Situationsbewusstsein

Zwei Taucher schweben nebeneinander im Freiwasser; der vordere dreht den Kopf und behaelt seinen Partner im Blick.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Situationsbewusstsein ist die Fähigkeit, während eines Tauchgangs fortlaufend zu erfassen, was um einen herum und an der eigenen Ausrüstung geschieht, es richtig einzuordnen und daraus die nächste Handlung abzuleiten. Es zählt zu den nichttechnischen Fähigkeiten — und es ist das, was gefehlt hat, wenn ein Taucher hinterher sagt, er habe nicht bemerkt, wie tief er schon war.

Drei Stufen, nicht eine

Richard Sadler beschreibt das Situationsbewusstsein in Alert Diver als erhöhten Bewusstseinszustand, in dem einschlägige Informationen aufgenommen, verstanden und in angemessenes Handeln umgesetzt werden. Er gliedert es in drei Stufen, und die Unterscheidung ist mehr als eine Schulbuchordnung — sie zeigt, an welcher Stelle es schiefgeht:

  1. Wahrnehmung. Die einschlägigen Daten überhaupt bemerken: Tiefe, Gasvorrat, Zeit.
  2. Verständnis. Diese Daten in die Lage einordnen: Wo steht der Partner, wie weit ist das Boot, wie läuft die Strömung, wie viel Gas kostet der Sicherheitsstopp noch?
  3. Vorausschau. Daraus die Handlung ableiten: Kontakt zum Partner aufnehmen, aufsteigen, zurückschwimmen.

Ein Taucher, der das Finimeter abliest und die Zahl richtig nennt, hat Stufe eins erledigt — mehr nicht. Ob die Zahl für den geplanten Rückweg reicht, ist Stufe zwei; dass er deshalb jetzt umdreht, ist Stufe drei.

Woran es verlorengeht

Sadler nennt als typisches Muster die Fixierung auf einen einzelnen Aspekt — etwa die Tiefe —, während der Gasvorrat unbeachtet bleibt. Der zweite Punkt wiegt schwerer: Viele Unfälle entstehen nach dieser Darstellung aus einer Reihe kleiner Abweichungen vom sicheren Verfahren, von denen keine für sich auffällt. Nicht der eine große Fehler kippt den Tauchgang, sondern dass niemand die Kette bemerkt.

Als Beispiel führt der Beitrag einen Unter-Eis-Tauchgang der US-Küstenwache an Bord der Healy im Jahr 2006 an: Die Taucher waren überbleit, Trockentauchanzüge und Tarierjackets nicht angeschlossen; der Untersuchungsbericht listet über dreißig Fehler auf, zwei Menschen starben. Sadler ordnet das Thema in eine ältere Linie ein: Situationsbewusstsein wird nach seiner Darstellung seit über vierzig Jahren erforscht — bei der US-Luftwaffe, bei Feuerwehren und in der Industrietechnik.

Ein Vorfall, der alle drei Stufen durchläuft

Patty Seery schildert in Alert Diver einen eigenen Zwischenfall, der zeigt, wie schnell das geht. Der Tauchgängleiter brach den Tauchgang ab, nachdem sich Wetter und Seegang verschlechtert hatten; die Gruppe stand bei dreißig Fuß, rund neun Metern. Während des Aufstiegs fiel ihr auf, dass sie auffällig oft Druckausgleich machen musste — ein Hinweis, den sie zunächst nicht einordnete. Der Blick auf den Tiefenmesser zeigte fünfzig Fuß, etwa fünfzehn Meter: Sie war unbemerkt gesunken. Sie gab Luft in das Tarierjacket und verstärkte den Flossenschlag; als das nicht half, bat sie ihren Partner um Hilfe, der in der Nähe geblieben war und auf sie geachtet hatte. Tiefster Punkt waren fünfundsechzig Fuß, rund zwanzig Meter; der ganze Vorfall dauerte zweieinhalb Minuten.

Seery zieht daraus zwei Sätze, die den Kern treffen: Situationsbewusstsein sei „the overarching skill required to dive safely and respond quickly“, und „Staying calm and considering options are significant parts of any problem resolution“. Bemerkenswert ist, dass das Situationsbewusstsein hier zweimal getragen hat — bei ihr selbst, als sie das häufige Druckausgleichen ernst nahm, und beim Partner, der nicht weggeschwommen war.

Wo es in die Ausbildung gehört

Situationsbewusstsein steht nicht allein, sondern gehört zu den nichttechnischen Fähigkeiten neben Kommunikation, Teamarbeit, Entscheidungsfindung sowie Führung und Gefolgschaft; der Zusammenhang steht im Eintrag zu Human Factors im Tauchen. Der praktische Einstieg ist kleiner, als die Begriffe vermuten lassen: Der Buddy-Check ist die erste Gelegenheit des Tages, an der zwei Menschen sich gegenseitig tatsächlich ansehen.

Als Tauchlehrer arbeite ich mit einer festen Reihenfolge, die laut gebrieft und dann stur durchgehalten wird: Tiefe — Gas — Partner — Zeit — Richtung. Alle paar Minuten, immer gleich, auch wenn nichts los ist. Der Wert liegt nicht darin, die fünf Werte zu kennen, sondern darin, dass eine Abweichung auffällt, bevor sie groß wird. Und der zweite Punkt, der in der Ausbildung mehr bringt als jede Theorie: Anfänger haben kein Situationsbewusstsein übrig, solange Tarierung und Atmung noch Aufmerksamkeit kosten. Wer ihnen zusätzlich Kamera, Kompass und Fotomotiv gibt, nimmt ihnen genau das, was man ihnen beibringen will.

Deshalb halte ich den Tauchcomputer am Handgelenk für eine Hilfe und das ständige Herumspielen damit für das Gegenteil: Ein Blick gehört in die Reihenfolge, nicht an ihre Stelle.

Quellen

Zur Quellenlage: Alle drei Darstellungen stammen aus Zeitschriften von DAN; eine davon unabhängige Fundstelle liegt dieser Fassung nicht zugrunde. Das Dreistufenmodell wird bei Sadler ohne Nennung der zugrunde liegenden Forschungsarbeit wiedergegeben; die Zuordnung zu einem bestimmten Autor der Human-Factors-Literatur ist hier deshalb nicht vorgenommen. Zahlen dazu, welcher Anteil der Tauchunfälle auf fehlendes Situationsbewusstsein entfällt, nennt keine der Quellen, und sie stehen deshalb auch hier nicht. Die Merkfolge „Tiefe — Gas — Partner — Zeit — Richtung“ ist Ausbildungspraxis und steht in keiner der Quellen.

Was unterscheidet Situationsbewusstsein von Aufmerksamkeit?
Aufmerksamkeit ist die erste der drei Stufen, die Sadler beschreibt: Man bemerkt eine Information. Situationsbewusstsein umfasst zwei weitere Schritte — die Information in die konkrete Lage einordnen und daraus eine Handlung ableiten. Wer die Tiefe abliest, ohne daraus etwas zu folgern, ist aufmerksam, aber noch nicht vorausschauend.
Kann man Situationsbewusstsein trainieren?
Sadler hält fest, dass Ausbildung, Vorbereitung und Checklisten allein nicht genügen und dass Taucher ständig auf ihre Umgebung achten müssen; als Gegenmaßnahmen nennt er, aktiv nach einschlägigen Informationen zu suchen, sich zu fragen, ob etwas fehlt oder sich ungewohnt anfühlt, und die Folgen der Daten für das eigene Vorgehen durchzudenken. In der Ausbildung hilft eine feste, laut gebriefte Abfragereihenfolge mehr als ein Vortrag darüber.
Warum fällt ein langsames Absinken so oft nicht auf?
Weil die Hinweise zunächst nicht nach Tiefe aussehen. In der Schilderung von Seery war das erste Zeichen nicht der Tiefenmesser, sondern der auffällig häufige Druckausgleich — ein Datum der ersten Stufe, das erst auf der zweiten seine Bedeutung bekommt. Erst der Blick auf das Instrument machte aus dem Gefühl eine Zahl.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.