Höhentauchen ist das Tauchen in Gewässern, die deutlich über dem Meeresspiegel liegen — im Alpenraum meist Bergseetauchen genannt, englisch altitude diving. Der Unterschied zum Meer ist kein landschaftlicher, sondern ein physikalischer: Der Luftdruck an der Oberfläche ist geringer, und das verändert jede Dekompressionsrechnung.
Ab welcher Höhe?
Darauf gibt es keine einheitliche Antwort, und das ist kein Mangel der Darstellung, sondern der Befund. Es stehen zwei Zahlenfamilien nebeneinander.
Die angloamerikanischen Ausbildungsverbände setzen die Grenze bei 300 Metern. PADI formuliert: „Any time you scuba dive at an altitude higher than 300 metres/1000 feet above sea level, you’re altitude diving.“ SSI eröffnet sein Programm mit derselben Zahl, SDI ebenfalls. Medizinische Übersichtsliteratur rechnet mit 1000 Fuß, also 304,8 Metern — PADI selbst setzt beide Werte als Paar, obwohl sie rechnerisch auseinanderliegen.
Daneben steht eine kontinentaleuropäische Familie bei 700 Metern. Bühlmanns Originaltabelle trägt den Höhenband-Titel „0…700 m-ü.M.“; das Modell DECO 92 von Max Hahn sieht angepasste Berechnungen erst ab 700 Metern vor. Für die Zuordnung dieser Schwelle zu CMAS findet sich allerdings nur eine Händlerquelle, keine Verbandsfundstelle — der CMAS-Standard zum Höhentauchen nennt keine Höhenschwelle, und der VDST führt gar keinen entsprechenden Spezialkurs.
Praktisch heißt das: Wer eine Zahl braucht, muss wissen, nach welchem Modell er taucht. Wer mit einem Computer taucht, richtet sich ohnehin nach dessen Höhenbereichen.
Was der geringere Luftdruck anrichtet
Die GTÜM gibt die Größenordnung an: „Bis 4000 m Höhe sinkt der Luftdruck um ca. 0,1 bar pro 1000 m.“ In 1000 Metern Höhe beträgt er demnach etwa 0,9 bar.
Die Folge beschreibt dieselbe Quelle mit einem Bild, das die Sache auf den Punkt bringt: Der Umgebungsdruck, den Tabellen und Tauchcomputer als Oberflächendruck annehmen, „herrscht in diesem Bergsee nicht an der Wasseroberfläche, sondern in 1 m Tiefe“. Daraus folgt unmittelbar:
„Ein Taucher, der nach einem Meerestauchgang gerade noch ohne Dekompressionsstopp zur Oberfläche aufsteigen dürfte, müsste nach einem Bergseetauchgang mit der gleichen Stickstoffaufsättigung in 1 m Tiefe warten, bis seine Gewebe so viel Stickstoff abgegeben haben, dass sie 0,9 bar Umgebungsdruck tolerieren. In 2000 m Seehöhe müsste er bereits einen entsprechenden Dekompressionsstopp in 2 m Tiefe einhalten.“
Das ist der Kern der Sache: Nicht der Abstieg ist anders, sondern der letzte Meter des Aufstiegs. Der Druckabfall vom tiefsten Punkt bis zur Oberfläche ist relativ größer als am Meer, und deshalb werden Nullzeiten kürzer und Stopptiefen größer.
Dazu kommt das Süßwasser. Seine Dichte ist geringer als die von Meerwasser — König und Lipp nennen 1,00 gegenüber rund 1,03 Kilogramm je Liter, medizinische Literatur 1000 gegenüber 1033 Kilogramm je Kubikmeter. Ob man daraus zwei oder gut drei Prozent Unterschied rechnet, hängt vom angesetzten Salzwasserwert ab. Damit verschiebt sich auch die Faustregel „zehn Meter sind ein bar“, die König und Lipp ohnehin nur mit einer Toleranz von ± 2 Prozent angeben. Eine belegte Faustregel, wie viel Blei man im Süßwasser weniger braucht, existiert nicht — das wird im Wasser ermittelt, nicht aus einer Zahl abgeleitet.
Theoretische Tiefe
Der klassische Weg besteht darin, die tatsächliche Tiefe in eine größere, fiktive Meerestiefe umzurechnen und mit dieser in die gewohnte Tabelle zu gehen. DAN beschreibt das Verfahren der Cross-Corrections so: „multiply the planned depth of the altitude dive by the pressure at sea level divided by the pressure at altitude.“ Das Rechenbeispiel derselben Quelle: 60 Fuß Tiefe auf 8000 Fuß Höhe ergeben eine äquivalente Tiefe von 81,1 Fuß.
Im deutschsprachigen Raum wird dasselbe über einen Korrekturfaktor geführt. Eine österreichische Vereinspublikation rechnet für 3000 Meter Höhe mit dem Faktor 0,732 und kommt für 30 Meter tatsächliche Tiefe auf 41 Meter äquivalente Meerestiefe. Ein Fachmagazin nennt als grobe Näherung 3,5 Prozent Tiefenzuschlag je 305 Höhenmeter.
Nur: Diesen Weg empfiehlt heute niemand mehr. Die GTÜM schreibt dazu unmissverständlich, die früheren Bergsee-Formeln würden nicht mehr empfohlen, „da es bei der Berechnung leicht zu für den Taucher gefährlichen Rechenfehlern kommen kann“. Stattdessen gelten besondere Bergseetabellen oder Tauchcomputer mit bergseetauglichem Rechenprogramm — „wichtig ist hier, dass der Taucher die Vorgaben der jeweiligen Bedienungsanleitung einhält“. Die Umrechnungsformeln gehören damit ins Verständnis des Problems, nicht in die Tauchgangsplanung am Seeufer.
Was der Tauchcomputer macht
Moderne Geräte erfassen die Höhe über ihren Drucksensor und stufen sie in Höhenbereiche ein. Das Handbuch des Uwatec Smart beschreibt das konkret: Das Gerät unterscheidet fünf Höhenbereiche, die Wechsel liegen bei 905, 815, 725 und 610 Millibar Luftdruck, und es misst den Luftdruck alle sechzig Sekunden, auch bei ausgeschalteter Anzeige. Bemerkenswert ist, was es daraufhin mit den Stopptiefen tut: „Um eine optimale Dekompression auch in der Höhe zu gewährleisten, wird die 3m Dekompressionsstufe in eine 4m Stufe und eine 2m Stufe aufgeteilt.“ Das Handbuch nennt zudem eine harte Grenze — „Tauchen Sie nie in Höhen über 4000m“ — und warnt davor, in Höhenbereiche aufzusteigen, die das Gerät blinkend anzeigt.
Andere Geräte verlangen eine Einstellung von Hand. Beim Suunto Zoop wählt der Taucher zwischen drei Höhenklassen: A0 für 0 bis 300 Meter, A1 für 300 bis 1500 Meter und A2 für 1500 bis 3000 Meter. Wer das vergisst, rechnet mit falschen Grundannahmen — und merkt es nicht.
Anreise und Anpassung
Ein oft übersehener Punkt: Nicht erst der Tauchgang, schon die Anfahrt verändert die Lage. Die GTÜM erklärt den Mechanismus so, dass sich der Gewebedruck bei einem schnellen Aufstieg nicht ausreichend an den geringeren Umgebungsdruck anpassen kann; wer mit erhöhtem Stickstoffdruck ins Wasser geht, startet in einem Zustand, der einer Vorsättigung durch einen vorangegangenen Tauchgang vergleichbar ist. Ihr Beispiel: Wohnort auf 500 Metern, Bergsee auf 2500 Metern, direkte Anfahrt mit dem Auto — gegenüber einer Übernachtung am See ist der Gewebestickstoff deutlich höher.
Wie lange man warten soll, beantworten die Quellen sehr unterschiedlich, und diese Spanne gehört offen genannt:
- 12 Stunden — U.S. Navy, DAN und die medizinische Übersichtsliteratur übereinstimmend als Mindestwartezeit nach dem Aufstieg in die Höhe
- Mindestens 3 Stunden — Suunto im Gerätehandbuch
- 2 Stunden je 305 Höhenmeter des jeweiligen Tages — ein Fachmagazin als Näherung
- 3 Tage — medizinische Übersichtsliteratur für Höhen über 3000 Meter, dazu die Empfehlung, die Schlafhöhe täglich um nicht mehr als 500 Meter zu steigern
Die GTÜM nennt keine Stundenzahl, empfiehlt aber in ihrem Beispiel die Übernachtung am See. Wer sich an der größeren Zahl orientiert, liegt bei einer Untergrenze dieser Art auf der sicheren Seite.
Der Rückweg über den Pass
Nach dem Tauchgang gilt die Frage umgekehrt, und sie wird unterschätzt, weil niemand dabei in ein Flugzeug steigt. DAN behandelt den Aufstieg in Höhen zwischen 2000 und 8000 Fuß nach denselben Maßstäben wie das Fliegen: mindestens 12 Stunden Oberflächenintervall nach einem einzelnen Nullzeit-Tauchgang, mindestens 18 Stunden nach mehreren Tauchgängen oder mehreren Tagen, mindestens 24 Stunden nach Tauchgängen mit zwingenden Dekompressionsstopps. Ausdrücklich genannt wird dabei die Passstraße: Eine Bergstraße sei in ein bis zwei Stunden erreicht, was dem Körper nach einem Tauchtag nicht genüge, um sich an die größere Höhe anzupassen.
Die Zahlen zum Fliegen selbst gehen zwischen den Herausgebern auseinander — der Konsens von DAN und UHMS nennt 12 Stunden nach einem einzelnen Nullzeit-Tauchgang und 18 Stunden nach mehrtägigem Wiederholungstauchen, für dekompressionspflichtige Tauchgänge „substantially longer than 18 hours“; andere Herausgeber nennen 24 oder 48 Stunden. Die DAN-Leitlinie merkt selbst an, dass ihre Werte aus Kammerversuchen mit ruhenden Probanden stammen und für Taucher, die im Wasser gearbeitet haben, längere Intervalle nötig sein könnten.
Zur Sicherheit: Dieser Abschnitt ersetzt keine tauchmedizinische Beratung. Bei Verdacht auf einen Dekompressionsunfall am Bergsee ist die Höhenfrage Teil des Problems — ein Transport, der noch weiter hinaufführt, verschärft die Lage.
Aufstieg und Sicherheitsstopp
Eine eigene, verbandsübergreifend verbindliche Aufstiegsgeschwindigkeit für die Höhe gibt es nicht. DAN hält fest, dass die U.S. Navy und die NOAA mit 30 Fuß pro Minute rechnen, während die Ausbildungsverbände 30 bis 60 Fuß pro Minute nennen, und kommt zu dem Schluss: „Despite the lack of definitive consensus on what ascent rate divers should use, ‚slow‘ is a good way to go.“ Gerätehersteller werden konkreter — Uwatec nennt 7 bis 20 Meter pro Minute je nach Tiefe, Suunto löst bei mehr als 10 Metern pro Minute im Dauerbetrieb einen zwingenden Sicherheitsstopp aus.
Beim Sicherheitsstopp ist die Verschiebung dagegen belegt: Die Aufteilung der Drei-Meter-Stufe in eine Vier- und eine Zwei-Meter-Stufe durch den Tauchcomputer ist genau das, was die Physik verlangt — in dünnerer Luft liegt der äquivalente Haltepunkt tiefer. Wer nach Tabelle taucht, sollte den Stopp entsprechend tiefer legen, nicht flacher.
Praxis am Bergsee
Das Wasser ist kalt, und zwar ganzjährig; Halbtrocken- oder Trockenanzug sind die Regel, nicht die Ausnahme. Das ist kein Komfortthema: Kälte am Ende eines Tauchgangs gilt als Faktor, der das Risiko einer Dekompressionskrankheit erhöht.
Rechtlich ist der Zugang keineswegs selbstverständlich. In Bayern fällt das Tauchen mit Atemgerät nach Auskunft des Umweltministeriums nicht unter den allgemein zulässigen Gemeingebrauch nach Art. 18 Abs. 1 des Bayerischen Wassergesetzes; es bedarf einer Zulassung durch die Kreisverwaltungsbehörde, sei es durch Rechtsverordnung, Allgemeinverfügung oder Anordnung im Einzelfall. Das Ministerium führt eine Liste von 37 für das Tauchen freigegebenen Seen und weist darauf hin, dass sich Tauchverbote zusätzlich aus naturschutz- oder sicherheitsrechtlichen Regelungen ergeben können. In der Schweiz führt der SUSV eine eigene Liste der Tauchverbote und Einschränkungen. In Österreich verlangen viele Seen Tageskarten oder Jahreslizenzen, manche auch eine Mindestzahl an Tauchgängen.
In der Ausbildung sehe ich beim Bergseetauchen immer wieder denselben Fehler, und es ist nie die Physik: Der Computer steht noch auf der Höhenklasse vom Mittelmeerurlaub, oder die Gruppe ist am Morgen aus dem Tal heraufgefahren und geht nach einer halben Stunde ins Wasser. Beides ist in fünf Minuten zu vermeiden.
Quellen
- GTÜM: Bergseetauchen — Druckabnahme mit der Höhe, die Verschiebung des Oberflächendrucks in einen Meter Tiefe, Vorsättigung durch die Anfahrt, Absage an die alten Umrechnungsformeln
- DAN, Alert Diver: Altitude and Decompression Sickness — Cross-Corrections im Wortlaut samt Rechenbeispiel, Zwölf-Stunden-Wartezeit, Druckwerte für 8000 Fuß
- DAN/UHMS: Guidelines for Flying After Diving und DAN: Altitude After Diving — Oberflächenintervalle, ausdrücklich auch für die Bergstraße
- DAN, Alert Diver: Ascent Rates — fehlender Konsens zur Aufstiegsgeschwindigkeit, Werte von U.S. Navy, NOAA und den Ausbildungsverbänden
- PADI: Altitude Diver, SSI: Altitude Diving und SDI: Altitude Diver — die 300-Meter-Schwelle bei den drei Verbänden
- Uwatec/Scubapro: Handbuch Smart (PDF) — fünf Höhenbereiche mit Wechselpunkten in Millibar, Aufteilung der Drei-Meter-Stufe, Grenze von 4000 Metern, Aufstiegsgeschwindigkeit
- Suunto: Handbuch Zoop (PDF) — die drei manuell zu wählenden Höhenklassen A0 bis A2, Dreistundenempfehlung, Aufstiegsgrenzwerte
- König/Lipp: Lehrbuch für Forschungstaucher, Kapitel 1 (PDF) — Normaldruck, Dichten von Süß- und Salzwasser, Toleranzen der Faustregeln
- StatPearls (NCBI Bookshelf): High Altitude Diving — Dichtewerte, Zwölf-Stunden-Empfehlung, Anpassungszeit über 3000 Metern
- Zauchner: Was ist anders am Bergsee? — Korrekturfaktor und Rechenbeispiel für 3000 Meter. Vereinspublikation, keine Verbandsquelle
- Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz: Tauchen — Zulässigkeitsregelungen — Gemeingebrauch nach Art. 18 Abs. 1 BayWG, Zulassungswege, Liste freigegebener Seen
- SUSV: Tauchverbote und -einschränkungen, Stand 2025 (PDF) — die Schweizer Übersicht
Zur Quellenlage: Die Höhenschwelle ist in den Quellen nicht einheitlich; die 300-Meter-Angabe ist bei PADI, SSI und SDI primärquellenbelegt, die 700-Meter-Angabe über Bühlmanns Tabellenband und DECO 92, ihre Zuordnung zu CMAS dagegen nur über eine Händlerquelle — der CMAS-Standard zum Höhentauchen war nicht frei zugänglich. Auch die Wartezeiten vor dem Tauchgang und vor dem Fliegen gehen zwischen den Herausgebern auseinander; jede Zahl ist hier ihrem Urheber zugeordnet und nicht zu einem Mittelwert verrechnet. Die Angaben zur äquivalenten Tiefe stammen bei der deutschsprachigen Fassung aus einer Vereinspublikation, die an anderer Stelle ein damit unvereinbares Rechenbeispiel führt; übernommen ist nur der Wert, der sich mit dem Verfahren von DAN deckt. Für Sprungschichttiefen und Temperaturen in Bergseen sowie für eine Faustregel zum Bleibedarf im Süßwasser liegen keine belastbaren Angaben vor, weshalb dazu keine Zahlen genannt sind.
