Medizinischer Sauerstoff

Sauerstoffflasche mit blauem Druckminderer, Manometer und einem Flowregler mit Literanzeige
Die einzige Maßnahme vor Ort, die den Verlauf messbar beeinflusst — vorausgesetzt, jemand kann das Ventil bedienen. Foto: Vladimir Srajber / Pexels

Medizinischer Sauerstoff ist Sauerstoff in Arzneimittelqualität: ein zulassungspflichtiges Arzneimittel mit einem Mindestgehalt nach Arzneibuch, chargenweise analysiert und rückverfolgbar. Im Tauchsport ist er der Wirkstoff der Ersten Hilfe beim Tauchunfall — nach der deutschen Leitlinie das einzige Mittel, dessen Wirksamkeit dort als nachgewiesen gilt.

Warum beim Tauchunfall 100 Prozent gegeben werden

Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ der GTÜM ist hier ungewöhnlich deutlich: „Die kausale Therapie des Tauchunfalles besteht in der Atmung reinen Sauerstoffs (FiO2 1.0, ‚100%‘).“ Und weiter: „Für die Behandlung von Tauchunfällen besteht ausgenommen für Sauerstoff bisher für kein Medikament eine wissenschaftlich eindeutig nachgewiesene Wirksamkeit.“

Daraus folgen drei Sätze, die in der Leitlinie unmittelbar zusammengehören. Erstens soll die Applikationsform gewählt werden, „die den höchsten verfügbaren Sauerstoffanteil bei Atmung bzw. Beatmung des Verunfallten ermöglicht“ — ausdrücklich mit dem Zusatz: „Die Ressourcenschonung spielt dabei eine untergeordnete Rolle.“ Zweitens gilt das auch bei knappem Vorrat: „Auch bei sehr begrenztem O2-Vorrat soll O2 immer in der höchsten verfügbaren Konzentration gegeben werden unter Inkaufnahme, dass der Transport mit Luftatmung zu Ende geführt werden muss.“ Drittens spielt das Tauchgas keine Rolle: „Die sofortige Atmung von 100% Sauerstoff findet unabhängig von dem während des Tauchens geatmeten Gasgemisches statt.“

Die Gabe endet nicht mit dem Nachlassen der Beschwerden. Die Leitlinie verlangt, 100 Prozent Sauerstoff „ohne Pause bis zum Erreichen der Behandlungsdruckkammer“ weiterzuführen und auch bei Symptomfreiheit innerhalb von 30 Minuten bis zur taucherärztlichen Beratung fortzusetzen. Dieselben 30 Minuten sind umgekehrt ein Indikationskriterium: Milde Symptome, die nach 30 Minuten Sauerstoffatmung nicht rückläufig sind, führen in die Druckkammerkette.

Womit er gegeben wird

Die Leitlinie führt bei ausreichender Eigenatmung Atemregler mit Nasenklammer, Demand-Ventil, Masken-CPAP, nasale High-Flow-Therapie und Kreislaufsysteme mit Kohlendioxid-Absorber auf; die Konstantdosierung mit Reservoirbeutel steht dort ausdrücklich als Rückfallebene, „wenn keine besseren Systeme zur Verfügung stehen“, und zwar mit „mindestens 15 Liter/Minute“. Das ist die einzige Flussrate, die die Leitlinie nennt.

DAN kommt aus der Praxis zu derselben Rangfolge. Für den atmenden Verunfallten nennt DAN „a nonrebreather mask with a minimum oxygen flow rate of 15 liters per minute“ oder ein Demand-Ventil und ergänzt: „Recent research shows that a demand valve with an intraoral mask provides the highest tissue and inspired oxygen levels and is easiest to use.“ Der Unterschied liegt im Verbrauch: Beim Konstantfluss „the oxygen cylinder will not last as long as with a demand valve“. DAN beziffert das für amerikanische Flaschentypen — eine M9-Flasche mit 255 Litern reicht bei 15 Litern pro Minute etwa 15 Minuten, eine M24 mit 680 Litern etwa 44 Minuten. Welche Ausstattung in einen Sauerstoffkoffer gehört, steht dort.

Zur Wirkdauer nennt DAN zwei Orientierungen: „Thirty minutes might be considered a desirable minimum duration“ und bei neurologischen Zeichen „the duration of FAO2 should last at least 90 minutes, even if the symptoms resolve after the first few minutes of breathing oxygen“.

Was ihn von technischem Sauerstoff unterscheidet

Der Unterschied ist keine Frage der Reinheit allein, sondern der Nachweisführung. Air Liquide Healthcare beschreibt es so: Bei medizinischem Sauerstoff würden „Reinheit, Gehalt und Identität für jede Charge aktiv bewiesen und garantiert, wie vom Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur.) gefordert“, während bei technischem Sauerstoff der Gehalt „oft nur aus der Messung von typischen Verunreinigungen berechnet“ werde. Dazu kommt die behördlich auditierte Chargenrückverfolgung jeder einzelnen Flasche. Der Mindestgehalt nach der Arzneibuch-Monographie liegt bei 99,5 Volumenprozent.

Rechtlich ist medizinischer Sauerstoff in Deutschland ein Arzneimittel mit Zulassungspflicht, für Flaschengas bei 200 oder 300 bar nutzbar über die Standardzulassung des BfArM. Verschreibungspflichtig ist er nicht: Die Verordnung über apothekenpflichtige und freiverkäufliche Arzneimittel führt „Sauerstoff für medizinische Zwecke“ in Anlage 1a und gibt ihn damit für den Verkehr außerhalb der Apotheken frei. Ein Tauchverein kann ihn also beziehen — die Herstellung bleibt an die gute Herstellungspraxis gebunden, und die Flaschen dürfen nicht selbst gefüllt werden.

Erkennbar ist er an der Farbe: Nach DIN EN 1089-3 ist die Schulter von Sauerstoffflaschen weiß, und bei medizinischen Gasen ist zusätzlich der zylindrische Teil weiß. Technischer Sauerstoff trägt in der Regel einen grauen Körper mit weißer Schulter.

Umgang: die Brandgefahr ist das eigentliche Risiko

Der Industriegaseverband formuliert den Kern in einem Satz: „Sauerstoff, der lebensnotwendig ist, brennt selbst nicht aber unterstützt und beschleunigt die Verbrennung.“ Und zur Schmierung: „Öl und Fett dürfen niemals benutzt werden, um eine Ausrüstung zu schmieren, die mit Sauerstoff in Kontakt kommt.“ Dasselbe Prinzip steht hinter der Sauerstoffreinigung von Tauchgerät. Flaschen sind gegen Umfallen zu sichern, vor Wärme zu schützen und nicht in Treppenhäusern oder Fluren zu lagern.

Eine Sauerstoffvergiftung ist bei der Gabe an der Oberfläche nicht das Thema. DAN: „Divers who breathe pure oxygen at the surface are not at risk of oxygen toxicity.“ Unter Wasser sieht es anders aus — dort nennt DAN die Grenze „never breathe 100 percent oxygen deeper than about 20 fsw (6 msw)“, was zur Hyperoxie und zum Paul-Bert-Effekt führt.

Eine Spannung in den Quellen bleibt stehen und gehört benannt: Die arzneimittelrechtliche Gebrauchsinformation für medizinischen Sauerstoff schreibt für die allgemeine Sauerstofftherapie „im Regelfall sollte die Sauerstoffkonzentration des Atemgases unter 60% (450 mmHg) liegen“ und nennt Lungenschäden bei 100 Prozent über 24 Stunden. Die tauchunfallspezifische Empfehlung von 100 Prozent über Minuten bis Stunden steht dazu nicht im Widerspruch, sondern betrifft einen anderen Zeitraum; die Leitlinie und die Gebrauchsinformation führen beides nicht zusammen.

Als Tauchlehrer sehe ich den häufigsten Fehler nicht bei der Konzentration, sondern beim Vorrat: Eine 2-Liter-Flasche mit Konstantdosierung ist nach wenigen Minuten leer, und niemand hat vorher nachgesehen, ob sie überhaupt voll war. Der Sauerstoffkoffer gehört in denselben Rhythmus wie der Buddy-Check.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt Begriffe und gibt den Stand der zitierten Leitlinien und Fachquellen wieder. Er ersetzt keine tauchmedizinische Beratung und keine Ausbildung in Erster Hilfe. Bei Verdacht auf einen Tauchunfall gilt die Rettungskette der Leitlinie.

Häufige Fragen

Darf ich die Sauerstoffflasche aus dem Tauchkoffer selbst füllen?
Nein. Die Gebrauchsinformation für medizinischen Sauerstoff ist hier eindeutig: „Nur Originalabfüllungen der Hersteller dürfen für medizinische Zwecke verwendet werden“, und „eine missbräuchliche Verwendung der Druckgasbehälter sowie eine Füllung durch den Verbraucher ist nicht statthaft“. Der Grund ist nicht Bürokratie, sondern die Chargenrückverfolgung: Was aus einer selbst gefüllten Flasche kommt, ist arzneimittelrechtlich kein Arzneimittel mehr.
Reicht Sauerstoff aus dem Baumarkt oder vom Schweißbedarf?
Air Liquide Healthcare empfiehlt ausdrücklich: „Aus diesem Grund sollte ausschließlich medizinischer Sauerstoff am Menschen angewandt werden.“ Der Unterschied liegt in der aktiven Chargenanalytik und der Rückverfolgbarkeit, nicht zwangsläufig in einer messbar schlechteren Gasqualität. Für die Anwendung am Verunfallten ist das der Maßstab.
Wie viel Sauerstoff braucht ein Tauchboot an Bord?
Eine verbindliche Zahl nennen weder die Leitlinie der GTÜM noch DAN. Rechnen lässt sich der Bedarf aber aus zwei Angaben: Die Leitlinie verlangt eine lückenlose Gabe bis zur Druckkammer, und DAN nennt für die Konstantdosierung mindestens 15 Liter pro Minute. Wer die Transportzeit vom Tauchplatz bis zur nächsten Kammer kennt, kann den Vorrat daran bemessen — das Demand-Ventil verbraucht dabei deutlich weniger als der Konstantfluss.

Quellen

Zur Quellenlage: Der Mindestgehalt von 99,5 Volumenprozent stammt aus einer zitierenden Fachpublikation und einer Gebrauchsinformation, nicht aus dem Text der Arzneibuch-Monographie selbst, der kostenpflichtig ist. Die Angaben zur Flaschenkennzeichnung beruhen auf der Herstellerdarstellung einer Norm von 2010, nicht auf dem Normtext. Für eine eigene Qualitätsstufe „Schweißsauerstoff“ liegt keine Fundstelle vor — belegt ist nur die Unterscheidung medizinisch gegen technisch. Die Vorratsdauern von DAN beziehen sich auf amerikanische Flaschentypen; eine entsprechende Tabelle für die in Europa übliche 2- oder 5-Liter-Flasche liegt nicht vor.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.