Das Trommelfell ist die dünne Membran, die den äußeren Gehörgang vom Mittelohr trennt und die Schallschwingungen der Luft auf die Gehörknöchelchen überträgt. Beim Tauchen ist es die Stelle, an der ein misslungener Druckausgleich als Erstes weh tut: Es wird eingezogen, vorgewölbt und kann im äußersten Fall reißen.
Was das Trommelfell tut
Die Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) beschreibt den Weg des Schalls knapp: Das Trommelfell trennt das äußere Ohr vom Mittelohr und überträgt die Schallschwingungen auf die Gehörknöchelchen — Hammer, Amboss und Steigbügel. Die Fußplatte des Steigbügels sitzt an einer ovalen Membran, über die das Signal in das flüssigkeitsgefüllte Innenohr weitergegeben wird.
Fürs Tauchen ist aber eine andere Eigenschaft die entscheidende: Auf der einen Seite des Trommelfells steht Wasser, auf der anderen Luft. Und das Mittelohr hat nach Darstellung der GTÜM keine ständig geöffnete Verbindung zum Nasen-Rachen-Raum. Wer den Druck ausgleichen will, muss das deshalb bewusst tun — aktiv über das Valsalva-Manöver oder passiv durch Schlucken, Kauen und Gähnen. Die Leitung, um die es dabei geht, ist die Eustachische Röhre; das Verfahren selbst steht unter Druckausgleich.
Warum ausgerechnet hier der Schwachpunkt sitzt
Das Trommelfell ist eine sehr nachgiebige Fläche zwischen zwei Räumen mit unterschiedlichem Druck. Bleibt der Druckausgleich aus, verformt es sich, und zwar in beide Richtungen. Das MSD Manual beschreibt beide Fälle nebeneinander: Eine Funktionsstörung der Tube führt zu „Unterdruck (Einziehung des Trommelfells) oder Überdruck im Mittelohr (Vorwölbung des Trommelfells)“.
Im Tauchalltag ist der erste Fall der Abstieg: Der Umgebungsdruck steigt schneller, als Luft ins Mittelohr nachkommt, das Trommelfell wird nach innen gezogen. Der zweite Fall ist der Aufstieg, wenn die Luft aus dem Mittelohr nicht abfließen kann und von innen gegen die Membran drückt. Beides fällt unter den Oberbegriff Barotrauma, die Ohrform im Einzelnen unter Mittelohrbarotrauma.
Von der Einziehung bis zur Ruptur
Das MSD Manual beschreibt die Schädigung als eine Reihe, die mit zunehmendem Druckunterschied fortschreitet: von Ekchymosen über Blutungen bis zu „Blutungen in das Mittelohr, Trommelfellruptur und die Entwicklung einer Perilymphfistel“. Als Beschwerden nennt es „starke Schmerzen, Schallleitungsschwerhörigkeit, und, wenn eine Perilymphfistel vorhanden ist, Schallempfindungsschwerhörigkeit und/oder Schwindel“.
Eine Schwelle gibt es dabei nicht. Weder GTÜM noch MSD nennen eine Druck- oder Tiefendifferenz, ab der ein Trommelfell reißt — beide beschreiben ein Fortschreiten mit wachsendem Druckunterschied. Die verbreitete Frage nach „der Tiefe, ab der es passiert“ geht deshalb an der Sache vorbei: Maßgeblich ist nicht, wie tief man ist, sondern wie groß der Druckunterschied wird, den man stehen lässt.
Die Unterscheidung zwischen Schallleitungs- und Schallempfindungsschwerhörigkeit ist hier kein akademisches Detail. Die erste zeigt an, dass die Übertragungskette gestört ist — das Trommelfell selbst oder die Gehörknöchelchen. Die zweite zeigt, dass das Innenohr beteiligt ist, und das ist der dringlichere Befund.
Der kalte Wassereinbruch
Ein gerissenes Trommelfell ist unter Wasser aus einem Grund gefährlich, der mit dem Gehör wenig zu tun hat: Durch das Loch läuft kaltes Wasser in das Mittelohr. Das MSD Manual hält dafür fest, dass dies zu Schwindel, Übelkeit und Desorientierung während des Tauchgangs führen kann. Ein Taucher, der in zwanzig Metern nicht mehr weiß, wo oben ist, hat ein Problem, das schwerer wiegt als der Hörverlust.
Was ich in der Ausbildung dazu sage
Als Tauchlehrer kommt es mir bei diesem Thema auf drei Dinge an, und keines davon ist eine Zahl. Erstens: früh und oft ausgleichen, schon an der Oberfläche und dann alle paar Meter — nicht erst, wenn es drückt. Zweitens: Schmerz ist kein Signal zum Nachlegen, sondern zum Anhalten und ein Stück aufzusteigen. Drittens: Wer erkältet ist oder nur mit Gewalt ins Ohr kommt, taucht nicht.
Wann nach einer Ruptur wieder getaucht werden darf, entscheidet der HNO-Arzt — das gehört zur Tauchtauglichkeit und nicht in ein Lexikon.
Dieser Eintrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Ohrbeschwerden nach einem Tauchgang gehören zum HNO-Arzt, am besten zu einem mit tauchmedizinischer Erfahrung.
Quellen
- GTÜM: Ohren — Aufbau des Ohrs, Schallweg über die Gehörknöchelchen, fehlende ständige Verbindung des Mittelohrs zum Nasen-Rachen-Raum, aktiver und passiver Druckausgleich.
- MSD Manual, Profi-Ausgabe: Barotrauma der Ohren — Einziehung und Vorwölbung, Reihenfolge der Schädigung bis zur Ruptur, Beschwerdebild, Behandlung.
- MSD Manual, Profi-Ausgabe: Barotrauma der Ohren und der Sinus — die tauchspezifische Fassung, Einstrom kalten Wassers ins Mittelohr, Abgrenzung zum Innenohrbarotrauma.
- Die drei Punkte aus der Ausbildung stammen aus der Unterrichtspraxis des Autors als SSI Open Water Scuba Instructor und CMAS-Tauchlehrer, nicht aus einer Verbandsvorgabe.
