchgang und das Absichern der Einstiegsstelle müssen vor Einbruch der Dunkelheit abgeschlossen sein.

Nach einem vereisten Regler wird der Tauchgang beendet und das Gerät vor dem nächsten Einsatz von einer Fachwerkstatt durchgesehen.

Ausbildung

Organisation Kurs Voraussetzungen
VDST / CMAS SK Eistauchen (enthält CMAS Ice Diver) ab 16 Jahren, DTSA**, AK Nachttauchen, 100 Pflichttauchgänge, gültige Tauchtauglichkeit; vier Kurstauchgänge, davon einer unter Eis
SSI Ice Diving ab 18 Jahren, mindestens 24 geloggte Tauchgänge
PADI Ice Diver ab 18 Jahren, Advanced Open Water Diver
SDI Ice Diver ab 18 Jahren, Open Water Scuba Diver
NAUI Recreational Ice Diver ab 18 Jahren, mindestens 50 geloggte Tauchgänge

Die Verbandsangaben lassen sich nicht ineinander umrechnen und stehen hier deshalb nebeneinander. Als Tauchlehrer halte ich die VDST-Vorgabe von hundert Pflichttauchgängen für die ehrlichste Zahl der Tabelle: Unter Eis zahlt sich nicht Mut aus, sondern Routine mit der eigenen Ausrüstung bei vier Grad.

Hinweis: Dieser Eintrag ersetzt keine Ausbildung und keine ärztliche Beratung. Unterkühlung und Tauchunfälle sind medizinische Notfälle; im Verdachtsfall gilt der Notruf vor jeder Eigenbehandlung.

Wie dick muss das Eis sein?
Dafür gibt es keine einheitliche Zahl. Der DLRG-Bezirk Rhein-Sieg nennt mindestens 8 cm für eine Person und 15 cm für mehrere, der DLRG-Landesverband Hamburg 15 bis 20 cm zum Betreten. Gemeint ist jeweils tragfähiges Kerneis; auf Fließgewässern braucht es mehr, und die Freigabe der örtlichen Behörde geht jeder Faustzahl vor.
Warum zwei getrennte Atemregler?
Weil ein vereister Regler nicht zumacht, sondern abbläst. Nur mit getrennt absperrbaren Ventilen lässt sich die betroffene Stufe zudrehen, ohne den gesamten Gasvorrat und jede Redundanz zu verlieren. Das setzt voraus, dass man seine Ventile unter Wasser selbst erreicht und bedient — das wird vorher ohne Eis geübt.
Warum ist das Loch dreieckig?
Der spitze Winkel erleichtert den Ausstieg: Dort lässt sich der Taucher mit Ausrüstung verkeilen und hochdrücken. Der VDST nennt eine Kantenlänge von mindestens zwei Metern und mindestens drei Meter Wassertiefe unter dem Loch.

Quellen

Zur Quellenlage: Die detaillierten VDST-Vorgaben zu Leine, Loch und Signalen stammen aus der Standardfassung von 2006; die aktuelle Spezialkurs-Ordnung führt sie nicht mehr auf. Der VDST-Standard liegt als unverändertes Original-PDF mit Verbandsimpressum auf einem Vereinsserver, nicht mehr auf vdst.de. Die Normtexte EN 250 und die CMAS-Standards zum Eistauchen sind kostenpflichtig beziehungsweise nicht öffentlich; wiedergegeben ist die Herstellerdarstellung von Scubapro und die VDST-Zuordnung. Für den physikalischen Mechanismus der Reglervereisung nennen die herangezogenen Quellen keinen Effektnamen, sondern Feuchtigkeit, niedrige Wassertemperatur und hohen Durchfluss. Eine eistauchspezifische Unfallstatistik liegt nicht vor. Für die Spanne „20- bis 27-mal“ zur Wärmeleitfähigkeit liegt keine Fundstelle vor; belegt ist der Wert 25.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.