Restdruck

Taucher hält horizontal und ohne Flossenarbeit einen Sicherheitsstopp.
Die endgültige Bestätigung gelingt beim ruhigen Sicherheitsstopp.

Der Restdruck ist der Druck, der zu einem bestimmten Zeitpunkt noch in der Tauchflasche steht. Im engeren Sprachgebrauch des Sporttauchens meint das Wort den Druck, mit dem ein Tauchgang beendet wird — die vielzitierten fünfzig Bar. Beide Bedeutungen hängen zusammen, führen aber zu verschiedenen Rechnungen.

Die Fünfzig-Bar-Regel und was sie wirklich ist

Die Übersicht zum Gasmanagement im Sporttauchen beschreibt die verbreitete Übung so: Dem Gruppenführer wird bei achtzig oder hundert Bar Bescheid gegeben, und an Bord zurück kommt man mit nicht weniger als fünfzig Bar. Die Quelle, auf die sie sich stützt, ist eine Lehrschrift des Weltverbands CMAS.

Entscheidend ist, wie diese Zahl zustande kommt: Sie ist eine Übereinkunft, keine Rechnung. Die Darstellung sagt es offen — der feste Druckwert sei leicht zu merken und mache dem Gruppenführer auf Gruppentauchgängen die Arbeit einfacher. Zwei Dinge soll er leisten. Erstens bleibt Gas übrig, falls der Tauchgang tiefer oder länger geworden ist als geplant. Zweitens kann der Taucher an der Oberfläche bei Welle weiter aus dem Automaten atmen, statt den Kopf frei halten zu müssen.

Was die Regel nicht leistet: Sie kennt weder die Tiefe noch die Flaschengröße noch den Verbrauch. Sie wird gelehrt, ohne danach zu fragen — und ist nach derselben Darstellung dadurch öfter unnötig konservativ, besonders auf flachen Tauchgängen mit großer Flasche.

Warum fünfzig Bar nicht immer reichen

Die andere Richtung ist die gefährlichere, und sie wird seltener erwähnt. Fünfzig Bar sind kein Gasvorrat, sondern eine Anzeige. Wie viel Atemgas dahintersteht, hängt an der Flaschengröße — das ist die Rechnung mit den freien Litern. Fünfzig Bar in einer Zwölfliterflasche sind sechshundert Liter, fünfzig Bar in einer Siebenliterflasche dreihundertfünfzig.

Eine deutschsprachige Praktikerdarstellung zum Gasmanagement rechnet den Fall vor. Zwei Taucher in dreißig Metern, ein Atemminutenvolumen von zwanzig Litern je Minute, im Notfall um die Hälfte erhöht auf dreißig; eine mittlere Tiefe von fünfzehn Metern während des Aufstiegs, acht Minuten Aufstiegsdauer. Daraus ergeben sich sechshundert Bar-Liter je Person und zwölfhundert für beide. Verteilt auf ein Doppelgerät mit vierundzwanzig Litern sind das fünfzig Bar — verteilt auf eine einzelne Zwölfliterflasche hundert. Der Verfasser zieht daraus den Schluss, bei kleinen Flaschen reiche eine Planung mit fünfzig Bar Reserve nicht immer aus.

Das ist der Grund, warum die technische Taucherei nicht mit festen Druckwerten arbeitet, sondern mit einem aus dem Profil gerechneten Mindestvorrat. Die Gasmanagement-Übersicht nennt dieses Vorgehen „rock bottom“: eine Reserve nach der geplanten Tiefe statt nach einem willkürlichen Druck. Für Überkopfumgebungen gilt stattdessen die Drittelregel.

Restdruck ablesen, nicht schätzen

Der Restdruck wird am Finimeter abgelesen, und zwar regelmäßig und nicht erst, wenn der Atemwiderstand steigt. Wer seine SAC-Rate kennt, kann aus dem abgelesenen Wert abschätzen, wie lange der Vorrat auf der aktuellen Tiefe noch trägt; der Umkehrdruck-Rechner und der Luftverbrauchsrechner dieser Seite rechnen beides vor.

Als Tauchlehrer achte ich weniger auf den Zahlenwert als auf den Zeitpunkt. Wer erst bei fünfzig Bar aufsteigt, hat die Reserve bereits angebrochen — denn der Aufstieg kostet selbst Gas. Der Druck, bei dem der Aufstieg beginnt, muss über dem Druck liegen, mit dem man ankommen will. Diese Unterscheidung zwischen Umkehrdruck und Restdruck am Ende geht im Kursraum regelmäßig verloren.

Ohne Gas kein Sicherheitsstopp und keine Dekompressionsstufe — die Gasmanagement-Übersicht nennt das als den eigentlichen Grund für jede Reserve. Ein Notaufstieg ist die Folge einer verfehlten Gasplanung, nicht ihr Ersatz.

Restdruck in der leeren Flasche

Das Wort hat noch eine dritte Verwendung, außerhalb des Wassers. Eine Flasche wird nicht vollständig entleert, sondern mit einem kleinen Überdruck gelagert und zur Füllung gegeben. Die Gasmanagement-Übersicht nennt den Grund: Eine leere Flasche lässt sich leichter verunreinigen. Steht innen noch Druck, kann keine feuchte Umgebungsluft eindringen — und Feuchtigkeit ist bei einer Stahlflasche der Weg zur Korrosion.

Ein Füllbetrieb, der eine völlig drucklose Flasche annimmt, muss sie innen beurteilen, bevor er sie befüllt. Deshalb gehört das Flaschenventil nach dem Tauchgang geschlossen und die Flasche nicht leergeatmet.

Woher kommen die fünfzig Bar?
Sie sind eine Übereinkunft der Ausbildung, keine aus dem Profil gerechnete Größe. Die Übersicht zum Gasmanagement im Sporttauchen begründet sie damit, dass ein fester Wert leicht zu merken ist und die Führung einer Gruppe vereinfacht; sachlich soll er Gas für einen unvorhergesehen längeren Tauchgang und für das Atmen aus dem Automaten an der Oberfläche übrig lassen.
Gilt die Fünfzig-Bar-Regel für jede Flaschengröße?
Nein, und das ist ihre Schwäche. Fünfzig Bar sind in einer Siebenliterflasche nur halb so viel Gas wie in einer Vierzehnliterflasche. Eine deutschsprachige Praktikerdarstellung rechnet für zwei Taucher in dreißig Metern einen Mindestvorrat von zwölfhundert Bar-Litern aus — das sind fünfzig Bar im Doppelgerät, aber hundert Bar in einer einzelnen Zwölfliterflasche.
Darf man eine Tauchflasche ganz leer atmen?
Besser nicht. Eine Flasche ohne Innendruck lässt sich leichter verunreinigen; feuchte Umgebungsluft kann eindringen und bei einer Stahlflasche Korrosion in Gang setzen. Üblich ist, mit einem Rest an Druck aufzutauchen und das Ventil nach dem Tauchgang zu schließen.

Quellen

  • Scuba gas management (englische Wikipedia) — die Fünfzig-Bar-Übereinkunft und ihre Begründung nach einer CMAS-Lehrschrift, die Ansage bei achtzig oder hundert Bar, die Kritik an festen Druckwerten, „rock bottom“, der Zweck der Reserve für Stopps und der Hinweis zur nicht vollständig entleerten Flasche.
  • Daniel Schmid: Gasmanagement — die vorgerechnete Mindestgasmenge für zwei Taucher in dreißig Metern und der Einwand gegen die Fünfzig-Bar-Reserve bei kleinen Flaschen.

Zur Quellenlage: Die Zahlen des Rechenbeispiels sind die Annahmen des Verfassers — Atemminutenvolumen, Notfallzuschlag und Aufstiegsdauer sind gesetzt, nicht gemessen; es handelt sich um eine Praktikerquelle, nicht um eine Verbandsvorgabe. Die Fünfzig-Bar-Angabe ist über eine enzyklopädische Quelle belegt, die eine CMAS-Lehrschrift zitiert; der Wortlaut dieser Lehrschrift liegt diesem Eintrag nicht zugrunde. Eine deutschsprachige Verbandsfundstelle, die den Wert von fünfzig Bar nennt, fehlt dem Eintrag. Die Umrechnung der fünfzig Bar in freie Liter ist eine einfache eigene Rechnung nach der Formel Druck mal Volumen.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.