Notaufstieg

Zwei Taucher steigen gemeinsam auf, einer atmet aus dem zweiten Automaten des anderen.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Ein Notaufstieg ist ein Aufstieg, mit dem ein Taucher eine Notlage unter Wasser beendet, weil der geplante Aufstieg nicht mehr möglich ist — meist, weil das Atemgas ausgegangen oder der Atemregler ausgefallen ist. Er ist kein einzelnes Verfahren, sondern eine Familie von Verfahren, die sich in Risiko und Rangfolge deutlich unterscheiden.

Die Grundunterscheidung: mit Partner oder ohne

Die englischsprachige Wikipedia teilt die Verfahren in zwei Gruppen. Abhängige Notaufstiege („dependent“) sind solche, bei denen ein anderer Taucher hilft und in der Regel Atemgas abgibt. Unabhängige Notaufstiege („independent“) führt der Taucher allein durch. Diese Einteilung ist nützlich, weil sie die Entscheidung unter Wasser ordnet: Ist ein Partner in Reichweite und atmend, gibt es keinen Grund für ein unabhängiges Verfahren.

Die fünf großen amerikanischen Ausbildungsverbände haben sich dazu 1977 auf eine Rangfolge verständigt, die im Kern bis heute gilt und die dieselbe Quelle wiedergibt:

  1. Luftspende über den Zweitautomaten — der ohne Gas gebliebene Taucher atmet aus dem Oktopus des Partners. Die beste der abhängigen Möglichkeiten, weil beide gleichzeitig atmen.
  2. Wechselatmung aus einem einzigen Automaten — ausdrücklich als „least desirable of the dependent options“ eingeordnet.
  3. Schwimmender Notaufstieg bei annähernd neutralem Auftrieb unter ständigem Ausatmen — die empfohlene unabhängige Möglichkeit, siehe kontrollierter Notaufstieg.
  4. Aufstieg mit positivem Auftrieb, notfalls durch Bleiabwurf — „recommended as a last resort where the diver is unsure of making it to the surface by swimming“.

Das Ausatmen — und eine verbreitete Übertreibung

Alle Verfahren ohne Atemgas haben dieselbe physikalische Bedingung: Das Gas in der Lunge dehnt sich beim Aufstieg aus und muss entweichen können. Daraus ist über Jahrzehnte die Anweisung geworden, vor dem Aufstieg vollständig und kräftig auszuatmen — „blow and go“. Diese Fassung ist nach derselben Quelle heute verworfen: Viele Ausbildungsverbände halten das Verfahren für „unnecessarily hazardous“, und es sei „paradoxically … implicated in a greater number of lung barotrauma incidents“. Der Grund: „Forceful exhalation before ascent increases the risk of lung injury, and reduces the available oxygen.“

Richtig ist das Gegenteil eines Kraftakts: gleichmäßiges, dosiertes Ausatmen über die ganze Strecke, so dass das sich ausdehnende Volumen entweicht, die Lunge aber in ihrem normalen entspannten Bereich bleibt. Bleibt der Atemweg dabei offen, hat die Aufstiegsgeschwindigkeit nach derselben Darstellung auf das Risiko eines Lungenüberdruckunfalls keinen wesentlichen Einfluss — wohl aber auf das Risiko der Dekompressionskrankheit.

Wie schnell? Die Angaben gehen auseinander

Eine einheitliche Zahl gibt es nicht, und wer eine nennt, sollte sagen, von wem sie stammt. DAN hält ausdrücklich fest, dass ein verbindlicher Konsens fehlt: U.S. Navy und NOAA benutzen 30 Fuß pro Minute, also etwa 9 Meter, die Empfehlungen der Sporttauchverbände reichen „from 30 to 60 feet per minute“, also etwa 9 bis 18 Meter. DANs eigener Schluss: „Despite the lack of definitive consensus on what ascent rate divers should use, ‚slow‘ is a good way to go.“

Die deutschsprachige Wikipedia nennt für den Notaufstieg eine empfohlene Geschwindigkeit unter 10 Metern pro Minute und 18 Meter pro Minute als Höchstwert; für den freien Aufstieg gibt sie an, dass er aus weniger als etwa 10 Metern Tiefe ohne Bleiabwurf und ohne Aufblasen der Tarierweste möglich ist. Einen unkontrollierten Aufstieg bezeichnet sie als „unbedingt zu vermeiden“. Die Einzelheiten zur Aufstiegsgeschwindigkeit stehen in eigenem Eintrag.

Was bleibt, ist die Vorbeugung

Jeder Notaufstieg ist ein Verfahren, das ein Problem beendet, das vorher hätte verhindert werden können. In der Ausbildung sehe ich, dass die Übung „Notaufstieg“ viel Aufmerksamkeit bekommt und die Gasplanung wenig — dabei entscheidet die zweite darüber, ob die erste je gebraucht wird. Ein Umkehrdruck, der vor dem Tauchgang festgelegt und dann eingehalten wird, ist wirksamer als jede geübte Notfallfertigkeit; die Drittelregel ist die strengste ihrer Ausprägungen. Dazu gehören ein Partner in Reichweite und ein Buddy-Check, bei dem beide wissen, wo der Zweitautomat des anderen hängt.

Und noch etwas: Nach jedem Notaufstieg gilt der Tauchgang als Vorfall, nicht als abgeschlossen. Ein Sicherheitsstopp entfällt in der Notlage zwangsläufig; danach gehören Beobachtung und im Zweifel eine tauchmedizinische Abklärung dazu.

Dieser Eintrag beschreibt Verfahren, die praktisch geübt werden müssen. Er ersetzt keine Ausbildung. Notaufstiege werden unter Aufsicht und in geeigneter Tiefe trainiert, nicht nach einer Textbeschreibung.

Wechselatmung oder Oktopus — was ist besser?
Der Oktopus, und zwar deutlich. Bei der Luftspende über den Zweitautomaten atmen beide Taucher gleichzeitig und ununterbrochen; bei der Wechselatmung teilen sie einen Automaten und müssen ihn abwechselnd abgeben. Die Rangfolge der fünf amerikanischen Verbände von 1977 führt die Wechselatmung als die am wenigsten wünschenswerte der abhängigen Möglichkeiten.
Soll ich vor einem Notaufstieg kräftig ausatmen?
Nein. Das früher gelehrte „blow and go“ gilt heute als unnötig gefährlich und wird mit einer höheren Zahl von Lungenbarotraumen in Verbindung gebracht. Kräftiges Ausatmen vor dem Aufstieg erhöht das Verletzungsrisiko und nimmt zugleich den verfügbaren Sauerstoff. Richtig ist gleichmäßiges, dosiertes Ausatmen während des ganzen Aufstiegs.
Wann werfe ich das Blei ab?
Als letzte Möglichkeit, wenn nicht sicher ist, dass man die Oberfläche schwimmend erreicht. So ordnet es die Rangfolge der Verbände ein. Der Grund für die letzte Stelle: Mit dem Blei geht die Kontrolle über die Geschwindigkeit verloren, der Auftrieb nimmt nach oben hin weiter zu, und das Ausatmen muss dann gegen einen beschleunigenden Aufstieg gelingen.

Quellen

  • Wikipedia (englisch): Emergency ascent — Einteilung in abhängige und unabhängige Verfahren, Rangfolge der fünf Verbände von 1977, Bewertung des „blow and go“, Lungenvolumen und Aufstiegsgeschwindigkeit.
  • Wikipedia: Notaufstieg (Tauchen) — deutsche Begriffe, Geschwindigkeitsangaben, freier Aufstieg aus geringer Tiefe.
  • DAN: Ascent Rates — fehlender Konsens, 30 Fuß pro Minute bei U.S. Navy und NOAA, 30 bis 60 Fuß pro Minute bei den Sporttauchverbänden.

Zur Quellenlage: Die Systematik und die Rangfolge von 1977 sind hier über zwei Wiki-Artikel belegt; die Originalvereinbarung der Verbände und die heutigen Standardtexte von CMAS, SSI, PADI und TDI liegen diesem Eintrag nicht zugrunde. Die deutschen Geschwindigkeitsangaben stehen allein in der deutschsprachigen Wikipedia und weichen von der DAN-Darstellung ab; beide sind deshalb einzeln zugeordnet und nicht zu einem Wert zusammengezogen.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.