Gezeitenstrom

Gezeitenstrom in einer schmalen Meerenge mit Strömungslinien und Wirbeln an der Wasseroberfläche.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Der Gezeitenstrom ist die waagerechte Wasserbewegung, die der Wechsel von Ebbe und Flut erzeugt. Er läuft periodisch, kehrt seine Richtung um und wird in Engstellen, zwischen Inseln und in Flussmündungen um ein Vielfaches schneller als auf offener See. Für den Tauchgang ist er die berechenbarste aller Strömungen — und zugleich die, die den Zeitpunkt vorgibt.

Woher der Strom kommt

Das Lehrbuch für Forschungstaucher von König und Lipp führt Ebbe und Flut auf die Anziehungskräfte zwischen Mond und Erde sowie zwischen Sonne und Erde und auf die Zentrifugalkräfte zurück. Der Tidenhub — der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser — ist dabei nur die sichtbare Hälfte des Vorgangs. Die andere Hälfte ist der Transport: Damit der Wasserstand in einem Wattgebiet, einem Fjord oder einer Lagune steigen kann, muss Wasser durch die Zuläufe hinein, und beim Fallen wieder hinaus. Je enger der Zulauf und je größer das dahinterliegende Becken, desto schneller läuft das Wasser.

Deshalb ist die Frage nach der Stromstärke keine Frage nach dem Meer, sondern nach der Stelle. König und Lipp halten fest, dass in der Nordsee Geschwindigkeiten von 1 m/s überschritten werden können, während die Gezeitenströme in der Ostsee deutlich geringer und in vielen Gebieten für Taucher unbedeutend sind.

Kenterpunkt und Stillwasser

Der Strom ist nicht durchgehend gleich stark. König und Lipp beschreiben, dass die Gezeitenströme während der Extreme der Wasserstände — also bei Hoch- und bei Niedrigwasser — am geringsten sind und teilweise ganz zum Stillstand kommen. Der Punkt, an dem der Flutstrom in den Ebbstrom umschlägt oder umgekehrt, heißt Kenterpunkt; die strömungsarme Phase um ihn herum nennen Taucher Stillwasser.

Dieses Zeitfenster ist das eigentliche Planungsinstrument. Ein Tauchplatz, der drei Stunden lang unbetauchbar ist, kann um den Kenterpunkt herum ruhig und klar sein. Wie lange das Fenster trägt, hängt vom Gewässer ab und lässt sich nicht allgemein in Minuten angeben — es steht im Gezeitenstromatlas des jeweiligen Gebiets, nicht in einer Faustformel.

Springtide und Nipptide

Über den Tag hinaus schwankt die Stärke im Halbmonatsrhythmus. Stehen Erde, Mond und Sonne auf einer Achse, addieren sich ihre Kräfte — das ist die Springtide mit dem größten Hub und den kräftigsten Strömen. Wirken die Kräfte von Mond und Sonne senkrecht zueinander, ergibt sich die Nipptide mit minimalen Strömen. König und Lipp geben den mittleren Abstand zwischen Spring- und Nipptide mit etwa 14,77 Tagen an.

Für die Planung heißt das: Derselbe Platz, am selben Punkt der Tide betaucht, kann bei Springtide eine ganz andere Aufgabe sein als bei Nipptide. Wer eine Woche vor Ort ist, legt die anspruchsvollen Tauchgänge in die Nippzeit.

Wo die Zahlen herkommen

Für die Deutsche Bucht gibt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie einen eigenen Gezeitenstromatlas heraus. Er stellt die Gezeitenströme stündlich von sechs Stunden vor bis sechs Stunden nach Hochwasser Helgoland dar und führt nach eigener Beschreibung die mittlere Strömung in Oberflächen- und in Bodennähe, die Extremwerte der Strömung sowie den Reststrom in Oberflächen- und Bodennähe für verschiedene Windstärken und -richtungen. Nipp- und Springzeit werden getrennt dargestellt; die Grundlage sind Messungen und die Ergebnisse eines hydrodynamisch-numerischen Modells.

Zwei Dinge daran sind für Taucher wichtig. Erstens: Der Strom wird auf den Zeitpunkt des Hochwassers an einem Bezugsort bezogen, nicht auf die Uhrzeit — wer den Atlas benutzt, braucht zuerst die Gezeitentafel für diesen Bezugsort. Zweitens: Oberflächen- und Bodenstrom werden getrennt geführt, weil sie sich unterscheiden. Ein ruhiger Bootsplatz sagt nichts über die Verhältnisse am Grund.

Welche Stromstärke noch tauchbar ist

Hier gibt es zwei belastbare Marken, und sie liegen nahe beieinander. DAN formuliert für den Sporttaucher: Divers should not dive in currents greater than 1 knot without proper training and experience — ein Knoten entspricht rund 0,51 m/s. Für den beruflichen Bereich ist die Grenze härter gezogen: König und Lipp halten fest, dass Forschungstauchereinsätze bei Strömungsgeschwindigkeiten des Wassers über 1,0 m/s nicht zulässig sind.

Dazwischen liegt ein weiter Bereich, in dem Ausbildung und Erfahrung entscheiden. Als Tauchlehrer rate ich, die eigene Grenze nicht am Gefühl im Wasser festzumachen, sondern an einem einfachen Test an der Leine oder am Grund: Wer sich nicht ohne Kraftaufwand gegen den Strom auf der Stelle halten kann, wird ihn auch nicht zurücklaufen können.

Mit dem Strom statt gegen ihn

Wo der Gezeitenstrom nicht zu umgehen ist, wird er zum Antrieb. DAN beschreibt den Vorteil des Strömungstauchgangs nüchtern: Wer sich treiben lässt, verbraucht für dieselbe Tiefe und Zeit voraussichtlich weniger Gas als bei einem Tauchgang in ruhigem Wasser, weil er weit weniger flossen muss. Das setzt allerdings voraus, dass das Boot mitläuft und dass die Gruppe an der Oberfläche gefunden wird — DAN nennt als Ausrüstung eine Signalboje mit Rolle, einen Signalspiegel und eine Pfeife, in manchen Gebieten zusätzlich einen vorgeschriebenen Riffhaken.

Muss gegen den Strom angeschwommen und mit ihm zurückgekehrt werden, greift die Gasaufteilung, die DAN für diesen Fall nennt: ein Drittel für den ersten Teil, ein Drittel für den Rückweg, ein Drittel als Reserve. Das ist strenger als das übliche Umkehrdenken am Sporttauchplatz — und im Strom angemessen.

Ein letzter Punkt, den der Gezeitenstrom mitbringt: Er trübt. Wo er über Watt, Sand oder Schlick läuft, nimmt er Material auf und senkt die Sichtweite deutlich. Das Stillwasser ist deshalb oft nicht nur der ruhigste, sondern auch der klarste Zeitpunkt.

Was ist der Unterschied zwischen Tidenhub und Gezeitenstrom?
Der Tidenhub ist ein Höhenunterschied, der Gezeitenstrom eine waagerechte Bewegung. Beide gehören zusammen, verhalten sich aber nicht gleich: Ein großer Hub erzeugt nur dort starken Strom, wo das Wasser durch eine Enge muss. Umgekehrt kann eine schmale Passage schon bei mäßigem Hub kräftig laufen. Wer nur die Gezeitentafel liest, kennt den Hub — für den Strom braucht es den Gezeitenstromatlas des Gebiets.
Kann ich das Stillwasser aus der Gezeitentafel ablesen?
Nur ungefähr. König und Lipp beschreiben zwar, dass die Ströme um Hoch- und Niedrigwasser am geringsten sind, doch der Kenterpunkt fällt nicht überall mit dem Wasserstandsextrem zusammen — in Kanälen und Sunden kann er deutlich versetzt liegen. Belastbar ist die Stromdarstellung für das jeweilige Gebiet, die sich auf das Hochwasser eines Bezugsorts bezieht.
Gibt es Gezeitenströme auch im Mittelmeer und in der Ostsee?
Gezeiten gibt es überall, ihr Hub ist in diesen Randmeeren aber klein. König und Lipp halten für die Ostsee ausdrücklich fest, dass die Gezeitenströme dort deutlich geringer und in vielen Gebieten für Taucher unbedeutend sind. Was man in solchen Gewässern an Strömung erlebt, wird meist vom Wind und von Dichteunterschieden getrieben, nicht von der Tide.

Quellen

Für die Dauer des Stillwassers gibt es keine allgemeingültige Zahl; sie ist gebietsabhängig und steht in den Stromdarstellungen des jeweiligen Seegebiets. Die Umrechnung von einem Knoten in 0,51 m/s ist eine Einheitenumrechnung, keine Angabe aus der Quelle.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.