Multileveltauchgang

Taucher schwebt an einer steil abfallenden Riffwand, unter ihm das Dunkelblau, ueber ihm heller durchleuchtetes Wasser.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Ein Multileveltauchgang ist ein Tauchgang, dessen Grundphase in mehr als einem Tiefenbereich stattfindet: Der Taucher bleibt nicht auf der Maximaltiefe, sondern arbeitet sich stufenweise oder gleitend nach oben. Für die Dekompressionsrechnung ist das der Normalfall jedes Computertauchgangs — und der Ausnahmefall jeder gedruckten Tabelle, die mit einem anderen Profil rechnet.

Zwei Profilformen, zwei Rechnungen

Die Gegenfigur zum Multileveltauchgang ist das Rechteckprofil: Abstieg direkt auf Maximaltiefe, der größte Teil der Zeit dort, dann direkter Aufstieg mit der gegebenenfalls nötigen Dekompression. Dieses Profil ist für die Dekompression die anspruchsvollste Form bei gegebener Maximaltiefe und Zeit, weil die Aufnahme des Inertgases über fast den ganzen Tauchgang mit der höchsten Rate weiterläuft.

Der Multileveltauchgang verteilt dieselbe Gesamtzeit auf mehrere Tiefen. Die Rechnung berücksichtigt das und belastet den Taucher nicht mit einer Dekompressionsverpflichtung für die ganze Zeit, die er nicht auf Maximaltiefe verbracht hat. Das Austauchschema fällt deshalb weniger konservativ aus als beim Rechteckprofil mit derselben Maximaltiefe.

Wo die Grenze zwischen beiden liegt

DAN zieht die Grenze über Zeitanteile in Tiefenzonen. Die Multilevelzone reicht vom Aufstieg aus 85 Prozent der Maximaltiefe bis auf 25 Prozent der Maximaltiefe. Ein Multilevelprofil liegt vor, wenn mindestens 40 Prozent der Gesamttauchzeit in dieser Zone liegen. Ein Rechteckprofil liegt vor, wenn mehr als 40 Prozent der Gesamtzeit in der Bodenzone und nicht mehr als 30 Prozent in der Multilevel- und der Dekompressionszone liegen.

Diese Abgrenzung ist nicht akademisch. Sie entscheidet, welcher Profiltyp in Unfallauswertungen welchem Fall zugeordnet wird — und damit, welche Aussagen über Risiken überhaupt vergleichbar sind.

Warum die Tabelle das Rechteck annimmt

Dekompressionstabellen sind unter der Annahme aufgestellt, dass der Taucher einem Rechteckprofil folgt. Das ist der Grund, aus dem eine Dekompressionstabelle bei einem gestuften Tauchgang systematisch auf der sicheren Seite liegt: Sie rechnet die ganze Grundzeit gegen die größte erreichte Tiefe. Wer mit Tabelle an einer Riffwand von 30 auf 12 Meter aufsteigt und dort noch zwanzig Minuten bleibt, bezahlt diese zwanzig Minuten zum Tarif von 30 Metern.

Was der Tauchcomputer anders macht

Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel zum Tauchcomputer fasst den Unterschied so: Im Gegensatz zu einer Tauchtabelle, deren Anwendung ein normiertes Tauchprofil erfordert, kann ein Tauchcomputer die Auftauchvorschrift für ein nahezu beliebiges vorangegangenes Tauchprofil errechnen. Technisch liegt das daran, dass der Rechner Tiefe und Zeit in kurzen Abständen misst und die Gasaufnahme sowie die daraus folgende Dekompression laufend neu bestimmt.

Die Anforderung ist älter als das Gerät: Schon 1953 forderte die Scripps Institution, dass Multileveltauchgänge möglich sein müssten — eine Fähigkeit, die mechanische Dekompressiometer nicht ausreichend boten. Erst mit digitalen Rechnern wurde es ab 1983 möglich, die Nullzeit für Multilevel-Tauchgänge zu berechnen.

Sägezahn ist kein Multilevel

Hier wird im Kursraum am häufigsten etwas verwechselt. Ein Multileveltauchgang steigt auf und bleibt oben. Ein Sägezahnprofil steigt mehrfach auf und ab. Jeder dieser Auf- und Abstiege erhöht das Risiko einer Dekompressionskrankheit, wenn im Gewebe schon Blasen vorhanden sind. Wie stark, hängt von Aufstiegsgeschwindigkeit, Höhe und Dauer des Ausflugs nach oben, vom Sättigungsgrad der Gewebe und in gewissem Maß von der Zeit nach der Rückkehr auf Tiefe ab. Eine genaue Bezifferung dieser Risikoerhöhung war 2016 nicht möglich; belegt ist, dass solche Profile mit erhöhten Zahlen venöser Blasen im Dopplernachweis einhergehen. Einige Tauchcomputer rechnen eine Korrektur dagegen. Zum Mechanismus siehe Mikroblasen.

Und das umgekehrte Profil

Vom Multilevelprofil zu trennen ist das umgekehrte Profil, bei dem der Wiederholungstauchgang tiefer ist als der vorangegangene oder die Tiefe innerhalb der Grundphase zunimmt. Ein Workshop der American Academy of Underwater Sciences kam dazu zu drei Ergebnissen: Weder die U.S. Navy noch der kommerzielle Bereich haben umgekehrte Profile verboten; das Verbot durch die Ausbildungsorganisationen des Sporttauchens lässt sich auf keine bestimmte Taucherfahrung zurückführen, die ein erhöhtes Risiko anzeigt; und es wurde kein überzeugender Nachweis vorgelegt, dass umgekehrte Profile innerhalb der Nullzeitgrenzen zu einer messbaren Risikoerhöhung führen. Zur Reihenfolge mehrerer Tauchgänge siehe Wiederholungstauchgang.

Was davon in der Praxis bleibt

In der Ausbildung sehe ich den Multileveltauchgang vor allem als Argument gegen eine falsche Sparsamkeit: Wer das Profil ohnehin stuft, soll die Stufen auch planen und nicht erst im Nachhinein feststellen, dass der Computer länger erlaubt hätte. Umgekehrt gilt: Die Freiheit, die der Rechner bei gestuften Profilen gewährt, gilt für das Aufsteigen — nicht für das Hin und Her. Die aufgeräumte Form eines Multileveltauchgangs ist eine Treppe nach oben, keine Säge.

Bekommt man mit Multilevelplanung wirklich mehr Grundzeit?
Mehr nutzbare Zeit, ja — weil die Zeit auf geringerer Tiefe nicht zum Tarif der Maximaltiefe abgerechnet wird. Ein Tauchcomputer tut das von selbst, weil er Tiefe und Zeit laufend misst. Mit einer Tabelle allein geht es nicht: Sie ist für ein Rechteckprofil aufgestellt und kennt die Zwischenstufen nicht.
Darf man innerhalb eines Multileveltauchgangs wieder tiefer gehen?
Physikalisch verhindert das niemand, und der Rechner führt die Rechnung weiter. Was dabei entsteht, ist aber kein Multilevelprofil mehr, sondern ein Sägezahn- oder ein umgekehrtes Profil — zwei Formen, die eigene Vorbehalte tragen. Der Aufstieg gehört in eine Richtung.
Warum ist das Rechteckprofil für die Dekompression das härteste?
Weil die Aufnahme des Inertgases über fast die ganze Tauchzeit mit der höchsten Rate weiterläuft. Bei gleicher Maximaltiefe und gleicher Gesamtzeit ist deshalb das Rechteckprofil die anspruchsvollste Form, und die Tabellen sind genau darauf ausgelegt.

Quellen

  • Wikipedia: Dive profile — die DAN-Abgrenzung der Zonen und Zeitanteile, die Aussagen zum Rechteckprofil, zum Sägezahnprofil mit dem Dopplernachweis und zum Ergebnis des AAUS-Workshops zu umgekehrten Profilen.
  • Wikipedia: Tauchcomputer — der Wortlaut zum Unterschied zwischen Tabelle und Rechner, die Forderung der Scripps Institution von 1953 und die Jahresangabe 1983.

Zur Quellenlage: Die Zahlenwerte zur Zonenabgrenzung (85 / 25 / 40 / 30 Prozent) stehen hier nach einer enzyklopädischen Wiedergabe der DAN-Einteilung, nicht nach einer DAN-Veröffentlichung im Original. Die Einschätzung, eine genaue Bezifferung des Sägezahnrisikos sei nicht möglich, trägt den Stand 2016.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.