Panik beim Tauchen

Ein Taucher strebt im trueben Flachwasser panisch zur Oberflaeche, sein Partner haelt ihn am Schultergurt fest.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Panik beim Tauchen ist der Zustand, in dem Angst die Handlungskontrolle übernimmt und der Taucher nicht mehr das tut, was er gelernt hat, sondern das, was der Reflex befiehlt: nach oben. Sie ist kein Randphänomen schlecht ausgebildeter Anfänger, sondern in Befragungen erfahrener Sporttaucher erstaunlich häufig belegt.

Wie häufig Panik ist

Die Zahlen stammen aus mehreren Erhebungen und fallen deutlicher aus, als man vermuten würde. Morgan berichtete 1995 in Sports Medicine, dass 54 Prozent der befragten erfahrenen Sporttaucher Panik beim Tauchen erlebt hatten. Zusammen mit der Arbeit von Colvard und Colvard aus dem Jahr 2003 ergibt sich die Größenordnung, dass ein Viertel bis die Hälfte aller brevetierten Sporttaucher mindestens einmal Panik oder einen Beinahe-Panikzustand erlebt hat. Davis, Warner und Ward werteten 2002 im SPUMS Journal Vorfälle aus und fanden Panik in 68 Prozent derjenigen Fälle, in denen der mentale oder Verhaltenszustand des Tauchers überhaupt dokumentiert war. Buzzacott und Mitarbeiter ordneten 2009 in Diving and Hyperbaric Medicine Panik, Angst und Stress unter die drei wichtigsten Risikofaktoren für Tauchzwischenfälle ein.

Wie Panik entsteht

Clark beschrieb 1986 die Kaskade: Am Anfang steht Furcht, nicht Panik. Die wahrgenommene Bedrohung setzt Adrenalin frei und erhöht die Muskelspannung; die Erregung färbt die folgenden Gedanken ängstlich ein, was wiederum als Bedrohungssignal gelesen wird. Es entsteht eine positive Rückkopplung, die sich selbst verstärkt. Stickstoffnarkose und Hyperkapnie beschleunigen diese Schleife — beides Zustände, die unter Wasser ohnehin vorkommen und die Urteilsfähigkeit herabsetzen. Panik ist damit kein Charakterfehler, sondern ein physiologischer Regelkreis, der außer Tritt gerät.

Walton ordnete die Auslöser 2019 in einem „Panik-Dreieck“ aus drei Feldern: Bereitschaft, Regulationsfähigkeit und konkreter Stressor. Panik entsteht, wenn ein Taucher auf einen Stressor trifft, auf den er nicht vorbereitet ist und dessen Wirkung auf ihn er nicht regulieren kann.

Woran man sie kommen sieht

DAN führt in seiner Darstellung zu Angst und Tauchen eine Liste typischer Stressoren: Zeitdruck, besonders in der Nähe der Nullzeit; Aufgabenhäufung, die zu einer Verengung der Wahrnehmung führt; das Ausreizen körperlicher oder mentaler Grenzen; Umgebungsbedingungen wie ein unbekannter Platz, Strömung, kaltes Wasser, schlechte Sicht oder ein Nachttauchgang; fehlende Vorbereitung; unvertraute oder zu wenig geübte Ausrüstung; und das Tauchen aus den falschen Gründen — Gruppendruck, Nervenkitzel, Tauchen trotz Unwohlsein.

Körperlich nennt DAN erweiterte Pupillen, erhöhte Herzfrequenz und erhöhten Blutdruck, verengte periphere Gefäße, schnelle Atmung und vermehrtes Schwitzen; bei schwerer Ausprägung Atemnot, Herzklopfen, Brustschmerz, Schwindel sowie Hitze- oder Kälteschauer. Im Verhalten zeigt sich Panik oft schon an Land: hektische Atmung, Muskelanspannung und verkrampfter Griff, ein starrer Blick oder vermiedener Blickkontakt, Gereiztheit oder Ablenkbarkeit, Hinauszögern beim Anlegen der Ausrüstung, eingebildete Ausrüstungs- oder Ohrprobleme, auffälliges Reden oder Rückzug, das Festklammern an Leiter oder Ankerleine — und unter Wasser der Versuch, zur Oberfläche zu entkommen. DAN fasst die Richtung so zusammen: Mit steigendem Stress sinkt die Fähigkeit, Probleme überhaupt zu erkennen und auf sie zu reagieren, bis hin zu Panik, Erschöpfung, Unfall oder Tod.

Warum gerade der Fluchtreflex gefährlich ist

Der Drang nach oben ist genau die eine Bewegung, die unter Wasser nicht erlaubt ist. Ein unkontrollierter Aufstieg bringt den Lungenüberdruckunfall und die Dekompressionskrankheit ins Spiel. DAN schildert einen Fall, in dem ein Taucher ohne Luft seinem Partner die Vollgesichtsmaske vom Kopf riss; beide Überlebenden stiegen daraufhin unkontrolliert und ohne Maske auf und riskierten damit Dekompressionskrankheit oder arterielle Gasembolie. Der Taucher, bei dem alles begonnen hatte, ertrank — er hatte seine mitgeführte Reserveflasche nicht benutzt und war zudem überbleit.

Was dagegen hilft

DAN stellt drei Hebel heraus: Stresszeichen bei sich selbst und bei anderen erkennen und eingreifen, bevor der Stress zu groß wird; den konkreten Stressor wegnehmen, was die Angst oft schon löst; und Übung, zusätzliche Ausbildung bis hin zum Einzelunterricht. Dazu der Satz, der in jedes Briefing gehört: Es ist immer in Ordnung, einen Tauchgang ausfallen zu lassen. Leichte Angst ist nach DAN kein Ausschlussgrund für das Sporttauchen.

Aus der Fachliteratur kommt ein vierter Hebel: eingebaute Haltepunkte. Pacher und Mitarbeiter schlugen 2017 vor, bewusst Pausen in den Ablauf zu legen — vor dem Einstieg, im Abstieg, beim Blasencheck. Und die verhaltenstherapeutische Linie rät, Unbehagen nicht zu vermeiden, sondern ihm in abgestuften Schritten zu begegnen, weil Vermeidung die Angst zuverlässig vergrößert.

Aus der Ausbildung

In der Ausbildung sehe ich Panik fast nie zum ersten Mal unter Wasser — sie kündigt sich am Steg an. Wer dreimal die Maske nachjustiert, das Jacket zweimal ablegt und beim Briefing nicht zuhört, geht nicht entspannt ins Wasser. Ich nehme solchen Tauchern dann eine Aufgabe weg statt eine zuzugeben: weniger Tiefe, kein neuer Platz, keine Kamera. Und ich halte fest, dass der Partner im Ernstfall festhält und Blickkontakt sucht, statt zu zerren — das ist der Unterschied zwischen Selbstrettung und zwei Verunfallten.

Anhaltende Angstzustände gehören ärztlich abgeklärt; DAN weist ausdrücklich darauf hin, dass Angst behandelbar ist und mehrere Wege offenstehen.

Quellen

Zur Quellenlage: Die genannten Studien liegen nicht im Original zugrunde, sondern sind über eine Fachpublikation des technischen Tauchens referiert; die Zahlen sind dort mit Autor, Jahr und Fundstelle belegt. Dieselbe Darstellung behauptet zusätzlich, Panik sei an der Mehrzahl der tödlichen Sporttauchunfälle beteiligt, führt dafür aber keine Quelle an — diese Aussage ist deshalb nicht übernommen. Der geschilderte Todesfall ist eine Einzelfallschilderung, keine Statistik.

Ist Panik ein Zeichen mangelnder Eignung zum Tauchen?
Die Zahlen sprechen dagegen: Morgan fand 1995, dass 54 Prozent der befragten erfahrenen Sporttaucher Panik erlebt hatten. DAN hält fest, dass leichte Angst kein Ausschlussgrund für das Sporttauchen ist. Entscheidend ist nicht, ob jemand Angst kennt, sondern ob er sie regulieren kann und ob er bereit ist, einen Tauchgang auch einmal ausfallen zu lassen.
Woran erkenne ich bei meinem Partner, dass es kippt?
DAN nennt vor dem Tauchgang Hinauszögern beim Ausrüsten, verkrampften Griff, starren Blick oder vermiedenen Blickkontakt, Gereiztheit, auffälliges Reden oder Rückzug und eingebildete Ausrüstungs- und Ohrprobleme. Unter Wasser sind es hektische Atmung, Festklammern an Leiter oder Leine und der Versuch, zur Oberfläche zu entkommen.
Was mache ich, wenn mein Partner unter Wasser in Panik gerät?
DAN beschreibt als Grundlinie, einzugreifen, bevor der Stress zu groß wird, und den auslösenden Stressor wegzunehmen. Für die akute Lage unter Wasser gibt weder DAN in diesem Artikel noch die genannte Fachpublikation ein Handlungsschema vor; das ist Gegenstand der Rettungstaucherausbildung. Der geschilderte Todesfall zeigt, wie schnell aus einem Zwischenfall zwei Verunfallte werden, wenn der Helfer selbst in die Panik hineingezogen wird.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.