Émile Gagnan war der französische Ingenieur, der zusammen mit Jacques-Yves Cousteau den Atemregler des Aqua-Lung entwickelte. Er brachte die Technik ein, Cousteau die Anwendung. Während Cousteau zur Symbolfigur des Tauchens wurde, blieb Gagnan der Unbekanntere der beiden — obwohl ohne sein Bauteil kein Gerät entstanden wäre.
Herkunft und Lebensdaten
Gagnan wurde nach übereinstimmender Angabe der deutschen Wikipedia und der National Inventors Hall of Fame am 1. November 1900 im Burgund geboren. Beim Sterbedatum gehen die Angaben auseinander: Die deutsche und die englische Wikipedia nennen den 27. April 1984 in Paris, die National Inventors Hall of Fame dagegen den 1. Januar 1979. Das History of Diving Museum führt ohne Tagesdatum die Spanne 1900 bis 1984, nennt als Geburtstag aber den 11. Dezember 1900. Ein Personenlemma kann das nicht auflösen — die drei Darstellungen widersprechen sich, und ein amtlicher Nachweis liegt keiner von ihnen bei.
Nach seinem Studium begann Gagnan bei Air Liquide, dem großen französischen Gaseversorger. Dort arbeitete er nach der Beschreibung des History of Diving Museum als Ingenieur mit dem Schwerpunkt Hochdruckpneumatik — also genau an dem Gebiet, aus dem später der Tauchregler hervorging.
Das Bauteil, das aus dem Krieg kam
Der Ursprung des Atemreglers liegt nicht im Wasser, sondern an Land. Unter der deutschen Besatzung war Treibstoff in Frankreich knapp; Fahrzeuge wurden auf Holzgas umgerüstet. Gagnan passte, wie die deutsche Wikipedia beschreibt, einen Druckminderer daran an, mit dem sich Motoren mit Gas betreiben ließen. Das History of Diving Museum formuliert die Pointe: Das Bedarfsventil war für die Gasregelung an Gasgeneratormotoren gebaut, erwies sich aber als hervorragend geeignet, eine Luftversorgung zu regeln.
Genau das ist das Prinzip, das jeder Lungenautomat bis heute verwendet: Gas wird nicht dauernd abgegeben, sondern erst dann, wenn der Verbraucher es anfordert. Was beim Motor die Ansaugung war, ist beim Taucher der Einatemzug.
Wie die beiden zusammenkamen
Die Verbindung lief über Air Liquide. Die deutsche Wikipedia führt den Kontakt darauf zurück, dass Gagnans Vorgesetzter bei Air Liquide mit Cousteaus Familie verbunden war. Cousteau suchte ein Gerät, das einem Taucher unabhängig von einer Schlauchversorgung von oben Luft liefert; Gagnan hatte das Ventil, das dafür fehlte.
Die Entwicklung fällt nach Darstellung des History of Diving Museum und der National Inventors Hall of Fame in das Jahr 1943. Die National Inventors Hall of Fame beschreibt das Ergebnis als ein Bedarfsventilsystem, das dem Taucher Druckluft nach Bedarf lieferte und sich dem Umgebungsdruck anpasste — die zweite Hälfte dieses Satzes ist der eigentliche Erfindungskern, denn ein Regler, der an der Oberfläche funktioniert, taugt in zwanzig Metern noch nichts.
CG45, das Patent und die Serie
Das erste Seriengerät trug ein Kürzel aus beiden Namen. Das History of Diving Museum löst es auf: „C“ für Cousteau, „G“ für Gagnan und „45“ für 1945, das Jahr des Patents; das erste Seriengerät „Scaphandre Autonome“ beziehungsweise „Aqualung“ kam demnach 1946 in Frankreich heraus. Die deutsche Wikipedia nennt dieselbe Auflösung und dasselbe Patentjahr.
Die National Inventors Hall of Fame führt zu Gagnan das US-Patent Nr. 2.485.039 und gibt an, dass das Aqualung 1946 eingeführt wurde und 1952 auf den amerikanischen Markt kam. Zwischen der Entwicklung 1943, dem Patent 1945 und der Serie 1946 liegen damit drei Jahreszahlen, die in den Darstellungen unterschiedlich betont werden — gemeint ist derselbe Vorgang.
Montreal und die späteren Jahre
1947 wanderte Gagnan mit seiner Familie nach Montreal aus und wechselte zu Canadian Liquid Air. Das History of Diving Museum hält fest, dass er dort eine sehr große Zahl von Erstentwicklungen der Tauch- und Unterwassertechnik konstruierte, erprobte und patentieren ließ. Die deutsche Wikipedia ergänzt, dass er in den 1970er Jahren nach Frankreich zurückkehrte.
Der Name, unter dem seine Arbeit vertrieben wurde, war nicht der seine: Die Fertigung lag bei La Spirotechnique, einer Tochter von Air Liquide, und der Handelsname Aqua-Lung hat sich später verselbständigt.
Warum der Name im Kursraum fehlt
In der Ausbildung sehe ich, dass Cousteau jeder kennt und Gagnan fast niemand. Das hat einen sachlichen und einen unsachlichen Grund. Der sachliche: Gagnan hat ein Bauteil gebaut, Cousteau hat gezeigt, was man damit tun kann — Filme tragen weiter als Patentschriften. Der unsachliche: Gagnan ging 1947 nach Kanada und trat öffentlich nicht auf.
Für das Verständnis des eigenen Atemreglers lohnt der Name trotzdem. Wer weiß, dass die zweite Stufe im Kern ein umgebautes Motorventil ist, versteht auch, warum sie so einfach gebaut ist und warum sie so zuverlässig arbeitet: Sie muss nichts tun, außer auf einen Unterdruck zu reagieren.
Quellen
- History of Diving Museum: Émile Gagnan — Co-Inventor of the Aqua-Lung — Tätigkeit bei Air Liquide als Hochdruckpneumatiker, Herkunft des Bedarfsventils aus dem Gasgeneratormotor, Auflösung von CG45, Serienstart 1946, Auswanderung 1947 zu Canadian Liquid Air, spätere Patente.
- Wikipedia (deutsch): Émile Gagnan — Geburt am 1. November 1900 im Burgund, Tod am 27. April 1984 in Paris, Umbau des Druckminderers für Gasmotoren unter der Besatzung, Zustandekommen des Kontakts über Air Liquide, Patentjahr 1945, Rückkehr nach Frankreich in den 1970er Jahren.
- National Inventors Hall of Fame: Emile Gagnan — Lebensdaten 1. November 1900 bis 1. Januar 1979, US-Patent Nr. 2.485.039, Beschreibung des Bedarfsventils, Einführung 1946 und US-Markteintritt 1952.
- Wikipedia (englisch): Émile Gagnan — Lebensspanne 1900 bis 1984, Geburt im Burgund im November 1900, Entwicklung 1943.
Die Lebensdaten sind widersprüchlich überliefert: Für das Sterbejahr stehen 1979 und 1984 nebeneinander, für den Geburtstag der 1. November und der 11. Dezember 1900. Keine der vier Darstellungen benennt dazu einen Primärnachweis; der Eintrag führt die Angaben deshalb getrennt und ordnet sie ihren Urhebern zu. Auch die Jahreszahlen 1943, 1945 und 1946 stammen aus unterschiedlichen Darstellungen desselben Vorgangs.
