Das Wing ist der aufblasbare Auftriebskörper eines Backplate-Systems. Es liegt zwischen Backplate und Tauchflasche, also ausschließlich am Rücken des Tauchers, und übernimmt dort die Aufgabe, die bei einer Tarierweste die um den Oberkörper laufende Blase erfüllt. Der Oberkörper bleibt dadurch frei.
Einbaulage und Befestigung
Das Wing wird nicht angeschnallt, sondern eingeklemmt. Bei der Einzelflasche lautet die Reihenfolge im Halcyon-Handbuch: „Place the wing on top of the STA through the bolts, then the backplate on top of the wing.“ Von der Flasche aus gesehen liegen also Flaschenbänder, Single Tank Adapter, Wing und Backplate übereinander, verschraubt durch zwei Bolzen im 11-Zoll-Abstand. Beim Doppelgerät liegt das Wing „sandwiched between the backplate and cylinders“, festgelegt durch die Schrauben der Flaschenschellen.
Diese Bauart hat eine Folge, die man im Wasser sofort merkt: Die Luft sitzt hinter dem Taucher, nicht um ihn herum. SSI beschreibt den Unterschied zum Jacket sachlich — dort wandere die Luft „around the diver’s torso to fill the various regions of the bladder“, was die waagerechte Wasserlage einschränken könne; ein Jacketträger sei „slightly out of trim“ auch dann, wenn er neutral tariert ist. Mit Rückenauftrieb fällt der Trimm leichter.
Donut oder Hufeisen
DAN unterscheidet zwei Formen: das Hufeisen (horseshoe), dessen zwei Arme entlang der Flaschenseiten nach unten laufen, und das Donut, dessen Blase die Flasche vollständig umschließt. Der Unterschied betrifft die Luftführung. Beim Donut kann die Luft rund um die Flasche wandern und sammelt sich immer dort, wo gerade oben ist; beim Hufeisen enden die Arme unten geschlossen, und in Kopftieflage bleibt dort ein Rest stehen, der beim Ablassen nicht an das Ventil kommt.
Hersteller bauen heute überwiegend Donut-Formen — Scubapro begründet das rundere Profil damit, dass es Lufteinschlüsse verringere, xDeep bezeichnet die Bauform technisch als toroidal. Der deutsche Fachhandel bewertet das nüchterner: Das Hufeisen habe sich „sehr robust und gut“ bewährt, die Unterschiede seien „minimal“ und die Frage ende oft in einer Glaubensfrage. Beides steht nebeneinander, und beides ist vertretbar.
Die Form richtet sich außerdem nach der Flaschenzahl. Einzelflaschen-Wings sind schmal und länglich, Doppelgeräte-Wings breiter und weiter über die Flaschenseiten reichend. Hersteller führen sie als getrennte Baureihen; Halcyon etwa trennt Eclipse für Einzelflaschen von Explorer und Evolve für Doppelgeräte.
Wie viel Auftrieb?
Auftriebsangaben stehen fast immer in Pfund. Herstellerbelegte Werte:
- Einzelflasche: Halcyon Eclipse mit 20, 30 oder 40 lbs; Apeks WTX-D mit 30 oder 40 lbs; xDeep ZEOS mit 13 kg beziehungsweise 17 kg
- Doppelgerät: Halcyon Explorer mit 40 lbs (18 kg) oder 55 lbs (25 kg), Evolve mit 40 oder 60 lbs (27,2 kg); xDeep HYDROS mit 18 kg oder 22 kg
Eine Norm, die einen Mindestauftrieb für Wings festlegt, existiert nicht. Was es gibt, sind Empfehlungen: DAN nennt für die Einzelflasche rund 30 lbs und für ein Doppel-100-cft etwa 60 lbs, deutsche Fachhändler nennen 30 lbs für die Monoflasche und 40 lbs für ein Doppel-12 mit Stages. Die im Forschungstauchen genannten Mindestwerte von 15 bis 18 Litern beziehen sich ausdrücklich auf Jackets und sind nicht ohne Weiteres übertragbar.
Die brauchbare Faustregel ist eine Rechnung, keine Katalogzahl: Das Wing muss an der Oberfläche das Gewicht tragen, das die Ausrüstung am Ende des Tauchgangs noch hat — also Platte, Flasche im leeren Zustand, Blei und den verlorenen Auftrieb eines komprimierten Nassanzugs. Mehr Auftrieb als nötig schadet, weil eine große Blase im Wasser Widerstand macht und an der Oberfläche stärker nach vorn drückt.
Inflator, Ventile, Material
Vom Wing geht über die linke Schulter der Faltenschlauch ab; Halcyon liefert dazu einen Mitteldruckschlauch von 52 cm. Am Ende des Faltenschlauchs sitzt die Inflatoreinheit mit Aufblas- und Ablassknopf sowie einem Mundstück für die orale Befüllung. Zum Ablassen gibt es nach Halcyon drei Wege: den oralen Inflatorknopf, den Schnellablass am Faltenschlauch und das Überdruck- beziehungsweise Handablassventil. Letzteres öffnet automatisch bei Überdruck und zusätzlich manuell über eine Zugschnur; Scubapro beschreibt die Funktion als Federventil, das öffnet, sobald der Innendruck die Federkraft übersteigt.
Der deutsche Fachhandel rät bei beidem zur Zurückhaltung: Der Inflator solle fein dosierbar sein, Power-Inflatoren mit hohem Durchsatz seien gerade in der Dekompressionsphase ungeeignet, und ein Wing solle höchstens einen Schnellablass haben, weil diese eine häufige Fehlerquelle seien.
Die Hülle besteht durchweg aus schwerem beschichtetem Gewebe — Scubapro nennt 1000D Cordura außen und 500D innen, xDeep 1100 dTEX außen mit einer Nylonblase, Apeks eine Urethanblase. Bei Doppelhaut-Bauweise ist die Innenblase über einen Reißverschluss austauschbar. Einhäutige Wings sind leichter und trocknen schneller, lassen sich aber kaum reparieren.
Die Norm — und was sie nicht regelt
Für Tariermittel gilt DIN EN 1809:2016-09, „Tauch-Zubehör – Tariermittel – Funktionelle und sicherheitstechnische Anforderungen, Prüfverfahren“. Ihr Anwendungsbereich umfasst nach Angabe der Normenportale generisch aufblasbare Tariermittel, und mehrere Wing-Hersteller führen ihre Modelle unter dieser Norm mit benannter Stelle — Halcyon über SGS UK und TÜV Rheinland, xDeep über den Polnischen Schiffsregister.
Der Punkt, auf den es für den Taucher ankommt, steht in Scubapros Handbuch: Die Norm sei ein Standard für Tariermittel und garantiere ausdrücklich „not … a head up position of the wearer at the surface“. Dafür gibt es eine eigene Norm, EN 12628 für kombinierte Tarier- und Rettungsmittel, die eine Schwimmlage mit Mund und Nase über Wasser verlangt.
Genau hier trifft Normlücke auf Bauartnachteil: SSI schreibt, der Rückenauftrieb dränge den Kopf an der Oberfläche nach vorn, DAN spricht davon, dass Rückenauftriebskörper den Taucher eher auf das Gesicht drehen. Ein Wing ist damit kein Rettungsmittel und ersetzt keines — an der Oberfläche wartet man mit einem Wing auf dem Rücken liegend.
Quellen
- DAN, Alert Diver: Backplate Buoyancy Systems — Donut gegen Hufeisen, Auftriebsempfehlungen, Oberflächenlage bei Rückenauftrieb
- SSI: Welcher Auftriebskörper ist der beste? — Luftverteilung im Jacket, Trimm, Kopf-nach-vorn-Tendenz an der Oberfläche
- Halcyon: BC Owner’s Manual (PDF) — Einbaulage, drei Ablasswege, Schlauchlänge, Baureihen für Einzel- und Doppelgerät
- Scubapro: BC Manual (PDF) — Funktion des Überdruckventils, Wortlaut zur Reichweite von EN 1809
- xDeep: BC Manual (PDF) — toroidale Bauform, Auftriebswerte in Kilogramm, Ventilausstattung
- Apeks: WTX-D Single Cylinder Wings — Auftriebswerte und Ventillage
- DIN Media: DIN EN 1809:2016-09 — Titel, Stand und Anwendungsbereich der Tariermittelnorm
- dekostop.ch: Wing — deutsche Fachhandelsbewertung zu Bauform, Inflatordosierung und Schnellablässen
Zur Quellenlage: Die Normtexte von EN 1809 und EN 12628 sind kostenpflichtig; die Angaben zu Titel, Stand und Anwendungsbereich stammen aus Normenportalen, die inhaltlichen Anforderungen aus Sekundärwiedergaben und Herstellerhandbüchern. Sämtliche Auftriebs- und Materialwerte sind Herstellerangaben für das jeweils genannte Modell und keine Normvorgaben. Für Wings existiert kein normierter Mindestauftrieb; die Dimensionierungsempfehlungen sind Hersteller- und Händlerangaben.
