Ein Deko-Gas ist ein Atemgas, das ein Taucher nicht für den Aufenthalt in der Zieltiefe mitnimmt, sondern allein für die Dekompression auf dem Weg nach oben. Es enthält deutlich mehr Sauerstoff als das Bodengas und deshalb weniger Inertgas — und genau darauf beruht seine Wirkung: Der Druckunterschied zwischen Gewebe und Atemgas wird größer, die Entsättigung läuft schneller.
Warum ein zweites Gas überhaupt etwas bringt
Die Geschwindigkeit, mit der ein Gewebe Stickstoff wieder abgibt, hängt am Druckunterschied zwischen dem Inertgas im Gewebe und dem Inertgas in der Lunge. Wer während des Dekompressionsstopps ein Gas atmet, in dem der Stickstoffanteil kleiner ist, vergrößert diesen Unterschied, ohne tiefer oder länger stehen zu müssen. Die englischsprachige Wikipedia beschreibt das für Gemische mit 50 bis 80 Prozent Sauerstoff als im technischen Tauchen übliches Verfahren, das „by virtue of its lower partial pressure of inert gases such as nitrogen and helium“ eine wirksamere und schnellere Abgabe erlaubt.
Der Preis dafür ist der Sauerstoff. Je höher sein Anteil, desto flacher die Tiefe, in der das Gemisch noch geatmet werden darf — die maximale Einsatztiefe sinkt. Ein Deko-Gas ist daher nie ein Ersatz für das Bodengas, sondern immer ein zweites Gas in einer zweiten Flasche.
Die gebräuchlichen Gemische und ihre Tiefen
In der Praxis sind zwei Gase verbreitet: Nitrox mit 50 Prozent Sauerstoff und reiner Sauerstoff. Rechnet man mit einem Sauerstoffpartialdruck von 1,6 bar, ergibt das für EAN50 eine Einsatztiefe von 22 Metern und für reinen Sauerstoff von 6 Metern. Bei 1,4 bar wären es 18 beziehungsweise 4 Meter. Diese Werte sind gerechnet, nicht aus einem Verbandsstandard abgeschrieben, und sie sind — wie auf dieser Seite durchgängig — nach unten abgerundet.
Die Praktikerseite dekostop.ch nennt dazu Planungsregeln, die den Umgang mit diesen Gasen im Alltag beschreiben: Ein Gaswechsel werde „ab dem ersten Stop mit einer Stopzeit grösser 3 Minuten“ eingeplant. Der Sauerstoffpartialdruck solle „während der Dekompression zwischen 0.8 bis 1.6 bar“ liegen, unterhalb von 21 Metern höchstens 1,4 bar. Und: Ist ein Stopp mit reinem Sauerstoff auf 3 Metern geplant, werde dieser „effektiver auf 5m abgehalten“ — weil der Partialdruck dort höher ist und die Tiefe im Wellengang leichter zu halten.
Kurze Tauchgänge dekomprimiere man am wirksamsten mit EAN50; die Kombination aus EAN50 und reinem Sauerstoff lohne sich, wenn die Summe der Stopps auf 6 und 3 Metern dreißig Minuten übersteigt. Das ist eine Praktikerempfehlung und kein Standard eines Ausbildungsverbandes.
Das eigentliche Risiko ist der Wechsel, nicht das Gas
Ein Deko-Gas ist in seiner Zieltiefe sicher und in der Bodentiefe gefährlich. Wer bei 30 Metern versehentlich an den Automaten der EAN50-Flasche greift, atmet einen Sauerstoffpartialdruck von 2,0 bar — deutlich über allem, was im Sporttauchen als vertretbar gilt. Deshalb steht und fällt das Verfahren mit der Kennzeichnung der Flaschen und mit einem festen Ablauf beim Umstecken. Der Eintrag zum technischen Tauchen führt den Gaswechsel als eigenes Verwechslungsrisiko und verlangt eine überprüfbare Kennzeichnung jeder Flasche.
Als Tauchlehrer rate ich, die Reihenfolge nie umzudrehen: erst die Tiefe erreichen und halten, dann den Partialdruck kontrollieren, dann wechseln. Ein Gaswechsel im Aufstieg, zwischen zwei Tiefen, bei dem niemand die Kennzeichnung liest, ist der Fehler, der später in Unfallberichten steht.
Wer braucht das — und wer nicht
Für das Sporttauchen innerhalb der Nullzeit braucht niemand ein Deko-Gas: Dort wird so geplant, dass keine Dekompressionsstopps anfallen. Das Gas gehört in das technische Tauchen und in die Kurse, die den Umgang damit ausbilden — bei TDI als Advanced-Nitrox- und Dekompressionsausbildung. Der reine Sauerstoff am Ende der Dekompression ist im Lexikon unter Sauerstoffdekompression eigens behandelt, die Gasmenge, die dafür zurückgehalten werden muss, unter Drittelregel.
Sauerstoff unter Druck ist ein Atemgift. Die Werte in diesem Eintrag sind Rechengrößen und ersetzen keine Ausbildung. Wer mit Deko-Gasen taucht, braucht dafür eine Ausbildung und geprüftes, sauerstoffgeeignetes Material.
Quellen
- Wikipedia (englisch): Nitrox — Gemische mit 50 bis 80 Prozent Sauerstoff als Dekompressionsgas, Begründung über den niedrigeren Inertgas-Partialdruck.
- dekostop.ch: Dekompressionsstops — Wechsel ab dem ersten Stopp über drei Minuten, Partialdruckfenster 0,8 bis 1,6 bar, Sauerstoffstopp auf 5 statt 3 Metern, EAN50 und Sauerstoff in Kombination.
- TDI: Calculating Gas Mixes — Sauerstoffpartialdruck 1,4 bar als Arbeitsgrenze gegenüber 1,6 bar der NOAA-Gemische.
Zur Quellenlage: Die Tiefenangaben für EAN50 und reinen Sauerstoff sind eigene Rechnungen aus dem gewählten Partialdruck, keine Verbandswerte. Die Planungsregeln zum Gaswechsel stehen auf einer Praktikerseite; eine Verbands- oder Normfundstelle, die dieselben Regeln führt, liegt diesem Eintrag nicht zugrunde. Die Aussage zur Wirkung sauerstoffreicher Gemische stützt sich auf einen Wiki-Artikel.
