Fliegen nach dem Tauchen bezeichnet den Flug in einer Kabine, deren Druck unter dem Druck auf Meereshöhe liegt, während im Körper noch Reststickstoff aus dem Tauchgang gelöst ist. Der Druckabfall beim Steigflug setzt die Entsättigung fort, die an der Oberfläche begonnen hat – und kann eine Dekompressionskrankheit auslösen, die im Wasser ausgeblieben wäre.
Warum der Flug der Tauchgang nach dem Tauchgang ist
Wer auftaucht, hat den Druckabbau nicht abgeschlossen. Er hat ihn bis auf den Luftdruck an der Oberfläche geführt. Der Körper gibt den überschüssigen Stickstoff danach weiter ab, und die GTÜM hält fest, dass diese Entsättigung vor allem in den ersten drei Stunden nach Tauchgangsende abläuft und das Gleichgewicht in der Regel nach einer Tauchpause von vierundzwanzig Stunden wiederhergestellt ist.
Ein Verkehrsflugzeug hält in Reiseflughöhe keinen Kabinendruck auf Meeresniveau. Die Versuchsreihen, auf die sich die DAN-Empfehlungen stützen, wurden für das Sporttauchen bei einer Kabinenhöhe von 8000 Fuß – rund 2438 Metern – gefahren. Nach der Faustregel der GTÜM zum Höhentauchen sinkt der Luftdruck bis 4000 Meter um etwa 0,1 bar je 1000 Meter; in 2500 Metern nennt sie rund 0,75 bar. Der Taucher erlebt also innerhalb von Minuten einen weiteren Druckabfall von rund einem Viertel – mit Gewebe, das noch übersättigt ist.
Die Wartezeiten – und wo sie auseinandergehen
Aus dem DAN-Workshop zum Fliegen nach dem Tauchen stammen drei Empfehlungen: mindestens zwölf Stunden Oberflächenpause nach einem einzelnen Tauchgang innerhalb der Nullzeit, mindestens achtzehn Stunden nach mehrtägigem Wiederholungstauchen und deutlich mehr als achtzehn Stunden nach Tauchgängen mit zwingender Dekompression oder mit Heliox und Trimix.
DAN Europe formuliert in seinen zehn Sicherheitsregeln enger: „erst frühestens 12 Stunden nach einem einzelnen Tauchgang und frühestens 24 Stunden nach wiederholten Tauchgängen bzw. Dekompressionstauchgängen solltest du fliegen.“ Die zwölf Stunden für den Einzeltauchgang sind also unstrittig; für das Wiederholungstauchen stehen achtzehn und vierundzwanzig Stunden nebeneinander. Wer plant, nimmt die längere Zahl – das ist die Untergrenze einer Sicherheitspause, und die wird aufgerundet, nicht abgerundet.
Was diese Zahlen nicht sind
Sie sind keine Freigrenze. Die Versuche, aus denen sie stammen, liefen in einer trockenen Druckkammer mit ruhenden Versuchspersonen; der Workshop selbst hält fest, dass für Taucher, die immergiert sind und sich anstrengen, längere Zeiten nötig sein könnten. Alert Diver verweist zudem auf eine Fall-Kontroll-Untersuchung, nach der das Risiko bei zwölf Stunden Wartezeit gegenüber vierundzwanzig Stunden erhöht ist und nach tieferen Tauchgängen weiter steigt. In derselben Auswertung hatte ein erheblicher Teil der erfassten Fälle länger als vierundzwanzig Stunden gewartet – die Wartezeit senkt das Risiko, sie beseitigt es nicht.
Nach einer Druckkammerbehandlung
Für den Flug nach einer Druckkammerbehandlung eines Tauchunfalls nennt Alert Diver drei Tage und merkt zugleich an, dass diese Empfehlung auf Daten von zweifelhafter Qualität beruht. Die Entscheidung trifft hier ohnehin der behandelnde Arzt, nicht die Tabelle.
Was das für die Reiseplanung heißt
Als Tauchlehrer plane ich den letzten Tauchtag nach der Abflugzeit, nicht umgekehrt. Bei einem Rückflug am Vormittag heißt das in der Praxis: Der vorletzte Reisetag ist der letzte Tauchtag. Wer am Abend vor dem Flug noch einmal ins Wasser will, verschiebt das Risiko auf einen Zeitpunkt, an dem niemand mehr reagieren kann – über dem Atlantik gibt es keine Druckkammer. Wer wegen eines umgebuchten Fluges die Pause nicht einhalten kann, meldet das der Fluggesellschaft und dem tauchmedizinischen Notruf, statt es auszusitzen.
Dieselbe Überlegung gilt für die Heimfahrt über einen Pass. Ein Alpenübergang auf 2000 Metern ist derselbe Druckabfall wie eine Flugkabine, nur langsamer erreicht – und er kommt in Mitteleuropa häufiger vor als der Langstreckenflug.
Symptome im Flug
Treten während oder nach dem Flug Gelenkschmerzen, Hautzeichen, Schwäche, Taubheit oder Schwindel auf, ist die Dekompressionskrankheit die erste Arbeitsdiagnose und nicht die letzte. Alert Diver weist darauf hin, dass die vollständige Erholung bei schweren neurologischen Symptomen in den ausgewerteten Fällen niedrig lag. Sauerstoff und der tauchmedizinische Notruf gehören an den Anfang, nicht ans Ende.
Quellen
- DAN: Guidelines for Flying After Diving – die zwölf, achtzehn und „deutlich mehr als achtzehn“ Stunden, die Kabinenhöhe von 8000 Fuß und der Vorbehalt zu Kammer und Ruhe.
- DAN Europe: 10 Sicherheitsregeln – die abweichende Fassung mit zwölf und vierundzwanzig Stunden.
- Alert Diver: Fliegen nach dem Tauchen – Entstehung der Empfehlungen, die Fall-Kontroll-Untersuchung und die drei Tage nach einer Druckkammerbehandlung.
- GTÜM: Dekompressionstabellen – die verzögerte Entsättigung in den ersten drei Stunden und das Gleichgewicht nach vierundzwanzig Stunden.
- GTÜM: Bergseetauchen – der Luftdruckabfall von etwa 0,1 bar je 1000 Meter und 0,75 bar in 2500 Metern.
Zur Quellenlage: Die beiden DAN-Angaben zum Wiederholungstauchen – achtzehn gegenüber vierundzwanzig Stunden – stammen von derselben Organisation, aber aus unterschiedlichen Veröffentlichungen; sie sind hier nebeneinandergestellt und nicht zusammengeführt. Die Zahlen der Fall-Kontroll-Untersuchung sind über die Darstellung bei Alert Diver wiedergegeben, die Originalarbeit liegt diesem Eintrag nicht vor; die Werte sind deshalb nur der Richtung nach genannt. Eine deutschsprachige verbandsseitige Festlegung zur Flugwartezeit in Form einer Leitlinie liegt nicht vor.
