Diver’s Mouth Syndrome

Taucher sitzt am Seeufer im geöffneten Neoprenanzug und hält die Hand schmerzhaft an den Unterkiefer vor dem Ohr.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Das Diver’s Mouth Syndrome ist eine akute Funktionsstörung des Kiefergelenks, die beim Gerätetauchen durch das anhaltende Festbeißen auf dem Mundstück des Atemreglers entsteht. Es äußert sich in Schmerzen im Gelenk und in der Kaumuskulatur, in eingeschränkter Kieferbeweglichkeit und oft in Beschwerden, die der Taucher zunächst dem Ohr oder dem Kopf zuordnet. Der Name stammt aus der zahnmedizinischen Literatur und bezeichnet dort die tauchspezifische Form einer kraniomandibulären Dysfunktion.

Was im Kiefergelenk geschieht

Ein Mundstück wird nicht gehalten, sondern gehalten und gezogen: Der Unterkiefer schiebt sich nach vorn, um die Bisswarzen zwischen den Zähnen zu fixieren, und das Gewicht der zweiten Stufe samt Schlauch zieht zusätzlich daran. Der Fachbeitrag einer Madrider HNO-Praxis beschreibt den Mechanismus als Vorverlagerung des Unterkiefers mit einer Verlagerung der Gelenkscheibe nach vorn. Kommt eine dauerhafte Muskelanspannung dazu – und die kommt bei einem Tauchgang von einer Stunde zuverlässig dazu –, liegt eine klassische Überlastungssituation vor.

Als begünstigende Umstände nennt derselbe Beitrag lange oder unmittelbar aufeinanderfolgende Tauchgänge, Standardmundstücke, weibliches Geschlecht, Zähneknirschen sowie vorbestehende Kiefergelenk- oder Bissprobleme. Beim kalten Wasser ist die Lage nicht eindeutig: Es gilt verbreitet als Risikofaktor, nach einer dort zitierten Arbeit von Lobbezoo und Mitarbeitern aus dem Jahr 2014 könnte es aber auch schlicht ohne Einfluss sein.

Woran es zu erkennen ist

Das Beschwerdebild reicht über den Kiefer hinaus. Neben Schmerz und Knacken im Gelenk treten Kopf- und Nackenschmerzen auf, dazu Ohrbeschwerden – Ohrenschmerzen, Ohrgeräusche, Schwindel, verändertes Hören –, die als otognathes Syndrom zusammengefasst werden. Fachlich wichtig ist ein Nebenbefund: Eine Überspannung des Musculus tensor tympani kann die Funktion der Ohrtrompete stören. Damit wird aus einem Kieferproblem ein Problem beim Druckausgleich – und damit ein Barotraumarisiko.

Genau deshalb wird das Syndrom oft nicht erkannt: Wer nach dem Tauchgang Kopfschmerzen hat und am nächsten Tag das Ohr nicht freibekommt, denkt an alles, nur nicht an seinen Biss.

Wie häufig es ist

Die Zahlen gehen weit auseinander und gehören deshalb ihren Urhebern zugeordnet. Eine Querschnittsstudie von Pelivan, Viskić und Dulčić (Dentistry Journal 2025) untersuchte 55 Berufstaucher an der Adria nach dem standardisierten RDC/TMD-Protokoll gegen 29 Personen der Allgemeinbevölkerung. Diskusverlagerungen und andere Gelenkerkrankungen traten bei den Tauchern deutlich häufiger auf: 29 bis 35 Prozent gegen 3 bis 7 Prozent in der Kontrollgruppe. Die Autoren halten selbst fest, dass die Gruppen nicht nach Alter und Geschlecht angeglichen waren und eine Querschnittsstudie keine Ursache beweist.

In der Diskussion derselben Arbeit wird für Taucher eine Spannweite von 24 bis 68 Prozent genannt; Lobbezoo und Mitarbeiter fanden bei 536 Tauchern 214 (44,1 Prozent), bei denen die Beschwerden erst nach dem Tauchbeginn aufgetreten waren. Zum Vergleich gibt die Studie für die Allgemeinbevölkerung 5 bis 12 Prozent an, einzelne Untersuchungen bis 31 Prozent. Die Streuung erklärt sich weniger durch die Taucher als durch die Diagnosekriterien.

Das Mundstück entscheidet mit

Der Unterschied zwischen den Bauformen ist gemessen. Lobo Sanz und Beltrán de Yturriaga (2015) fanden beim Standardmundstück eine Vorverlagerung des Unterkiefers von 8 Millimetern gegen 4 Millimeter beim individuell angepassten; Kiefergelenkschmerzen traten in ihrer Untersuchung nur bei den Trägern von Standardmundstücken auf, dort bei 40 Prozent. Eine in der Fachzeitschrift Scuba Diving beschriebene kleine Vergleichsreihe an gesunden Männern kommt in dieselbe Richtung: Das Standardmundstück verlangte etwa die doppelte Haltekraft und verursachte etwa doppelt so starke Kiefer- und Kopfschmerzen wie das vollständig angepasste.

Als Tauchlehrer achte ich deshalb auf zwei Dinge. Erstens auf den Biss: Das Mundstück muss zwischen den Zähnen liegen, nicht festgeklemmt werden – die Lippen halten es, nicht der Kiefer. Zweitens auf Leihmaterial: Wer eine Woche mit einem fremden Standardmundstück taucht, hat am Donnerstag Kopfschmerzen und weiß nicht, warum. Ein eigenes, thermoplastisch angepasstes Mundstück kostet wenig und lässt sich in jede Leihstufe schrauben.

Abgrenzung

Das Diver’s Mouth Syndrome ist keine Druckverletzung. Vom Zahnbarotrauma unterscheidet es sich in Ursache und Verlauf: Dort dehnt sich eingeschlossene Luft in einem Zahn oder unter einer Füllung beim Aufstieg aus, hier überlastet mechanische Dauerspannung ein Gelenk. Beide können aber gleichzeitig vorliegen, und beide führen zu Zahn- und Gesichtsschmerz nach dem Tauchgang.

Hinweis: Anhaltende Kiefer-, Ohr- oder Gesichtsschmerzen nach dem Tauchen gehören zahnärztlich und bei Ohrbeteiligung hals-nasen-ohrenärztlich abgeklärt. Dieser Eintrag ersetzt keine Untersuchung.

Kann ich mit Kiefergelenkbeschwerden tauchen?
Das entscheidet die behandelnde Zahnärztin oder der Zahnarzt, nicht der Tauchlehrer. Fachlich bedenklich ist die Verbindung über die Ohrtrompete: Stört die Muskelspannung den Druckausgleich, wächst das Risiko eines Mittelohrbarotraumas. Vorbestehende Gelenk- und Bissprobleme gelten in der zitierten Literatur ausdrücklich als Risikofaktor und sollten vor einer Tauchreise behandelt sein.
Hilft ein individuell angepasstes Mundstück wirklich?
Die vorliegenden Messungen sprechen dafür: halbierte Vorverlagerung des Unterkiefers, geringere Haltekraft, weniger Beschwerden. Es handelt sich allerdings um kleine Untersuchungsgruppen, nicht um kontrollierte Studien mit vielen Teilnehmern. Zwischen Standard und Maßanfertigung liegen thermoplastische Silikonmundstücke, die man selbst anformt.
Warum trifft es Frauen häufiger?
Weibliches Geschlecht wird in der Literatur als Risikofaktor geführt, auch für kraniomandibuläre Dysfunktionen ohne Tauchbezug. Eine Erklärung, die über die Beobachtung hinausgeht, nennen weder die Studie von 2025 noch der Fachbeitrag der HNO-Praxis. Bei den Berufstauchern der Studie von 2025 war die Taucherstichprobe überwiegend männlich, was den Vergleich mit der Kontrollgruppe zusätzlich belastet.

Quellen

Zur Quellenlage: Die Erstbeschreibung durch Goldstein und Katz im New York State Dental Journal von 1982 ist hier nur mittelbar belegt, über die beiden erstgenannten Quellen. Eine deutschsprachige Verbands- oder Leitlinienfundstelle zum Diver’s Mouth Syndrome liegt nicht vor; die Zahlen stammen durchweg aus internationaler zahnmedizinischer Fachliteratur, teils aus kleinen Stichproben.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.