Verfangen

Feine Angelschnur hat sich an einem Wrack um Flosse und Knöchel eines ruhig liegenden Tauchers gelegt.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Verfangen heißt beim Tauchen, dass Ausrüstung oder Körper eines Tauchers in einer Leine, einem Netz, einer Angelschnur oder an einer Struktur festhängt, so dass er sich nicht frei bewegen und nicht ohne Weiteres aufsteigen kann. Im englischen Sprachgebrauch heißt derselbe Fall entanglement. Er endet selten am Haken — gefährlich wird, was aus ihm folgt.

Woran sich Taucher tatsächlich verfangen

Die naheliegende Antwort lautet: an Fischernetzen. Sie stimmt für bestimmte Plätze. Der WWF hält in seiner Darstellung zu Geisternetzen fest, dass von Netzen bedeckte Schiffswracks „für Taucher zur lebensgefährlichen Falle werden“ können, und benennt die Größenordnung: Allein in der Ostsee bleiben nach einer Schätzung des WWF Polen jährlich 5.000 bis 10.000 Netzteile im Meer zurück. Die Netze bestehen aus Kunststoff und verschwinden nicht — der WWF nennt 400 bis 500 Jahre und schreibt: „Es vergehen Jahrhunderte, bis sich verlorene Fischernetze im Meer aufgelöst haben.“ Stellnetze fischen nach einem Verlust jahrelang weiter und werden von Bleileinen am Grund gehalten.

Der Blick in die Unfallmeldungen zeigt aber ein anderes Übergewicht. Der Unfallbericht des British Sub-Aqua Club für das Jahr 2024 führt Verfangen nicht als eigene Kategorie; die Fälle stehen verstreut in anderen Rubriken. Auffällig ist, woran sie hängen: an der eigenen Leine. In einem tödlichen Vorfall wurde dem Partner bei einem gemeinsamen Aufstieg der Inflatorschlauch hinter den Kopf gezogen — „the pair having become entangled in the DSMB line, which had pulled his inflator hose behind his head“. In einem zweiten verfing sich ein Kreislaufgerät beim Bergen in der Abstiegsleine, „some of the shotline tangled in his rebreather“. In einem dritten wickelte sich die Bojenleine um den Partner. Dazu kommen ein in die Bootsschraube geratener Bojenkörper und eine Leine, die sich mit der Lampe eines Tauchers verhedderte und zu einem vorzeitigen Aufstieg ohne Sicherheitsstopp führte.

Die Lehre daraus ist unbequem: In diesen Fallbeschreibungen hängen die Taucher überwiegend an der Oberflächenboje und ihrem Spool, also an eigener Ausrüstung, die sie bewusst mitführen. Die alte Regel des BSAC, die Boje zu keinem Zeitpunkt am Taucher einzuklinken, steht genau deshalb da.

Monofil — unsichtbar und reißfest

Beim Wracktauchen kommt ein zweiter Gegner hinzu, der schlechter zu sehen ist als jedes Netz. Michael Ange nennt in Scuba Diving weggeworfene Angelschnur „the major wreck-diving hazard facing open-water divers“ und begründet es mit einer Eigenschaft des Materials: „Modern fishing line is not only strong, it’s designed to be invisible in water.“ Monofil hängt in Lagen über Aufbauten, ist bei schlechter Sicht praktisch nicht zu erkennen und legt sich um alles, was absteht.

Was zu tun ist, wenn es passiert ist

Die Reihenfolge ist in beiden Praxisdarstellungen dieselbe und beginnt mit dem Gegenteil dessen, was der Reflex verlangt. Stillhalten. Ange formuliert es ohne Einschränkung: „Kicking, pulling, twisting — almost any movement — only make the problem worse.“ Jim Bartlett führt denselben Schritt in Scuba Diving als „Freeze!“ auf.

Danach: die Stelle ertasten. Jedes Körperteil einzeln und vorsichtig bewegen und spüren, wo es klemmt. Hilft das nicht, langsam ein bis zwei Fuß zurückweichen — oft löst sich die Schlaufe dabei von selbst. Bleibt die Stelle unauffindbar, empfiehlt Ange, mit den Armen seitlich entlangzustreichen und anschließend einen Bogen von hinter dem Flaschenventil nach vorn zu ziehen. Erst danach kommt das Schneiden, und erst ganz zuletzt das Ablegen von Ausrüstung: „Removing your gear is always a last resort, particularly at depth“ — und wenn, dann nach dem Ablassen der Luft und möglichst mit einem Arm im Jacket.

Quer durch alle Schritte steht der Partner. Ange begründet, warum der Griff zum Partner früh und nicht spät kommt: „Your buddy can see the problem better than you can and has the freedom of movement to deal with it effectively.“ Das Buddy-System hat beim Verfangen seinen klarsten Anwendungsfall.

Werkzeug

Ange unterscheidet drei Werkzeuge nach Material und Lage. Das Tauchermesser mit Leinenschneiderkerbe und glatter Schneide für Monofil, die gezahnte Schneide für dickes Tauwerk; dazu der Satz, der die Rolle des Messers klärt: „Your dive knife is a tool for cutting monofilament and trawl netting — not a weapon.“ Der Leinenschneider mit versenkter Klinge, dessen Bauart „ensures you cut only what you intend to cut“ — er kann weder den eigenen Schlauch noch die Finger erwischen. Und die Schere, deren Vorteil darin liegt, dass sie mit einer Hand zu bedienen ist. Ange empfiehlt, bei Wracktauchgängen alle drei zu führen und erreichbar zu montieren.

Vorbeugen

Der größte Hebel liegt vor dem Einstieg. Beide Darstellungen laufen auf dieselbe Liste hinaus: Instrumente und Zweitautomat sichern, Flaschenbänder festziehen, das Jacket eng anlegen, die Enden der Flossenbänder einstecken, nichts baumeln lassen. Ange fasst den Grundsatz in einem Halbsatz: „Dangling hoses, flapping straps and loose tank bands all create an increased risk of entanglement.“ Bartlett ergänzt zwei Punkte, die über das Aufräumen hinausgehen: den Platz vorher bedenken — Wracks und aufragende Korallenblöcke fangen Netze und Schnüre —, und den Blick heben. Wer nur nach unten schaut, sieht die gespannte Schnur erst, wenn sie an der Flossenspitze hängt.

Im Kelp nennt Bartlett eine eigene Technik: mit geschlossenen Füßen voran einsteigen und beim Aufstieg an der Stelle bleiben, damit die ausgeatmeten Blasen den Weg durch das Blätterdach freimachen.

Aus der Ausbildung

Als Tauchlehrer übe ich das Verfangen nicht mit Netzen, sondern mit einer Rolle Paketschnur im Flachwasser — weil der Lerneffekt nicht im Schneiden liegt, sondern im Stillhalten. Wer einmal gespürt hat, wie ein einziger Flossenschlag aus einer Schlaufe drei macht, hält beim nächsten Mal an. Der zweite Punkt ist das Werkzeug am richtigen Ort: Ein Messer am Unterschenkel ist für eine Schnur an der Flossenspitze brauchbar und für eine Schnur am Flaschenventil wertlos. Und der dritte ist das Loslassen: Wer eine Bojenleine nicht binnen Sekunden freigeben kann, hat sich das Problem selbst angelegt — das gilt auch beim Eistauchen und überall dort, wo mit Leine gearbeitet wird. Historisch steht derselbe Fall am Anfang eines der bekanntesten Tauchunglücke: Peter Small verfing sich 1962 kurz außerhalb der Glocke — siehe Hannes Keller.

Quellen

  • British Sub-Aqua Club: Annual Diving Incident Report 2024 (PDF) — 331 gemeldete Vorfälle, zwölf Todesfälle, und die einzelnen Fallbeschreibungen mit Bojenleine, Abstiegsleine, Bootsschraube und Lampe.
  • WWF: Geisternetze — Gefahr für Tier und Mensch (PDF) — netzbedeckte Wracks als Falle für Taucher, 5.000 bis 10.000 Netzteile jährlich in der Ostsee, Kunststoff, 400 bis 500 Jahre Verweildauer, weiterfischende Stellnetze.
  • Michael Ange, Scuba Diving: The Art of Escape — Monofil als Hauptgefahr am Wrack, die Reihenfolge Stillhalten, Ertasten, Zurückweichen, Armsweeps, Schneiden, Ablegen; die drei Werkzeuge; die Aufräumliste.
  • Jim Bartlett, Scuba Diving: 9 Tips for Avoiding Underwater Entanglements — Platzwahl, Kelp-Technik, Streamlining, Freeze, Zurückweichen, Ablegen, Schneiden, Partner.
  • Zur Quellenlage: Eine Statistik, die Verfangen als Unfallursache beziffert, liegt dieser Darstellung nicht zugrunde — der BSAC-Bericht ordnet jeden Fall seiner wichtigsten Ursache zu und kennt keine Rubrik dafür; die genannten Fälle sind Einzelfälle eines Jahres und tragen keine Häufigkeitsaussage. Die beiden Verfahrensdarstellungen stammen aus derselben Zeitschrift, also aus einer Redaktion. Die WWF-Broschüre ist eine Umweltschutzveröffentlichung, keine tauchsportliche Quelle; ihre Mengenangaben sind als Schätzungen bezeichnet. Der historische Fall Peter Small von 1962 ist hier nicht eigens belegt; die Fundstellen dazu stehen im Eintrag zu Hannes Keller.
Was ist der erste Schritt, wenn ich hängenbleibe?
Stillhalten. Michael Ange formuliert es ohne Einschränkung: Treten, Ziehen und Drehen — fast jede Bewegung — machen das Problem nur schlimmer. Erst danach kommt das Ertasten der Stelle, dann das langsame Zurückweichen um ein bis zwei Fuß, dann der Griff zum Partner und zum Werkzeug. Ausrüstung abzulegen ist der letzte Schritt, nicht der zweite.
Messer, Leinenschneider oder Schere?
Alle drei haben ihren Fall. Das Messer trennt Monofil über die Leinenschneiderkerbe und dickes Tauwerk über die gezahnte Schneide. Der Leinenschneider mit versenkter Klinge schneidet nur das, was man beabsichtigt — er kann weder den Schlauch noch die Finger erwischen. Die Schere lässt sich einhändig bedienen. Ange empfiehlt für Wracktauchgänge alle drei, erreichbar montiert.
Sind Fischernetze die häufigste Verfangstelle?
An netzbelegten Wracks und in der Ostsee sind sie eine ernste Gefahr; der WWF nennt sie ausdrücklich lebensgefährlich. In den Fallbeschreibungen des BSAC-Berichts für 2024 hängen die Taucher dagegen überwiegend an eigener Leine — an der Leine der Oberflächenboje und an der Abstiegsleine. Eine Häufigkeitsaussage lässt sich daraus nicht ableiten, ein Hinweis auf die eigene Ausrüstung schon.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.