Gaswechsel

Taucher wechselt auf einem flachen Dekompressionsstopp auf den Atemregler einer seitlich eingeklippten Zusatzflasche, der Partner kontrolliert.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Der Gaswechsel ist der planmäßige Übergang von einem Atemgas auf ein anderes während eines Tauchgangs. Er gehört zum technischen Tauchen: Wer mit einem sauerstoffarmen Bodengas in die Tiefe geht und für die Dekompression ein sauerstoffreiches Gemisch mitführt, muss in der jeweils richtigen Tiefe umsteigen — und darf sich dabei nicht vertun.

Warum überhaupt gewechselt wird

Ein einziges Gemisch kann nicht beides zugleich sein: tief atembar und flach dekompressionswirksam. In der Tiefe begrenzt der Sauerstoffpartialdruck das Gas nach oben — die Nitrox-Rechnung mit der maximalen Einsatztiefe gilt auch hier. Auf der Dekompressionsstufe ist genau umgekehrt der hohe Sauerstoffanteil der Gewinn, weil er den Inertgasgradienten vergrößert und die Stoppzeit verkürzt. Deshalb führt der technische Taucher ein Deko-Gas mit und wechselt darauf, sobald er flach genug ist.

Der Wechselpunkt ist damit keine Geschmacksfrage: Er liegt bei der Tiefe, in der das neue Gas seinen zulässigen Sauerstoffpartialdruck gerade nicht mehr überschreitet. Diese Tiefe wird vor dem Tauchgang gerechnet — wie, steht unter Best Mix.

Die beiden Richtungen, in denen es schiefgeht

Das sauerstoffreiche Deko-Gas zu tief geatmet, treibt den Sauerstoffpartialdruck über die Grenze, ab der ein Sauerstoffkrampf droht — unter Wasser in aller Regel tödlich, weil der Krampfende den Automaten verliert. Die Gegenrichtung ist seltener, aber ebenso real: Ein hypoxisches Bodengas, das in geringer Tiefe oder an der Oberfläche geatmet wird, enthält zu wenig Sauerstoff, um das Bewusstsein zu erhalten.

TDI nennt als die wiederkehrenden Fehler beim Wechsel: die Tarierung zu verlieren, unbeabsichtigt die Tiefe zu ändern und das falsche Gemisch zu atmen. Alle drei entstehen in denselben zwanzig Sekunden.

Der Ablauf, wie TDI ihn lehrt

Das Verfahren ist bewusst als feste Schrittfolge angelegt, damit es unter Stress abrufbar bleibt:

  1. Die richtige Tiefe bestätigen und die Tarierung prüfen — vom Team gegengeprüft.
  2. Die Flasche anhand ihrer MOD-Markierung identifizieren — ebenfalls vom Team gegengeprüft.
  3. Die zweite Stufe herausnehmen und den Schlauch mit der Hand bis zur ersten Stufe zurückverfolgen.
  4. Das Ventil öffnen.
  5. Die zweite Stufe spülen und ihre Funktion bestätigen.
  6. Den Automaten wechseln und atmen; das Team gibt das Okay-Zeichen.
  7. Den bisherigen Hauptautomaten einklippen.
  8. Das Gas im Tauchcomputer umstellen und das dem Team bestätigen.

Der dritte Schritt ist der, den Anfänger unterschlagen: Der Schlauch wird angefasst und verfolgt, nicht angesehen. Zwei gelbe Schläuche nebeneinander sehen im Zweifel gleich aus; ein verfolgter Schlauch endet eindeutig an einer bestimmten Flasche. Und der achte Schritt entscheidet darüber, ob die Dekompressionsrechnung des Computers noch zum geatmeten Gas passt.

Die Kennzeichnung der Flasche

Die Markierung ist kein Beiwerk, sondern der Teil des Verfahrens, der auch für fremde Taucher funktionieren muss. SDI beschreibt die international gebräuchliche Praxis so: Am Flaschenhals steht das Gemisch mit seinem Sauerstoffanteil, etwa „37 %“ oder bei Trimix in der Notation „18/45“. Auf dem Flaschenkörper steht die maximale Einsatztiefe in beiden Einheiten, etwa „33 m / 110 ft“. Zwei Etiketten am Körper erlauben es dem Partner, das Gemisch aus jeder Position zu bestätigen; die Schrift ist groß und kontrastreich. Die Begründung ist ein Notfallgedanke: Wer im Ernstfall an eine fremde Dekoflasche geht, soll keinen Zweifel haben, was das Etikett sagen will.

Die Zahl auf dem Etikett stammt aus der Sauerstoffanalyse, die der Taucher selbst durchführt — nicht aus dem Füllschein und nicht aus der Zusage der Basis. Eine übliche Zusatzangabe sind Datum und Name dessen, der analysiert hat.

Rechts fett, links mager

Damit die Flasche schon vor dem Lesen die richtige ist, wird sie nach einem festen Schema getragen. TDI nennt als verbreitetes Prinzip: das sauerstoffreichere Gas rechts, das magerere links — oder alle Flaschen links mit einer festen Reihenfolge. Welches Schema ein Team fährt, ist weniger wichtig als dass es alle gleich fähren.

Was das Sporttauchen daraus mitnehmen kann

Auch ohne Dekoflasche steckt in diesem Verfahren eine Übertragung: Jede Flasche, die man nicht selbst analysiert und beschriftet hat, ist eine Annahme. Als Tauchlehrer sehe ich am Steg regelmäßig Nitroxflaschen, deren Aufkleber vom vorletzten Füllen stammt. Der Aufwand, das zu ändern, beträgt zwei Minuten.

Wechselt man auch im Sporttauchen das Gas?
Im klassischen Sporttauchen mit einem Gerät nicht — dort wird ein Gemisch von Anfang bis Ende geatmet. Der Gaswechsel setzt eine zweite, unabhängig geführte Gasquelle voraus und wird in den Kursen des technischen Tauchens gelehrt.
Warum muss der Partner zusehen?
Weil der Wechselnde in diesem Moment mit Schlauch, Ventil und Automat beschäftigt ist und seine Tiefe aus den Augen verliert. Die Teamprotokolle sehen deshalb vor, dass ein zweiter Taucher Tiefe und Flaschenkennzeichnung bestätigt, bevor der Automat in den Mund kommt.
Was passiert, wenn man vergisst, den Computer umzustellen?
Der Computer rechnet weiter mit dem alten Gas. Beim Wechsel auf ein sauerstoffreicheres Gemisch wird er dadurch konservativer, als nötig wäre — die Stoppzeiten fallen länger aus. Gefährlich wird die umgekehrte Reihenfolge, wenn der Computer ein reicheres Gas annimmt, als tatsächlich geatmet wird. Der achte Schritt des Verfahrens sitzt deshalb nicht zufällig am Ende und wird ebenfalls bestätigt.

Quellen

Zur Quellenlage: Die Schrittfolge und das Tragschema stehen auf Veröffentlichungen eines Ausbildungsverbands; ein normativer Text oder eine verbandsübergreifende Festlegung liegt diesem Eintrag nicht zugrunde. Andere Verbände des technischen Tauchens können abweichende Reihenfolgen lehren.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.