Kontrollierter Notaufstieg

Ein Taucher schwimmt mit dem Automaten im Mund unter gleichmäßigem Ausatmen zur Wasseroberfläche.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Der kontrollierte Notaufstieg ist der Notaufstieg, bei dem ein Taucher allein und aus eigener Kraft zur Oberfläche schwimmt, den Atemregler im Mund behält und dabei ununterbrochen ausatmet. Im englischen Sprachraum heißt er Controlled Emergency Swimming Ascent, kurz CESA. Er ist die empfohlene unabhängige Möglichkeit, wenn kein Partner mit Atemgas erreichbar ist.

Was ihn ausmacht

Die englischsprachige Wikipedia beschreibt das Verfahren so: „The diver propels themself towards the surface at a safe ascent rate by means of swimming, usually finning, with continuous exhalation.“ Drei Bestandteile stecken darin, und alle drei sind wesentlich:

  • Aus eigener Kraft, also mit Flossenschlägen — nicht durch Auftrieb. Der Taucher bleibt annähernd neutral tariert und behält damit die Kontrolle über die Geschwindigkeit. Das unterscheidet ihn vom Aufstieg mit positivem Auftrieb, der als letzte Möglichkeit gilt.
  • Mit ständigem Ausatmen, damit sich ausdehnendes Gas die Lunge verlassen kann.
  • Mit dem Automaten im Mund. Genau darin liegt der Unterschied zum Emergency Swimming Ascent (ESA), den dieselbe Quelle als Aufstieg ohne Regler im Mund führt. Der Regler bleibt aus zwei Gründen drin: Er schützt den Atemweg, und nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte dehnt sich das im Gerät verbliebene Gas beim Aufstieg aus — ein Automat, der in der Tiefe nichts mehr lieferte, kann weiter oben noch einen Atemzug abgeben.

Die Tiefe, aus der es funktioniert

Der kontrollierte Notaufstieg ist ein Verfahren für geringe Tiefen. Die deutschsprachige Wikipedia gibt an, dass er im PADI-Open-Water-Diver-Kurs aus 6 bis 9 Metern trainiert wird, und dass ein freier Aufstieg aus weniger als etwa 10 Metern ohne Bleiabwurf und ohne Aufblasen der Tarierweste möglich ist.

Aus größerer Tiefe wird die Rechnung ungünstig, und zwar aus zwei Richtungen gleichzeitig: Der Weg wird länger, während die Atemreize zunehmen — und die Gefahr des Lungenüberdruckunfalls steigt mit der Zahl der Meter, über die sich das Lungengas ausdehnt. Deshalb steht die Luftspende über den Oktopus in der Rangfolge vor diesem Verfahren, solange ein Partner erreichbar ist. Die Übersicht über alle Varianten steht unter Notaufstieg.

Geschwindigkeit: die Angaben widersprechen sich

Hier lohnt der genaue Blick. Die englischsprachige Wikipedia nennt für den CESA „typically about 18 metres (60 feet) per minute, while exhaling slowly“. Die deutschsprachige Wikipedia nennt für Notaufstiege eine empfohlene Geschwindigkeit unter 10 Metern pro Minute und 18 Meter pro Minute als Höchstwert. DAN wiederum stellt fest, dass es überhaupt keinen verbindlichen Konsens gibt: U.S. Navy und NOAA rechnen mit 30 Fuß pro Minute, die Sporttauchverbände mit 30 bis 60 Fuß pro Minute.

Die Angaben sind nicht deckungsgleich, und sie lassen sich auch nicht zu einer Zahl verrechnen. Was in allen Darstellungen übereinstimmt, ist der Maßstab dahinter: Entscheidend ist die Kontrolle über den Aufstieg, nicht das Einhalten einer bestimmten Zahl. Dieselbe Quelle hält fest, dass bei gesunder Lunge und offenem Atemweg die Geschwindigkeit das Risiko eines Lungenüberdruckunfalls nicht wesentlich beeinflusst — wohl aber das Risiko der Dekompressionskrankheit. Mehr dazu unter Aufstiegsgeschwindigkeit.

Wie er geübt wird

Die Übung gilt als eine der anspruchsvollsten im Anfängerkurs. PADI schreibt dazu an die eigenen Ausbilder, es sei „eine der komplexesten Fertigkeiten im Open Water Diver Kurs“ und zugleich „eine wichtige Notfallmaßnahme“. Die Anweisung lautet, die Fertigkeit mit jeweils einem Schüler durchzuführen und dabei Körperkontakt zum Schüler und zur Leine zu halten — der Ausbilder greift das Tarierjacket, sieht dem Schüler ins Gesicht und hört und sieht dessen ständiges Ausatmen. Ausdrücklich gilt für den Ausbilder dabei, den eigenen Atem nicht anzuhalten.

In der Ausbildung achte ich auf zwei Dinge, die an der Oberfläche entschieden werden und nicht unter Wasser: dass der Schüler wirklich hörbar und ununterbrochen ausatmet — ein abgerissener Ton ist der Punkt, an dem die Übung abgebrochen wird — und dass er nicht in einen Sprint verfällt. Wer schneller wird, verliert die Tarierung und damit den Unterschied zum Auftriebsaufstieg. Und ausdrücklich: Kräftiges Leerpusten vor dem Aufstieg gehört nicht dazu; es erhöht nach der englischsprachigen Darstellung das Verletzungsrisiko und nimmt zugleich den verfügbaren Sauerstoff.

Dieser Eintrag beschreibt eine Fertigkeit, die unter Aufsicht geübt werden muss. Er ersetzt keine Ausbildung. Ein Notaufstieg wird nicht nach einer Textbeschreibung trainiert.

Nehme ich den Automaten aus dem Mund, wenn keine Luft mehr kommt?
Nein. Beim kontrollierten Notaufstieg bleibt er drin. Er schützt den Atemweg, und das im Gerät verbliebene Gas dehnt sich beim Aufstieg aus — ein Automat, der unten nichts mehr hergab, kann weiter oben noch einen Atemzug liefern. Das Verfahren ohne Regler im Mund ist ein anderes und heißt im Englischen Emergency Swimming Ascent.
Wie schnell soll ich aufsteigen?
Kontrolliert — eine allgemein verbindliche Zahl gibt es nicht. Die englischsprachige Wikipedia nennt für den CESA etwa 18 Meter pro Minute, die deutschsprachige unter 10 Meter pro Minute als Empfehlung und 18 als Höchstwert, DAN stellt einen fehlenden Konsens fest und nennt eine Spanne von etwa 9 bis 18 Metern pro Minute über die Verbände hinweg. In der Übung gibt die Leine das Maß vor, im Ernstfall die eigene Kontrolle.
Aus welcher Tiefe ist ein kontrollierter Notaufstieg noch sinnvoll?
Geübt wird er im PADI-Anfängerkurs nach der deutschsprachigen Wikipedia aus 6 bis 9 Metern; als freier Aufstieg ohne Bleiabwurf gilt dort eine Tiefe unter etwa 10 Metern. Je tiefer der Start, desto länger der Weg und desto größer die Ausdehnung des Lungengases. Solange ein Partner mit Zweitautomat erreichbar ist, geht dessen Luftspende vor.

Quellen

Zur Quellenlage: Die Verfahrensdefinition und die Abgrenzung zum ESA stehen hier auf einem Wiki-Artikel; ein Standardtext von PADI, SSI, CMAS oder TDI mit derselben Definition liegt diesem Eintrag nicht zugrunde. Auch die Übungstiefe von 6 bis 9 Metern stammt aus der deutschsprachigen Wikipedia und nicht aus den PADI-Standards. Die Begründung, warum der Automat im Mund bleibt, ist in der Sache aus dem Gesetz von Boyle-Mariotte abgeleitet; eine Fundstelle, die sie ausdrücklich so formuliert, ist nicht belegt.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.