Der Tidenhub ist der Höhenunterschied zwischen dem Tidehochwasser und dem darauf folgenden Tideniedrigwasser an einem Ort. Er ist die senkrechte Seite der Gezeiten — die waagerechte ist der Gezeitenstrom. Beide hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe: Der Hub sagt, wie weit das Wasser steigt und fällt, nicht, wie schnell es dabei fließt.
Wie der Hub gemessen und benannt wird
Gemessen wird am Pegel. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) definiert das Hochwasser als den höchsten, das Niedrigwasser als den niedrigsten Wasserstand einer Tide; die Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Hochwassern beträgt im Mittel 12 Stunden und 25 Minuten. Fällt eine Tide in die Springzeit, spricht das BSH von Springhochwasser und Springniedrigwasser — die hohen Hochwasser und die niedrigen Niedrigwasser. Für die deutsche Nordseeküste setzt das BSH die Springzeit pauschal auf die vier Tage ab dem Tag des Voll- oder Neumonds, die Nippzeit auf die vier Tage ab dem Tag des Halbmonds.
Entsprechend unterscheidet man Springtidenhub und Nipptidenhub. Der Rhythmus dahinter ist derselbe, den König und Lipp für den Wechsel zwischen Spring- und Nipptide mit einem mittleren Abstand von 14,77 Tagen angeben.
Wie groß der Hub wird
Der Hub ist keine Eigenschaft des Mondes, sondern eine Eigenschaft der Küste. Das BSH nennt für die deutsche Nordseeküste eine Spanne von ungefähr einem Meter bis über vier Meter. Die deutschsprachige Wikipedia führt dieselbe Küste mit zwei bis drei Metern und die Ästuare von Elbe und Weser mit über vier Metern — beide Darstellungen treffen sich bei den Ästuaren, bei der offenen Küste gehen sie auseinander. Weiter liegen die Werte:
- westliche Ostsee: etwa 30 Zentimeter
- Saint-Malo in der Bretagne: bis zu 12 Meter
- Penschinabusen im Ochotskischen Meer: knapp 13 Meter
- Bay of Fundy in Kanada: bis zu 15 Meter
Den Unterschied macht die Form des Meeresbodens und der Küste: Ein sich verengender Trichter staut die Tidewelle auf, ein weitgehend abgeschlossenes Nebenmeer wie die Ostsee bekommt kaum etwas davon ab.
Warum ein Taucher den Hub kennen muss
Drei Dinge hängen daran. Erstens der Einstieg: Eine Leiter, eine Slipanlage oder ein Strand, der bei Hochwasser bequem ist, kann bei Niedrigwasser hinter hundert Metern Schlick liegen — und umgekehrt. Zweitens die Tiefe am Platz. Bei drei Metern Hub ist ein Wrack, das in der Karte mit zwölf Metern steht, je nach Tidephase zwölf oder fünfzehn Meter tief; das verschiebt Nullzeit und Gasbedarf spürbar. Drittens der Strom: Wo viel Wasser in derselben halben Tide bewegt werden muss, fließt es schneller. Deshalb fallen die stärksten Ströme und der größte Hub zusammen — bei Springtide.
Der Bezugspunkt: Seekartennull
Die Tiefen in einer Seekarte beziehen sich nicht auf den mittleren Wasserstand, sondern auf das Seekartennull. Seit 2005 gilt in Deutschland und in allen Nordseeanrainerstaaten dafür das Lowest Astronomical Tide (LAT), der örtlich niedrigstmögliche Gezeitenwasserstand. Das ist eine bewusst vorsichtige Bezugsfläche: Die eingetragene Tiefe ist die Mindesttiefe, die auch unter ungünstigen Bedingungen bleibt. Für die Schifffahrt ist das ein Sicherheitsgewinn, für den Taucher eine Rechenaufgabe — die tatsächliche Tiefe am Platz ist fast immer größer als die Karte sagt, und zwar um den aktuellen Wasserstand über LAT.
Als Tauchlehrer rate ich, den Hub bei der Planung in einem Satz festzuhalten: Wie hoch, wann Hochwasser, und was heißt das für Einstieg, Ausstieg und Maximaltiefe. Der Gezeitenstrom wird davon getrennt geplant, über die Stromdarstellungen des jeweiligen Seegebiets; der Hub allein sagt über den Kenterpunkt nichts.
Quellen
- BSH: Gezeiten — Definitionen von Hoch- und Niedrigwasser, Springhochwasser und Springniedrigwasser, mittlere Gezeitenperiode von 12 Stunden 25 Minuten, Spring- und Nippzeit als jeweils vier Tage ab Voll-, Neu- beziehungsweise Halbmond, Tidenhub an der deutschen Nordseeküste zwischen ungefähr einem und über vier Metern
- Wikipedia: Tidenhub — Definition als Unterschied zwischen Niedrig- und Hochwasserstand, Werte für die westliche Ostsee, die deutsche Nordseeküste, die Elbe- und Weserästuare, Saint-Malo, Bay of Fundy, Ungava Bay und Penschinabusen, Einfluss der Geomorphologie. Wiki-Quelle; die Angabe von zwei bis drei Metern für die deutsche Nordseeküste weicht von der Spanne des BSH ab, beide Werte stehen deshalb nebeneinander
- Wikipedia: Seekartennull — Seekartennull als Bezugsfläche für Wassertiefen, Umstellung auf Lowest Astronomical Tide im Jahr 2005 in Deutschland und allen Nordseeanrainerstaaten, Bedeutung für die Mindesttiefe. Wiki-Quelle
- König/Lipp, Lehrbuch für Forschungstaucher, Kapitel 10: Taucherdienst (Theorie) (PDF) — mittlerer Abstand von 14,77 Tagen zwischen Spring- und Nipptide
