Human Factors im Tauchen

Ein Taucher gibt das Zeichen zum Abbrechen, sein Partner antwortet sofort mit dem OK-Zeichen.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Human Factors im Tauchen bezeichnen das Zusammenspiel von Mensch, Technik und Umgebung — und die Frage, wie sich Ausrüstung, Abläufe und Teams so gestalten lassen, dass richtiges Handeln leicht und falsches schwer fällt. Der Begriff fasst nichttechnische Fähigkeiten wie Kommunikation, Teamarbeit, Entscheidungsfindung und Situationsbewusstsein zusammen und richtet den Blick auf das System statt auf den einzelnen Schuldigen.

Woher der Begriff kommt

Die Denkweise stammt nicht aus dem Tauchen; auf der Konferenz, die für das Tauchen einen Einschnitt markiert, berichtete Diane Chadwick-Jones etwa über den Kulturwandel bei BP nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe. Gemeint ist die erste Human Factors in Diving Conference am 24. und 25. September 2021 — eine Online-Veranstaltung mit über dreißig Referenten, die Gareth Lock gemeinsam mit DAN Europe und GUE ausgerichtet hat. Simon Mitchell bezeichnete Human Factors dort nach dem Bericht von DAN Europe als das derzeit wichtigste Thema des modernen Sporttauchens.

Die Definition, die DAN Europe in einem Gespräch mit Lock wiedergibt, ist bewusst schlicht gehalten: Human Factors beschreiben, wie Menschen mit Technik, anderen Personen und ihrer Umgebung umgehen; das Ziel ist, richtiges Handeln zu erleichtern und falsches zu erschweren. Dass die Formulierung so allgemein bleibt, ist Absicht — sie schließt die Ausrüstung, die Ausbildung und die Organisation gleichermaßen ein.

Die nichttechnischen Fähigkeiten

Unter nichttechnischen Fähigkeiten versteht man das, was neben Tarierung, Gaswechsel und Aufstiegsführung über den Ausgang eines Tauchgangs entscheidet. Locks Beitrag für das Rebreather Forum 4 führt fünf auf: Kommunikation, Teamarbeit, Entscheidungsfindung, Führung und Gefolgschaft sowie Situationsbewusstsein. Sie gelten darin als ebenso wichtig wie die technischen Fähigkeiten und sollen gezielt trainiert werden, etwa in szenariobasierten Übungen.

Der Beitrag nennt dazu einen Einwand, der die Ausbildung unmittelbar betrifft: Wer als Einzelschüler mit dem Kursleiter als Partner ausgebildet wird, erlebt nicht die Teamdynamik, in der er später tauchen wird. Die Rollenverteilung ist im Kurs eindeutig — im Team später nicht.

Das Bild zu diesem Eintrag zeigt die einfachste denkbare Übung dieser Art: Ein Taucher gibt das Zeichen zum Abbrechen, der Partner antwortet mit dem OK-Zeichen und wendet sich zum Aufstieg. Keine Rückfrage, keine Verhandlung. Dass das im Ernstfall genauso abläuft, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis einer Vereinbarung, die vorher getroffen wurde.

Fehler als Symptom

Der zweite tragende Gedanke ist das Systemdenken. Locks Beitrag beschreibt Fehler als Symptome tieferliegender Probleme — in der Ausbildung, im Gerätedesign oder in der Organisationskultur. Sicherheit entsteht danach aus dem Zusammenspiel des Gesamtsystems, und das Ziel ist, Systeme zu bauen, die im Fehlerfall sicher versagen. Für Kreislaufgeräte begründet er das zusätzlich mit deren versteckten Fehlermodi und der höheren geistigen Belastung gegenüber dem Tauchen mit offenem System.

Der Konferenzbericht von DAN Europe hebt zwei Sätze hervor: „blame is the enemy of safety“ und „error is just a symptom, violation is not the cause“. Den ersten schreibt DAN Europe in einem Gespräch mit Lock Nancy Leveson vom MIT zu; im selben Gespräch übernimmt Lock von Todd Conklin: „Safety is not just the absence of accidents and incidents.“

Just Culture und psychologische Sicherheit

Aus dem Systemdenken folgt eine Forderung an die Tauchgemeinschaft selbst. Locks Beitrag verlangt eine Kultur, in der Taucher Fehler und Beinaheunfälle ohne Strafandrohung melden können, und hält fest, dass der Begriff „Just Culture“ in der Tauchszene kaum bekannt ist. Das Klima prägen nach dieser Darstellung die Führungspersonen — Tauchlehrer, Guides, Basisleiter. Schwankende menschliche Leistung gilt als normal, nicht als Verfehlung.

Psychologische Sicherheit meint dabei etwas sehr Konkretes: dass jeder im Team einen Tauchgang jederzeit abbrechen kann, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Den praktischen Unterbau dazu liefern Meldesysteme. DAN Europe hat auf der Konferenz 2021 das eigene Incident Reporting System vorgestellt, in dem Zwischenfälle und Beinaheunfälle freiwillig gemeldet werden, damit andere daraus lernen.

Woran es hakt

Locks Beitrag benennt die Hürden offen: Es fehlen standardisierte Human-Factors-Ausbildungen und Zertifizierungen, in der Szene herrscht kulturelle Skepsis, und Gerätedesign wie Kosten stehen im Weg. Als Größenordnung stellt er den Umfang eines Einstiegsangebots von dreieinhalb bis vier Stunden dem Open-Water-eLearning mit zehn bis zwölf Stunden gegenüber.

Als Tauchlehrer sehe ich den Hebel an einer anderen Stelle, als die Begriffe vermuten lassen. Human Factors fangen nicht bei einem Zusatzkurs an, sondern bei der Frage, was passiert, wenn ein Kursteilnehmer vor dem Einstieg sagt, dass er sich heute nicht wohlfühlt. Wird das als Schwäche behandelt, hat die ganze Theorie keinen Boden. Wird es als richtige Entscheidung behandelt — und zwar sichtbar für die Gruppe —, dann ist der wichtigste Teil davon schon umgesetzt. Der Buddy-Check ist dafür das kleinste und beste Werkzeug, das es gibt: Er zwingt zwei Menschen dazu, miteinander zu sprechen, bevor sie ins Wasser gehen.

Sind Human Factors nicht nur ein anderes Wort für menschliches Versagen?
Eher das Gegenteil. Locks Beitrag für das Rebreather Forum 4 behandelt Fehler ausdrücklich als Symptome tieferliegender Probleme in Ausbildung, Gerätedesign oder Organisationskultur — nicht als Erklärung. Der Satz, den DAN Europe aus der Konferenz 2021 zitiert, bringt es auf den Punkt: „error is just a symptom, violation is not the cause“.
Welche nichttechnischen Fähigkeiten sind gemeint?
Locks Beitrag nennt fünf: Kommunikation, Teamarbeit, Entscheidungsfindung, Führung und Gefolgschaft sowie Situationsbewusstsein. Sie gelten darin als ebenso wichtig wie die technischen Fähigkeiten und sollen im Training gezielt geübt werden, vorzugsweise in Szenarien statt in Einzelübungen.
Gibt es eine Human-Factors-Ausbildung für Taucher?
Angebote gibt es, eine verbandsübergreifende Ordnung nicht. Locks Beitrag führt das Fehlen standardisierter Human-Factors-Ausbildungen und Zertifizierungen ausdrücklich als Umsetzungshürde auf, neben kultureller Skepsis, Gerätedesign und Kosten.

Quellen

Alle drei Quellen gehen auf denselben Autor zurück oder geben ihn wieder; eine davon unabhängige Darstellung liegt dieser Fassung nicht zugrunde. Zahlen zum Anteil menschlicher Faktoren an Tauchunfällen nennt keine der drei, und sie stehen deshalb auch hier nicht. Die Konferenzberichte sind Blogbeiträge von DAN Europe, keine begutachteten Arbeiten.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.