Bleimenge berechnen: der Bleicheck statt der Faustformel

Taucher mit Atemregler im Mund schwebt aufrecht an der Wasseroberfläche, die Wasserlinie steht auf Augenhöhe
Beim Bleicheck steht die Wasserlinie bei entlüftetem Jacket und normalem Atemzug auf Augenhöhe. Foto: Maël Balland / Pexels

Der Bleicheck auf einen Blick

  • Was er ist: Der Bleicheck ist ein Test an der Wasseroberfläche, mit dem ein Taucher die für ihn richtige Bleimenge ermittelt — statt sie zu schätzen.
  • Wie er geht: Nach der SSI-Anleitung mit vollständig entleertem Jacket und Atemregler im Mund normal weiteratmen. Die Wasserlinie soll dabei etwa auf Augenhöhe stehen.
  • Die Probe: Vollständig ausatmen — dann muss der Taucher absinken. Tut er das nicht, ist er zu leicht; sackt er sofort weg, ist er zu schwer.
  • Wann er stattfindet: SSI empfiehlt den Check am Ende eines Tauchgangs, wenn die Flasche leerer ist. Dann stimmt auch der Sicherheitsstopp auf fünf Metern noch.
  • Was der Bleicheck nicht ersetzt: Er gilt für genau diese Kombination aus Anzug, Flasche, Gerät und Gewässer. Jeder Wechsel — Neopren statt Trocken, Süß- statt Salzwasser, Stahl- statt Aluflasche — verlangt einen neuen Check.
  • Der häufigste Fehler: Übergewichtung. Sie zwingt zu mehr Luft im Jacket, das Luftvolumen ändert sich beim Auf- und Abstieg stärker, und die Tarierung wird nervös statt ruhig.

Die Frage kommt in jedem Kurs, und sie kommt in jedem Tauchurlaub wieder: Wie viel Blei brauche ich? Im Umlauf sind Faustformeln — zehn Prozent des Körpergewichts, ein Kilo je Millimeter Neopren, „nimm dasselbe wie letztes Mal“. Alle drei sind Schätzungen, und alle drei führen in der Praxis meistens in dieselbe Richtung: zu viel.

Dabei gibt es ein Verfahren, das die Frage in fünf Minuten beantwortet und keine Rechnung braucht.

Warum Faustformeln nicht funktionieren können

Der Auftrieb, den ein Taucher ausgleichen muss, setzt sich aus mehreren Anteilen zusammen, und jeder einzelne davon ändert sich unabhängig von den anderen:

  • Der Anzug. Neopren enthält Gaszellen und trägt deshalb auf. Ein 7-mm-Halbtrockenanzug trägt deutlich mehr als ein 3-mm-Shorty, und ein alter, oft komprimierter Anzug trägt weniger als ein neuer derselben Stärke.
  • Die Flasche. Eine Aluminiumflasche wird gegen Ende des Tauchgangs positiv, eine Stahlflasche bleibt negativ. Das sind mehrere Kilo Unterschied im Verhalten — bei gleicher Literzahl.
  • Das Gerät. Ein Wing mit Edelstahl-Backplate ersetzt bereits einen Teil des Bleis, ein leichtes Reisejacket gar keinen.
  • Das Wasser. Salzwasser trägt spürbar mehr als Süßwasser. Wer im Meer richtig getariert war, ist im Baggersee überbleit.
  • Der Taucher selbst. Körperbau, Fettanteil und Atemvolumen wirken mit — deshalb funktioniert die Zehn-Prozent-Regel bei zwei Menschen gleichen Gewichts unterschiedlich gut.

Eine Formel kann höchstens einen dieser Anteile abbilden. Der Bleicheck misst sie alle auf einmal, weil er nicht rechnet, sondern das Ergebnis direkt prüft.

So läuft der Bleicheck ab

SSI beschreibt das Verfahren in vier Schritten. Es beginnt mit einer geschätzten Bleimenge — die darf ruhig grob sein, sie wird ja korrigiert.

  1. Vollständig ausgerüstet ins Wasser, mit der geschätzten Bleimenge und aufgeblasenem Jacket.
  2. Das Jacket vollständig entleeren, Atemregler im Mund, dabei normal weiteratmen. SSI formuliert es so: „deflate your BCD fully while the regulator is in your mouth and you are breathing at a normal rate.“
  3. Die Wasserlinie prüfen. Bei leerem Jacket und normaler Atmung soll der Taucher an der Oberfläche schweben, „at about eye level“ — also etwa auf Augenhöhe.
  4. Vollständig ausatmen. Jetzt muss der Taucher absinken. Geschieht das nicht, fehlt Blei; sinkt er sofort und schnell weg, ist es zu viel.

Korrigiert wird in kleinen Schritten — halbes oder ganzes Kilo — und danach wird erneut geprüft. Zwei Durchgänge reichen in aller Regel. Wer den Check nicht am Ende, sondern mit vollem Gerät macht, muss den Gasverbrauch dazurechnen: rund zwei Kilogramm bei einer 12-Liter-Flasche, weil dieses Gewicht bis zum Sicherheitsstopp verschwunden ist. Sonst stimmt die Bleimenge am Anfang und fehlt genau dann, wenn sie gebraucht wird.

Der Zeitpunkt entscheidet über das Ergebnis

Hier liegt der Punkt, an dem der Check in der Praxis am häufigsten schiefgeht. Wird er zu Beginn des Tauchgangs mit voller Flasche gemacht, stimmt er für den Anfang — aber nicht für das Ende. Eine 12-Liter-Aluflasche verliert über den Tauchgang rund zwei Kilogramm Gasgewicht und wird dadurch positiver. Wer zu Beginn genau auf Augenhöhe schwebte, kommt am Ende auf fünf Metern nicht mehr unten.

SSI empfiehlt den Check deshalb ausdrücklich am Ende eines Tauchgangs, wenn die Flasche leerer ist — genau dann, wenn er den kritischen Moment abbildet: den Sicherheitsstopp auf fünf Metern mit Restdruck in der Flasche.

Als Tauchlehrer mache ich es in der Ausbildung anders herum und aus einem einfachen Grund: Ein Anfänger, der zu Beginn zu leicht ist, kommt gar nicht erst runter, und das kostet Nerven. Also Check zu Beginn, Feinkorrektur am Ende des zweiten Tauchgangs — und die Zahl, die dann steht, kommt ins Logbuch, zusammen mit Anzug, Flaschenmaterial und Gewässer.

Warum Übergewichtung das teurere Problem ist

Zu wenig Blei merkt man sofort — man kommt nicht runter. Zu viel Blei merkt man nicht, und genau das macht es gefährlicher. Die Folgen bauen aufeinander auf:

  • Mehr Luft im Jacket. Wer überbleit ist, muss den Ausgleich über das Jacket herstellen. Dieses Luftpolster dehnt sich beim Aufstieg aus und wird beim Abstieg komprimiert — die Tarierung wird zu einem ständigen Nachregeln.
  • Schlechtere Wasserlage. Das Blei zieht die Hüfte nach unten, der Taucher steht schräg im Wasser, der Flossenschlag geht nach unten statt nach hinten — und wirbelt am Grund Sediment auf.
  • Höherer Luftverbrauch. Größere Anströmfläche und mehr Korrekturarbeit kosten Atemgas.
  • Riskanterer Aufstieg. Ein prall gefülltes Jacket kann beim Aufstieg schnell außer Kontrolle geraten, wenn nicht rechtzeitig abgelassen wird.

Die Gegenprobe ist einfach: Wer während des ganzen Tauchgangs am Inflator und am Ablassventil arbeitet, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit zu schwer unterwegs.

Was ins Logbuch gehört

Eine Bleizahl allein ist wertlos, weil sie ohne die Bedingungen nicht übertragbar ist. Nützlich wird sie erst als Satz aus fünf Angaben: Bleimenge · Anzug und Stärke · Flaschenmaterial und Größe · Jacket oder Wing · Süß- oder Salzwasser. Wer das über ein paar Tauchgänge mitschreibt, hat nach einer Saison für jede seiner Konfigurationen einen belastbaren Startwert — und muss den Check nur noch bestätigen statt neu suchen.

Häufige Fragen zur Bleimenge

Wie viel Blei brauche ich als Anfänger?
Das lässt sich nicht seriös in einer Zahl sagen — es hängt von Anzug, Flasche, Gerät und Gewässer ab. Sinnvoll ist, mit einer groben Schätzung ins Wasser zu gehen und dann den Bleicheck zu machen: Jacket leer, normal atmen, Wasserlinie auf Augenhöhe, beim vollständigen Ausatmen absinken. Die Zahl, die dabei herauskommt, ist Ihre.
Brauche ich im Süßwasser mehr oder weniger Blei als im Meer?
Weniger. Salzwasser hat eine höhere Dichte und trägt deshalb mehr. Wer im Roten Meer richtig tariert war und mit derselben Bleimenge in einen Baggersee steigt, ist dort überbleit. Der Unterschied fällt bei viel Neopren stärker aus als im dünnen Anzug — deshalb: neues Gewässer, neuer Check.
Warum werde ich am Ende des Tauchgangs zu leicht?
Weil die Flasche leichter geworden ist. Das verbrauchte Atemgas hat Gewicht, und besonders Aluminiumflaschen werden gegen Ende positiv. Deshalb gehört der Bleicheck mit möglichst leerer Flasche gemacht — sonst stimmt die Tarierung genau in dem Moment nicht mehr, in dem sie am wichtigsten ist: beim Sicherheitsstopp auf fünf Metern.
Woran merke ich, dass ich zu viel Blei trage?
An der Arbeit. Wenn Sie während des Tauchgangs ständig Luft ins Jacket geben und wieder ablassen müssen, wenn Sie schräg im Wasser hängen und die Flossen nach unten schlagen, wenn Ihr Luftverbrauch höher ist als der Ihres Partners bei gleicher Tätigkeit — das sind die typischen Zeichen. Nehmen Sie beim nächsten Tauchgang ein Kilo weniger und prüfen Sie nach.
Ändert sich die Bleimenge mit einem neuen Anzug?
Ja, und oft deutlich. Neopren verliert über die Jahre Auftrieb, weil die Gaszellen durch wiederholte Kompression schrumpfen. Ein neuer Anzug derselben Stärke trägt daher mehr als der alte, den er ersetzt. Nach jedem Anzugwechsel gehört ein Bleicheck dazu — das ist der Wechsel, bei dem die alte Zahl am zuverlässigsten falsch ist.

Siehe auch: Tarierweste · Tarierjacket · Dekompressionsstopp

Quellen und weiterführende Links

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