Ein Neoprenanzug ist ein Tauch- oder Wassersportanzug aus geschäumtem Neopren. Er hält warm, indem das Material selbst isoliert — nicht das Wasser, das hineingerät. Der Ausdruck benennt den Werkstoff und nicht die Bauart; im Alltag meint er den Nassanzug, aus Neopren bestehen aber auch Halbtrocken- und viele Trockenanzüge.
Der Anzug wärmt über Gas, nicht über Wasser
Geschäumtes Neopren enthält viele kleine, gegeneinander abgeschlossene Gasbläschen. Diese Gaseinschlüsse leisten die Isolierung — sie sind der Grund, warum ein fünf Millimeter dickes Stück Gummi einen Menschen stundenlang im 18 Grad kalten Wasser hält.
Wasser ist dabei der Gegner, nicht der Helfer. Das Lehrbuch für Forschungstaucher von König und Lipp nennt den Faktor: Die Wärmeleitung des Wassers ist fünfundzwanzigmal größer als die der Luft. Was das bedeutet, macht dieselbe Quelle an einer zweiten Zahl deutlich — einem unbekleideten Menschen wird im Wasser von 25 °C das Vier- bis Fünffache an Wärme entzogen wie in Luft derselben Temperatur. Fünfundzwanzig Grad sind kein kaltes Wasser; es ist die Temperatur, bei der man an Land im T-Shirt sitzt.
Deshalb steht in derselben Quelle auch der Satz, der über jedem Anzugkauf stehen sollte: Es gibt keinen Taucheranzug, der hundertprozentigen Wärmeschutz liefert. Ein Anzug verlangsamt die Auskühlung. Er hebt sie nicht auf. Wer das weiß, behandelt das erste Zittern als Abbruchgrund und nicht als Kleinigkeit — was daraus werden kann, steht unter Unterkühlung.
Zwei verbreitete Erklärungen sind falsch
Über den Nassanzug wird bis heute zweierlei erzählt, das sich bei näherem Hinsehen nicht halten lässt.
Erstens: Der Anzug lasse absichtlich Wasser ein, das sich am Körper erwärme und dann als Isolierschicht wirke. Das trifft die Sache nicht. Isoliert wird durch das Neopren; der dünne Film, der trotzdem hineingerät, wird vom Körper aufgewärmt, kostet dabei aber Wärme. Er ist ein hinzunehmender Nebeneffekt, kein Konstruktionsprinzip.
Zweitens: Es könne „zu wenig“ Wasser im Anzug sein. Ein Zuwenig gibt es nicht. Je weniger Wasser ausgetauscht wird, desto wärmer bleibt man — das ist der ganze Sinn enger Manschetten an Hals, Handgelenken und Fußgelenken. Wer im Wasser spürt, wie es bei jeder Bewegung am Rücken kalt wird, hat keinen zu trockenen, sondern einen zu weiten Anzug.
Der Begriff ist weiter als die Bauart
Die Bauarten des Tauchanzugs unterscheiden sich danach, wie viel Wasser hineingelangt: Nassanzug, Halbtrockenanzug, Trockenanzug. „Neoprenanzug“ fragt etwas anderes, nämlich woraus der Anzug gemacht ist. Beide Einteilungen überschneiden sich, decken sich aber nicht.
Das lässt sich am Trockenanzug zeigen. Die Kaufberatung des Magazins Tauchen führt für ihn drei Materialien: klassisches Neopren, meist sieben Millimeter stark und das am weitesten verbreitete Material bei den günstigeren Anzügen; vorkomprimiertes Neopren, unter Hitze und Druck zusammengepresst, mit weniger Auftrieb, aber geringerer Isolationsleistung; und Trilaminat, den Membrananzug, der leicht ist und sich gut reparieren lässt, dafür keine Eigenisolation besitzt und immer einen Unterzieher braucht. Zwei dieser drei Trockenanzüge sind Neoprenanzüge — und trotzdem würde sie niemand so nennen.
Umgekehrt gilt: Wer im Laden nach einem Neoprenanzug fragt, bekommt einen Nassanzug gezeigt. Der Sprachgebrauch ist enger als der Wortsinn, und daraus entstehen die meisten Missverständnisse um diesen Begriff.
Neopren ist ein Handelsname
Chemisch handelt es sich um Chloropren-Kautschuk, Kurzzeichen CR nach ISO 1043. Das Unternehmen DuPont brachte das Material 1932 zunächst als „Duprene“ auf den Markt und 1938 unter dem Namen „Neoprene“. Der Markenname hat sich im Deutschen als Gattungsbezeichnung durchgesetzt; fachlich richtig wäre Chloropren-Kautschuk, praktisch sagt das niemand.
Für den Anzug zählt nicht der Kautschuk als solcher, sondern seine geschäumte Form. Als kompaktes Material taugt Chloropren zu Dichtungen und Schläuchen — was den Taucher wärmt, ist das Gas darin.
Was die Stärke bewirkt, und was die Tiefe daraus macht
Dickeres Material isoliert besser, ist dafür steifer und erzeugt mehr Auftrieb. Das sind drei Größen, die sich nicht gemeinsam optimieren lassen, und der Kompromiss fällt je nach Revier anders aus. Welche Stärke zu welcher Wassertemperatur gehört, steht in der Übersicht beim Tauchanzug.
Mit der Tiefe verschiebt sich das alles. Die Gasbläschen werden zusammengedrückt — in zehn Metern herrscht der doppelte, in zwanzig der dreifache Umgebungsdruck, siehe Gesetz von Boyle-Mariotte. Der Anzug wird dünner, trägt weniger und wärmt schlechter, und zwar genau dort, wo das Wasser kälter ist. Dieselbe Eigenschaft steht hinter der Warnung der Tauchen-Kaufberatung vor einer Überbleiung dicker Neopren-Trockenanzüge auf Tiefe.
Praktisch folgt daraus eine feste Regel: Jeder Wechsel der Anzugstärke verlangt einen neuen Bleicheck. Wer vom 5-mm- auf den 7-mm-Anzug geht, rechnet nicht mit der Faustformel aus dem Kurs weiter, sondern misst neu — das Verfahren steht unter Bleimenge berechnen.
Die Passform entscheidet mehr als die Stärke
Ein gut sitzender 5-mm-Anzug ist wärmer als ein schlecht sitzender 7-mm-Anzug. Falten an Bauch, Rücken oder Kniekehlen sind Kammern, in denen bei jeder Bewegung Wasser ausgetauscht wird, und ein Zentimeter Spalt am Rücken kostet mehr Wärme, als zwei Millimeter Material einbringen.
Woran sich an Land erkennen lässt, ob ein Anzug passt: Er liegt überall an, ohne dass sich irgendwo eine Falte zusammenschieben lässt. Er ist trocken schwer anzuziehen — das gehört dazu; ein Nassanzug, in den man bequem hineinsteigt, ist zu groß. Die Arme lassen sich über den Kopf heben, ohne dass es im Schritt zieht. Und man atmet bei geschlossenem Verschluss normal durch; ein Engegefühl am Hals wird im Wasser nicht geringer.
Als Tauchlehrer sehe ich diesen Fehler häufiger als jeden anderen bei der Ausrüstung. Gekauft wird nach Stärke und Marke, anprobiert wird zu flüchtig. Die zehn Minuten im Laden entscheiden über jeden Tauchgang der nächsten Jahre.
Neoprenanzug und Surfanzug sind nicht dasselbe
Auch im Surfsport, beim Freiwasserschwimmen und im Kanusport werden Neoprenanzüge getragen. Sie sehen ähnlich aus, sind aber auf andere Belastungen ausgelegt: Beweglichkeit an der Oberfläche statt wiederholter Druckwechsel. Schnitt, Nahtverarbeitung und Materialstärke folgen diesem Zweck. Ein Anzug aus dem Wassersporthandel gehört deshalb nur dann zum Tauchen, wenn der Hersteller ihn ausdrücklich dafür ausweist.
Umgekehrt spricht nichts dagegen, einen Tauchanzug zum Schnorcheln oder für die ABC-Ausrüstung zu verwenden — die Anforderungen sind dort geringer, nicht höher.
Pflege verlängert die Lebensdauer, nicht das Alter
Der Schaum verliert mit der Zeit an Elastizität: durch wiederholte Kompression auf Tiefe, durch UV-Licht und durch Salzreste, die im Material bleiben. Ein Anzug, der nach dem Tauchgang ausgespült, im Schatten auf einem breiten Bügel getrocknet und ohne Knick gelagert wird, hält deutlich länger als einer, der nass im Sack bleibt. Ein belastbarer Zahlenwert für die Lebensdauer lässt sich nicht angeben — sie hängt an der Zahl der Tauchgänge und an der Behandlung, nicht am Kaufdatum.
Welcher Reißverschluss dabei die bessere Wahl ist, hängt weniger an der Wärme als an Einstieg, Halsabschluss und Haltbarkeit. Der Vergleich von Front- und Rückenreißverschluss steht in einem eigenen Beitrag: Neoprenanzug: Reißverschluss vorne oder hinten. Was für kaltes Wasser darüber hinaus zählt, steht in der Ausrüstung fürs Kaltwassertauchen.
Quellen
- König/Lipp, Lehrbuch für Forschungstaucher, Kapitel 6: Taucherunfälle (PDF) — Wärmeleitung des Wassers gegenüber Luft, Wärmeentzug bei 25 °C, kein Anzug mit vollständigem Wärmeschutz.
- Chloropren-Kautschuk — Handelsname Neopren, DuPont, „Duprene“ 1932 und „Neoprene“ 1938, Kurzzeichen CR nach ISO 1043, Gasbläschen im geschäumten Material, Zusammenhang von Dicke, Dehnbarkeit und Auftrieb.
- Tauchen: Kaufberatung Trockentauchanzug — die drei Materialien klassisches Neopren, vorkomprimiertes Neopren und Trilaminat, Auftriebsverhalten und Überbleiung auf Tiefe.
