Caissonkrankheit

Zwei Druckluftarbeiter warten in einer stählernen Personenschleuse auf das Ausschleusen.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die Caissonkrankheit ist der historische Name der Dekompressionskrankheit. Er stammt nicht aus dem Tauchen, sondern aus dem Brückenbau des 19. Jahrhunderts: Arbeiter in Senkkästen — französisch caisson — erkrankten, wenn sie zu schnell aus der Druckluft an die Oberfläche zurückkehrten. Im Tauchsport ist der Begriff heute weitgehend verdrängt. Die Sache dahinter ist in Deutschland nach wie vor eigenständig geregelt.

Woher der Name kommt

Ein Senkkasten ist ein nach unten offener Kasten, der auf den Gewässergrund abgesenkt und mit Druckluft ausgeblasen wird, damit die Arbeiter darin im Trockenen ein Brückenfundament ausheben können. Die deutschsprachige Wikipedia leitet den Krankheitsnamen unmittelbar daraus ab: „Die Bezeichnung Caissonkrankheit (Kastenkrankheit) kommt von den Senkkästen, die ab 1870 vermehrt zur Herstellung von Gründungen für Brückenpfeiler eingesetzt wurden.“

Ich bin hier unsicher und sage es deshalb ausdrücklich: Für die Jahreszahl 1870 ist Wikipedia die einzige Fundstelle, die ich geprüft habe. Eine medizinhistorische Primärquelle habe ich nicht eingesehen.

Dass der Name kein bloßes Kuriosum ist, zeigt das MSD Manual: Es führt die Dekompressionskrankheit bis heute mit dem Zusatz „(Senkkasten(Caisson)-Krankheit; lokale Gelenk- oder Muskelschmerzen, sog. Bends)“. Auch DocCheck listet „Morbus Caisson“, „Caissonkrankheit“ und „Kastenkrankheit“ als deutsche Synonyme, daneben die englischen „decompression sickness“, „divers’ disease“ und „the bends“.

Warum Taucher den Begriff kaum noch benutzen

Die Fachsprache ist weitergegangen. Gebräuchlich sind heute DCS für die Dekompressionskrankheit im engeren Sinn und DCI als Oberbegriff, der die arterielle Gasembolie einschließt. Die deutsche Leitlinie „Tauchunfall“ nennt diese Abkürzungen und auch die überkommene Einteilung in DCS I („bends“, „pain only“, „mild“) und DCS II, arbeitet selbst aber mit einer schlichteren Zweiteilung in milde und schwere Symptome. Soweit ich sie eingesehen habe, spielt der historische Name dort keine Rolle mehr.

Als Tauchlehrer halte ich es genauso: Ich erkläre den Begriff einmal, damit niemand vor einer älteren Quelle steht und rätselt, und benutze danach DCS. Wer „Caissonkrankheit“ sagt, meint nichts anderes — er zitiert nur eine ältere Schicht der Sprache.

Arbeiten in Druckluft ist bis heute eigenes Recht

Die Senkkastenarbeit ist nicht Geschichte. Tunnel- und Schachtbau unter Druckluft gibt es weiterhin, und in Deutschland gilt dafür die Druckluftverordnung. Ihr § 2 definiert Druckluft als „Luft mit einem Überdruck von mehr als 0,1 bar“ — oberhalb dieser Schwelle greift die Verordnung. Sie unterscheidet Personenschleusen, Materialschleusen und kombinierte Schleusen, nennt die Arbeitskammer als den Raum, in dem die Druckluftarbeit stattfindet, und kennt die Krankendruckluftkammer für die Behandlung drucklufterkrankter Personen.

Genau dieser letzte Begriff ist der Grund, warum das Thema hier steht: Die Behandlungskammer des Druckluftarbeiters und die Behandlungskammer des Tauchers sind dieselbe Einrichtung.

Was den Druckluftarbeiter vom Taucher unterscheidet

Das Krankheitsbild ist dasselbe, die Exposition nicht:

  • Dauer. Eine Schicht in der Arbeitskammer dauert Stunden, ein Sporttauchgang Minuten. Die langsamen Kompartimente sind dabei weit näher an der Sättigung, und das führende Kompartiment ist ein anderes als beim Tauchgang.
  • Trockene Exposition. Kein Auftrieb, keine Tarierung, kein Atemregler, keine Immersion — der Arbeiter atmet die Kammerluft.
  • Fremdbestimmte Dekompression. Ausgeschleust wird nach vorgegebener Tabelle und unter Aufsicht, nicht nach eigenem Ermessen wie der Aufstieg eines Tauchers.

Deshalb lassen sich Tauchtabellen und Ausschleustabellen nicht gegeneinander austauschen. Wer Zahlen aus der Arbeitsmedizin in einen Tauchgang überträgt, vergleicht zwei verschiedene Belastungsmuster.

Das Krankheitsbild ist dasselbe

Das MSD Manual teilt ein: Typ I „betrifft Gelenke, Haut und Lymphgefäße und ist milder und typischerweise nicht lebensbedrohlich“, Typ II „umfasst eine neurologische oder kardiorespiratorische Beteiligung, die schwerwiegend und manchmal lebensbedrohlich ist“. Die Schmerzen sitzen „am häufigsten in den Ellbogen und Schultern“. Zum Zeitverlauf nennt das Manual klare Zahlen: „Die Symptome treten bei ca. 50 % der Patienten innerhalb von einer Stunde und bei 90 % innerhalb von 6 Stunden nach dem Auftauchen an die Oberfläche auf.“ Mehr zur Symptomatik steht unter Dekompressionskrankheit und Bends.

Was offen bleibt

Zwei Punkte konnte ich nicht belegen und lasse sie deshalb ohne Zahl stehen. Erstens gilt die dysbare Osteonekrose als typische Spätfolge langjähriger Druckluftarbeit; eine belastbare deutschsprachige Fundstelle dafür habe ich nicht gefunden. Zweitens habe ich nicht geprüft, ob die Druckluftverordnung einen zulässigen Höchstarbeitsdruck festlegt und wie hoch er ist.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen Begriff und ersetzt keine tauchmedizinische Beratung. Bei Verdacht auf einen Dekompressionsunfall gilt die Leitlinie „Tauchunfall“: sofort 100 % Sauerstoff, und ärztliche Hilfe.

Häufige Fragen

Ist die Caissonkrankheit dasselbe wie die Taucherkrankheit?
Ja. DocCheck führt Taucherkrankheit, Dekompressionskrankheit, Morbus Caisson, Caissonkrankheit und Kastenkrankheit als Bezeichnungen für dasselbe Krankheitsbild. Die Namen unterscheiden sich nach Berufsgruppe und Zeit, nicht nach Ursache.
Gibt es Druckluftarbeit heute überhaupt noch?
Ja. Die Druckluftverordnung ist geltendes Recht und regelt Arbeiten bei einem Überdruck von mehr als 0,1 bar, samt Personen- und Materialschleusen, Arbeitskammern und Krankendruckluftkammern. Sie wäre gegenstandslos, wenn es die Arbeit nicht mehr gäbe.
Warum heißt es im Englischen „the bends“?
Das Wort bezeichnet die Glieder- und Gelenkschmerzen, die das MSD Manual als „sog. Bends“ führt. Zur Herkunft des Ausdrucks kursieren mehrere Erzählungen; eine Fundstelle, die eine davon belegt, habe ich nicht gefunden, und ich gebe deshalb keine wieder.

Quellen