Erste Hilfe beim Tauchunfall auf einen Blick
- Sauerstoff: 100 Prozent Sauerstoff beziehungsweise das Atemgas mit dem höchsten verfügbaren Sauerstoffanteil, sofort und ohne Pause bis zum Erreichen der Behandlungsdruckkammer — unabhängig davon, welches Gemisch getaucht wurde.
- Lagerung: flach und ruhig, keine Kopftieflage. Bei Bewusstseinsstörung mit erhaltener Atmung die Seitenlage.
- Flüssigkeit: 0,5 bis 1 Liter pro Stunde, isotonisch und kohlensäurefrei, oral beim ansprechbaren Verunfallten — kein Alkohol.
- Notruf 112 zuerst, danach die tauchmedizinische Telefonberatung. Die Leitlinie nennt für Deutschland und Österreich 00800 326 668 783 („00800 DAN NOTRUF“), DAN Europe selbst die internationale Nummer +39 06 4211 5685.
- Keine nasse Rekompression. Die Leitlinie formuliert das als Soll-nicht-Empfehlung und behält den Ausnahmefall ausgebildeten professionellen Teams vor.
- Jeder Verdachtsfall wird ärztlich abgeklärt. Auch wer innerhalb von 30 Minuten symptomfrei wird, atmet weiter Sauerstoff bis zur taucherärztlichen Beratung und wird anschließend 24 Stunden beobachtet.
Ein Tauchunfall sieht selten aus wie im Lehrbuch. Häufiger ist er unscheinbar: Jemand ist nach dem Auftauchen ungewöhnlich müde, klagt über ein Kribbeln im Arm, wird wortkarg. Genau deshalb entscheidet sich in den ersten Minuten viel — und zwar nicht am Können des Rettungsdienstes, sondern daran, was die Leute am Ufer tun, bevor er da ist.
Der wichtigste Satz zuerst: Im Zweifel behandeln. Es gibt keinen Nachteil, jemandem Sauerstoff zu geben, der ihn nicht gebraucht hätte. Es gibt einen erheblichen Nachteil, ihn jemandem vorzuenthalten, der ihn gebraucht hätte. Alles Weitere in diesem Beitrag folgt der S2k-Leitlinie Tauchunfall der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin, AWMF-Registernummer 072-001, veröffentlicht am 3. März 2023 und gültig bis zum 30. November 2027.
Die Anzeichen sind unspezifisch — und das ist das Problem
Die Leitlinie definiert den Tauchunfall als ein potenziell lebensbedrohliches oder gesundheitsschädigendes Ereignis, das durch den Abfall des Umgebungsdrucks beim Tauchen hervorgerufen wird. Diese Definition ist bewusst weit, denn die Symptome sind es auch. Auffällig werden sollte man bei allem, was nach einem Tauchgang neu auftritt und sich nicht anders erklären lässt:
- ungewöhnliche, bleierne Müdigkeit — der am häufigsten übersehene Hinweis
- Kribbeln, Taubheit, ein pelziges Gefühl, oft fleckig verteilt
- Gelenk- oder Muskelschmerzen ohne erkennbaren Anlass
- Schwindel, Übelkeit, Gangunsicherheit
- Schwäche in Arm oder Bein, Störungen beim Sprechen oder Sehen
- Hautmarmorierung, Juckreiz
- Atemnot, Husten, Brustschmerz — besonders nach schnellem Aufstieg
Die Leitlinie trennt dabei zwischen milden und schweren Symptomen, und diese Trennung entscheidet über das weitere Vorgehen. Als mild gelten unter anderem Müdigkeit und Hautjucken ohne sichtbare Hautveränderung. Als schwer gelten Lähmungen, Taubheitsgefühle, Bewusstseinsstörungen und Atembeschwerden — hier gilt Notfalltransport und schnellstmögliche Druckkammerbehandlung.
Symptome, die unmittelbar nach dem Auftauchen einsetzen, sind besonders ernst zu nehmen: Sie sprechen eher für eine arterielle Gasembolie als für eine Dekompressionskrankheit — und die duldet keinen Aufschub. Zur Unterscheidung siehe die Einträge zu Dekompressionskrankheit, arterieller Gasembolie und Lungenüberdruckunfall im Lexikon.
Was fast nie hilft: fragen, ob es wieder geht. Betroffene spielen ihre Beschwerden regelmäßig herunter — teils aus Verlegenheit, teils weil die Wahrnehmung selbst betroffen ist. Die brauchbarere Frage lautet nicht „Geht es?“, sondern „Was genau ist zu spüren, seit wann, und wo?“
Sieben Schritte in der Reihenfolge, in der sie zählen
1. Aus dem Wasser und hinlegen. Flach auf den Rücken, ruhig gelagert, ohne unnötige Bewegung — und ausdrücklich keine Kopftieflage. Die früher gelehrte Schocklage mit gesenktem Kopf steht nicht mehr in der Leitlinie. Wer nicht ansprechbar ist, aber normal atmet, kommt in die stabile Seitenlage. Ohne normale Atmung beginnt die Wiederbelebung, und dann gelten die allgemeinen Regeln der Ersten Hilfe, nicht die tauchspezifischen.
2. Sauerstoff. Sofort, hochdosiert, ununterbrochen. Die Leitlinie verlangt die sofortige Atmung von 100 Prozent Sauerstoff oder des Atemgases mit dem höchsten verfügbaren Sauerstoffanteil, unabhängig davon, welches Gemisch während des Tauchgangs geatmet wurde. Als Geräte nennt sie Atemregler und Demand-Ventil, im klinischen Umfeld auch Masken-CPAP oder nasale High-Flow-Therapie. Beim schweren Verlauf läuft die Gabe ohne Pause bis zum Erreichen der Behandlungsdruckkammer. Nicht sparen und nicht absetzen, weil es besser wird.
3. Notruf 112. Zuerst der örtliche Rettungsdienst — auch DAN Europe stellt das voran: „Bei gefährlichen oder gar lebensbedrohlichen Situationen zuerst den örtlichen Notdienst rufen oder ein Krankenhaus aufsuchen.“ Wichtig ist, das Wort Tauchunfall in den ersten Satz zu nehmen. Es entscheidet darüber, ob die Leitstelle eine Druckkammer in die Planung nimmt.
4. Die tauchmedizinische Telefonberatung. Parallel, nicht statt des Notrufs. Die Leitlinie führt dafür eine eigene Rubrik und nennt für Deutschland und Österreich die gebührenfreie Nummer 00800 326 668 783 („00800 DAN NOTRUF“), daneben Nummern für die Schweiz, den VDST, das Schifffahrtmedizinische Institut der Marine und aqua med. DAN Europe selbst gibt auf seiner Notfallseite die internationale Nummer +39 06 4211 5685 an, dazu ein Internet-Telefonat, die Adresse emergency@daneurope.org und einen SOS-Knopf in der DAN-App, der die GPS-Koordinaten mitschickt. Dort sitzen Menschen, die Tauchunfälle den ganzen Tag machen und wissen, welche Kammer aufnahmebereit ist.
5. Trinken, wenn es geht. Ansprechbare Betroffene, die sicher schlucken können, bekommen 0,5 bis 1 Liter Flüssigkeit pro Stunde — isotonisch und kohlensäurefrei, kein Alkohol. Dieselbe Menge sieht die Leitlinie beim schweren Verlauf für medizinisches Fachpersonal intravenös vor, bevorzugt als Vollelektrolytlösung. Dehydrierung verschlechtert die Ausgangslage, und Taucher sind nach einem Tauchgang praktisch immer trockener, als sie denken.
6. Vor weiterer Auskühlung schützen. Nasse Kleidung weg, zudecken, aus dem Wind. Kein aggressives Aufheizen mit heißer Dusche. Siehe dazu auch Unterkühlung im Lexikon.
7. Daten sichern. Der Tauchcomputer bleibt am Patienten oder fährt mit — sein Profil ist für die behandelnde Kammer die verlässlichste Auskunft über Tiefe, Zeit und Aufstiegsgeschwindigkeit. Dazu notieren: Atemgas, Anzahl der Tauchgänge des Tages, Zeitpunkt des Auftauchens, wann die Symptome begannen und wie sie sich seither verändert haben.
Die 30 Minuten und die 24 Stunden
Zwei Zeitfenster sind es, die den Verlauf ordnen, und beide werden am Ufer regelmäßig falsch verstanden.
Das erste sind die 30 Minuten. Bei milden Symptomen sieht die Leitlinie Sauerstoff, Flüssigkeitsersatz und Beobachtung vor. Sind die Symptome nach 30 Minuten unverändert, wird weiterbehandelt wie bei schweren Symptomen — also Notfalltransport in Richtung Druckkammer. Der häufige Fehler ist, die 30 Minuten als Freibrief zu lesen: als Zeitraum, in dem man erst einmal nichts tut. Das Gegenteil ist gemeint. Die Sauerstoffgabe läuft während dieser 30 Minuten bereits, und der Notruf wartet nicht auf ihr Ende.
Das zweite sind die 24 Stunden. Bilden sich milde Symptome zurück, ist der Fall nicht erledigt: Die Leitlinie verlangt, den Taucher anschließend 24 Stunden zu beobachten. Und für die Sauerstoffgabe formuliert sie ausdrücklich, dass sie bis zur taucherärztlichen Beratung fortgeführt wird — auch wenn innerhalb von 30 Minuten Symptomfreiheit eingetreten ist. Ein Verdachtsfall gehört damit in jedem Fall in ärztliche Beurteilung, nicht in eine Einschätzung am Parkplatz.
Drei Fehler, die immer wieder vorkommen
Abwarten, ob es von allein besser wird. Symptome einer Dekompressionskrankheit können sich zurückbilden und Stunden später wiederkommen — dann oft schwerer. Eine Besserung unter Sauerstoff ist ein gutes Zeichen, aber kein Grund, den Transport abzusagen. Genau darauf zielt die 24-Stunden-Beobachtung der Leitlinie.
Rekompression im Wasser. Die Leitlinie ist hier eindeutig: Eine nasse Rekompression soll nicht durchgeführt werden. Sie bleibt professionellen Teams mit entsprechender Ausbildung, Erfahrung sowie personeller und materieller Ausstattung vorbehalten — und selbst dann nur, wenn bei einem lebensbedrohlichen Tauchunfall eine Druckkammer nicht innerhalb weniger Stunden erreicht werden kann. Für den Sporttaucher am See heißt das: kein Anwendungsfall. Der Betroffene ist geschwächt, das Gas reicht nicht, die Wassertemperatur arbeitet dagegen, und niemand kann unter Wasser überwachen, was passiert. Aus einem behandelbaren Fall wird so ein zweiter Notfall.
Den Sauerstoff aufsparen. „Wir haben nur eine Flasche, die brauchen wir vielleicht noch“ ist die falsche Rechnung. Der Nutzen liegt in der frühen, durchgehenden Gabe — die Leitlinie sagt „ohne Pause“, nicht „bei Bedarf“. Wer regelmäßig mit Gruppen unterwegs ist, plant die Vorräte entsprechend und prüft sie, bevor er sie braucht.
Was ins Auto gehört
Wer im Verein oder mit wechselnden Gruppen taucht, sollte nicht davon ausgehen, dass jemand anders es dabeihat. Der brauchbare Grundstock ist überschaubar:
- eine Sauerstoffeinheit mit Demand-Ventil und einer Maske mit Reservoirbeutel — das Demand-Ventil für den ansprechbaren Patienten, die Maske für den, der nicht kräftig genug einatmet, um das Ventil zu öffnen
- Vorrat, der die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes trägt; an abgelegenen Plätzen ist das mehr als eine kleine Flasche
- ein Beatmungsbeutel, wenn jemand in der Gruppe damit umgehen kann
- eine normale Erste-Hilfe-Ausstattung und eine Rettungsdecke
- stilles oder isotonisches Getränk in ausreichender Menge — 0,5 bis 1 Liter pro Stunde sind schnell aufgebraucht
- eine Karte mit den Nummern, damit im Ernstfall niemand suchen muss
Warum ich den Sauerstoffkurs für den nützlichsten halte
Ich bin SSI Open Water Scuba Instructor und CMAS-Ein-Stern-Tauchlehrer, und wenn ich einen einzigen Kurs empfehlen dürfte, der über den eigenen Tauchgang hinaus etwas bewirkt, wäre es der Notfallsauerstoff-Kurs. Ein Tag, überschaubare Kosten — und danach steht man nicht mehr ratlos vor einem Ventil. DAN Europe verweist dafür auf sein Programm Oxygen First Aid for Scuba Diving Injuries; die anderen Verbände bieten Vergleichbares an. Bei SSI ist der entsprechende Nachweis nicht optional: Für die Zertifizierung Diver Stress & Rescue verlangt der Standard einen Nachweis über Notfallsauerstoff, Erste Hilfe und HLW, der zum Zeitpunkt der Zertifizierung nicht älter als zwei Jahre ist.
Was ich im Kurs immer wieder sehe: Die Theorie sitzt bei fast allen. Woran es hakt, ist der Handgriff. Eine Sauerstoffflasche mit Druckminderer aufzudrehen, das Demand-Ventil anzuschließen und die Maske so aufzusetzen, dass sie dichtet, dauert geübt keine Minute und ungeübt so lange, dass jemand daneben steht und fragt, ob man helfen kann. Deshalb packe ich die Einheit im Kurs nicht nur aus, sondern lasse sie jeden einmal selbst in Betrieb nehmen — mit kalten, nassen Händen, so wie es später auch sein wird.
Und ein zweiter Punkt aus der Praxis: Wer den Verunfallten betreut, sollte nicht gleichzeitig telefonieren. Im Verein teilen wir das auf — einer bleibt am Patienten und an der Sauerstoffgabe, einer führt das Gespräch mit der Leitstelle, einer geht an die Straße und weist den Rettungswagen ein. Das kostet nichts und spart die Minuten, um die es hier geht.
Der Rettungsweg wird vorher geklärt, nicht nachher
Zwei Dinge kosten nichts und werden trotzdem selten gemacht. Erstens: sich vor dem ersten Tauchgang an einem neuen Platz kurz klarmachen, wie der Rettungsweg aussieht — wo das Auto steht, ob ein Rettungswagen bis ans Wasser kommt, wie die Anschrift für die Leitstelle lautet. An vielen Baggerseen ist das nicht die Adresse, die im Navigationsgerät steht; brauchbar sind stattdessen die Rettungspunkte im Gelände oder eine Koordinate aus dem Telefon.
Zweitens: die Nummern dort speichern, wo man sie im Stress findet. Die 112 weiß jeder. Die Nummer der tauchmedizinischen Beratung weiß im entscheidenden Moment fast niemand auswendig — und sie zusammen mit der Position des nächsten Sauerstoffkoffers auf einer laminierten Karte in der Kiste liegen zu haben, ist die billigste Vorbereitung, die es im Tauchsport gibt.
Häufige Fragen zur Ersten Hilfe beim Tauchunfall
Siehe auch: Tauchunfall im Zülpicher See · Aufstiegsgeschwindigkeit: was ist sicher? · Der Buddy-Check: fünf Punkte · Grundlagen der Tauchgangsplanung
Quellen und weiterführende Links
- GTÜM: S2k-Leitlinie Tauchunfall, AWMF-Registernummer 072-001 – Sauerstoffgabe mit FiO₂ 1,0 ohne Pause, Ruhiglagerung ohne Kopftieflage, 0,5 bis 1 Liter Flüssigkeit pro Stunde, Trennung milder und schwerer Symptome, 30-Minuten-Grenze und 24-Stunden-Beobachtung, Ablehnung der nassen Rekompression, taucherärztliche Telefonberatung
- Leitlinie Tauchunfall in GMS German Medical Science – Veröffentlichung vom 3. März 2023, gültig bis 30. November 2027, beteiligte Fachgesellschaften GTÜM, SUHMS, DIVI, DGAI, DLRG und DRK
- DAN Europe: Notfall – internationale Notrufnummer +39 06 4211 5685, Internet-Telefonat, emergency@daneurope.org, SOS-Knopf der DAN-App mit GPS-Übermittlung und der Vorrang des örtlichen Notdienstes
- SSI: Scuba Training Standards und Verfahren 2026.2, deutsche Fassung vom 20.08.2026 – Diver Stress & Rescue: Nachweis über Notfallsauerstoff, Erste Hilfe und HLW nicht älter als zwei Jahre zum Zeitpunkt der Zertifizierung
Dieser Beitrag ersetzt keine Erste-Hilfe-Ausbildung und keine ärztliche Beratung. Die Behandlung eines Tauchunfalls gehört in ärztliche Hand.

Der Punkt mit der Müdigkeit hat mich erwischt. Ich hätte das nach einem langen Tauchtag nie mit einem Tauchunfall in Verbindung gebracht. Frage an Tom: Gehört das Sauerstoffset bei euch an jeden Einstieg, oder reicht es im Auto?
An den Einstieg, nicht ins Auto. Die Minuten, die man zum Parkplatz läuft, sind genau die Minuten, um die es im Beitrag geht. Und wer mit dem Set umgehen kann, sollte vorher feststehen, nicht erst, wenn es gebraucht wird.