Eine Druckkammer ist ein druckfester Behälter, in dem der Umgebungsdruck für Patienten oder Arbeiter über den Luftdruck angehoben werden kann. In der Tauchmedizin dient sie der Behandlung des Tauchunfalls: Der erhöhte Druck verkleinert vorhandene Gasblasen, und reiner Sauerstoff beschleunigt deren Auflösung. Die Leitlinie nennt dieses Verfahren für den Tauchunfall alternativlos.
Was in der Kammer geschieht
Zwei Wirkungen greifen ineinander. Erstens schrumpfen Gasblasen mit steigendem Umgebungsdruck — das ist unmittelbar das Gesetz von Boyle-Mariotte. Zweitens wird der Stickstoff aus den Blasen ausgewaschen: Atmet der Patient reinen Sauerstoff, fällt der Stickstoffpartialdruck im Blut praktisch auf null, und das Gefälle zwischen Blase und Gewebe wird so groß wie erreichbar. Die Kammer arbeitet also nicht nur mechanisch, sondern verändert die Richtung der Gasbewegung.
Das MSD Manual definiert die hyperbare Sauerstofftherapie als „die Verabreichung von 100 % Sauerstoff über mehrere Stunden in einer abgedichteten Kammer mit einem Druck von mindestens 1,9 (in der Regel 1,9 bis 3,0) Atmosphären“. Für die Dekompressionskrankheit nennt es 2,5 bis 3,0 ATA. Die Behandlungen werden „1- oder 2-mal täglich über 45–300 Minuten durchgeführt, bis die Symptome nachlassen“.
Das Standardschema: US Navy Treatment Table 6
Die deutsche S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ hält fest: „Die Druckkammerbehandlung als Therapie des Tauchunfalls ist seit den ersten Fallbeschreibungen bis heute alternativlos.“ Als Standard nennt sie die US Navy Treatment Table 6 mit einem Behandlungsdruck von 280 kPa.
280 kPa sind 2,8 bar Absolutdruck. Nach der vereinfachten Faustformel entspricht das dem Umgebungsdruck in rund 18 Metern Wassertiefe — das ist meine eigene Umrechnung, die Leitlinie nennt keine Tiefenangabe. Der Wert liegt im Bereich, den das MSD Manual für die Dekompressionskrankheit angibt.
Zum Zeitfaktor ist die Leitlinie differenziert: Ein verzögerter Behandlungsbeginn „auch nach Tagen“ kann noch eine Besserung bewirken — eine Verzögerung über sechs Stunden erhöht jedoch das Risiko irreversibler Schäden. Beides zusammen ergibt die praktische Regel: Es ist nie zu spät, aber jede Stunde zählt.
Ein- und Mehrplatzkammern
Das MSD Manual unterscheidet zwei Bauformen:
- Mehrplatzkammern bieten Raum für mehrere Patienten auf Tragen sowie für Pflegekraft oder Arzt, die mit eingeschleust werden. Der Patient bleibt erreichbar, auch wenn sich sein Zustand ändert.
- Monokammern (Einpersonenkammern) nehmen einen Patienten auf. Sie sind kostengünstiger, der Zugang zu kritisch Kranken ist darin aber eingeschränkt.
Für den schwer betroffenen Taucher ist das kein Nebenaspekt. Das MSD Manual führt als absolute Gegenanzeige den unbehandelten Pneumothorax — mit der Einschränkung, dass in einer Mehrpersonenkammer eingegriffen werden kann. Wer schon einmal eine Verlegung organisiert hat, weiß, dass die Frage „welche Kammer“ mit über den Ablauf entscheidet.
Risiken und Gegenanzeigen
Eine Druckkammerbehandlung ist selbst ein Tauchgang mit allem, was dazugehört. Das MSD Manual nennt als Komplikationen Ohr- und Nasennebenhöhlenbarotraumata, ein pulmonales Barotrauma, Sauerstofftoxizität bis hin zum Krampfanfall, Hypoglykämie sowie eine reversible Myopie bei mehr als zwanzig Behandlungen. Als relative Gegenanzeigen führt es unter anderem obstruktive Atemwegserkrankungen, Infekte der oberen Atemwege und Nasennebenhöhlen, schwere Herzinsuffizienz, kürzliche Ohroperationen, Thoraxchirurgie und Klaustrophobie.
Der Druckausgleich in der Kammer folgt denselben Regeln wie im Wasser — nur dass der Patient ihn unter Umständen benommen oder unter Schmerzen ausführen muss. Das ist einer der Gründe, warum die Kompression langsamer gefahren wird, als es der Ungeduld entspräche.
Nicht dasselbe: die nasse Rekompression
Das Zurücktauchen des Betroffenen mit Gerät ersetzt keine Kammer. Die Leitlinie ist eindeutig: Eine „nasse Rekompression“ (In Water Recompression) soll nicht durchgeführt werden; sie bleibt professionellen Teams mit entsprechender Ausbildung, Erfahrung und Ausstattung vorbehalten, und auch dann nur, wenn bei einem lebensbedrohlichen Unfall keine Druckkammer innerhalb weniger Stunden erreichbar ist. Für Sporttaucher heißt das schlicht: nein. Was stattdessen zu tun ist, steht unter Tauchunfall.
Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen Begriff und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Entscheidung über eine Druckkammerbehandlung trifft ein Taucherarzt.
Quellen
- MSD Manual, Profi-Ausgabe: Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) — Definition, Behandlungsdruck, Kammertypen, Behandlungsdauer, Komplikationen und Gegenanzeigen
- S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ (GTÜM, GMS 2023;21:Doc01) — Alternativlosigkeit der Druckkammerbehandlung, US Navy Treatment Table 6 bei 280 kPa, Zeitfaktor, Stellungnahme zur In-Water-Recompression
