Akklimatisation

Zwei Taucher warten mit noch nicht zusammengebauter Ausruestung am Ufer eines hochgelegenen Bergsees.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Akklimatisation ist die Anpassung des Körpers an den geringeren Luftdruck in der Höhe. Für Taucher hat das Wort zwei Bedeutungen, die auseinandergehalten werden müssen: die körperliche Gewöhnung an die dünne Luft und die Angleichung des im Gewebe gelösten Stickstoffs an den neuen Umgebungsdruck. Die zweite entscheidet darüber, wie der erste Tauchgang am Bergsee gerechnet wird.

Zwei Anpassungen, ein Wort

Wer von 300 Metern über dem Meer zu einem See auf 2000 Metern fährt, bringt zwei Baustellen mit. Die eine ist die bekannte: weniger Sauerstoff in der Atemluft, Kurzatmigkeit, Kopfschmerz, schlechter Schlaf — das Feld der Höhenkrankheit. Die andere ist unsichtbar: Der Stickstoff, den das Gewebe bei Normaldruck aufgenommen hat, ist für den niedrigeren Luftdruck am See zu viel. Beides heißt Akklimatisation, beides braucht Zeit, und beides hat mit dem anderen nichts zu tun.

Die körperliche Anpassung an die Höhe

Das MSD Manual beschreibt die Akklimatisierung als „eine integrierte Reihe von Anpassungsreaktionen“, mit denen der Körper die Sauerstoffarmut in der Höhe erträgt. Den Anfang macht eine anhaltende Mehratmung: Sie hebt den Sauerstoffdruck in den Lungenbläschen und im arteriellen Blut, erzeugt aber zunächst eine respiratorische Alkalose. Der Blut-pH normalisiert sich innerhalb weniger Tage, weil die Nieren Bikarbonat ausscheiden; erst danach kann die Atmung weiter zulegen. Das Herzzeitvolumen steigt anfangs an und kehrt im Verlauf zu den Ausgangswerten zurück. Die Zahl der roten Blutkörperchen und die Ausdauerleistung nehmen über Wochen zu.

Bis etwa 3000 Meter passen sich die meisten Menschen innerhalb weniger Tage gut an; je höher es geht, desto länger dauert es. Oberhalb von 3000 Metern soll die Schlafhöhe nach dem MSD Manual um höchstens 300 bis 500 Meter am Tag steigen, mit einem Ruhetag alle drei bis vier Tage. Eine akute Höhenkrankheit ist unterhalb von 2400 Metern unwahrscheinlich. Und: Die Anpassung geht nach einigen Tagen in geringerer Höhe wieder verloren.

Für das Sporttauchen heißt das vor allem eines — die Höhen, in denen deutsche, österreichische und Schweizer Bergseen liegen, sind für die Atmung meist kein Problem. Das zweite Thema ist das größere.

Die Angleichung des Gewebes vor dem Tauchgang

Für das Höhentauchen rechnet die GTÜM es an einem Beispiel vor: Wer in 500 Metern Höhe wohnt (rund 0,95 bar) und zu einem See auf 2500 Metern fährt (rund 0,75 bar), hat dort mehr Stickstoff im Gewebe, als wenn er am See übernachtet hätte. „Der Gewebedruck kann sich während eines schnellen Aufstiegs nicht ausreichend anpassen“, schreibt die Fachgesellschaft. Die Wirkung entspricht einer Vorsättigung durch einen vorangegangenen Tauchgang: Die Nullzeit wird kürzer, die Dekompression länger. Nitrox mit geringerem Stickstoffanteil kann das nach Darstellung der GTÜM gegebenenfalls ausgleichen.

Eine Wartezeit in Stunden nennt die GTÜM nicht. Konkret wird ein Gerätehersteller: Suunto empfiehlt in der Bedienungsanleitung, sich an eine neue Höhe zu gewöhnen, indem man „mindestens drei Stunden“ wartet, und die Höhenstufe des Tauchcomputers vor dem Tauchgang einzustellen — dort in den Bereichen 0 bis 300, 300 bis 1500 und 1500 bis 3000 Meter. Das ist eine Herstellerempfehlung, kein Verbandsstandard.

Was daraus für den Bergseetauchgang folgt

  • Nicht aus dem Auto in den See. Die Anfahrt ist eine Druckentlastung; das Gewebe braucht Zeit, bis es sie mitgemacht hat.
  • Die Höhenstufe einstellen, bevor der Computer ins Wasser geht — und bei Wiederholungstauchgängen in anderer Höhe erst nach dem vorangegangenen Tauchgang umstellen.
  • Keine eigenen Umrechnungen. Die GTÜM rät von den älteren „Bergsee-Formeln“ ab, weil Rechenfehler gefährlich sind und wichtige Einflussgrößen fehlen; sie verweist auf Bergseetabellen und Computer mit Bergseeprogramm.
  • Nach dem Tauchgang nicht gleich höher. Der Weg über den Pass gehört zur Oberflächenpause dazu.

In der Ausbildung sehe ich den Fehler fast immer am gleichen Punkt: Die Gruppe fährt morgens los, ist mittags am See und will tauchen, weil das Wetter hält. Eine Stunde Brotzeit am Ufer ist kein verlorener Tag, sondern der billigste Teil der Tauchgangsplanung — und sie erledigt beide Baustellen auf einmal.

Hinweis: Dieser Eintrag ersetzt keine tauchmedizinische Beratung. Wer in der Höhe tauchen will und Vorerkrankungen hat, bespricht das mit einem tauchmedizinisch erfahrenen Arzt.

Quellen

Zur Quellenlage: Die körperliche Akklimatisation und die Angleichung des Gewebedrucks stammen aus zwei verschiedenen Quellen — die GTÜM-Seite behandelt die körperliche Anpassung nicht, das MSD Manual das Tauchen nicht. Die einzige konkrete Wartezeit (drei Stunden) stammt aus einer Herstellerdokumentation; eine Verbandsangabe dazu liegt dieser Darstellung nicht zugrunde.

Wie lange soll ich nach der Anfahrt zum Bergsee warten, bevor ich tauche?
Eine Verbandsangabe dazu gibt es nicht. Suunto nennt für seine Computer mindestens drei Stunden. Die GTÜM beschreibt den Vorgang, ohne eine Dauer zu nennen. Wer länger wartet, liegt in jedem Fall auf der sicheren Seite — die Gewebeentsättigung läuft weiter, solange man an der Oberfläche bleibt.
Hilft körperliche Akklimatisation gegen die Dekompressionskrankheit?
Nein. Die Anpassung an die dünne Luft betrifft Atmung, Blut und Kreislauf. Ob das Gewebe für den Umgebungsdruck am See zu viel Stickstoff enthält, ist eine andere Frage und hängt davon ab, wie lange man schon in dieser Höhe ist. Beides verbessert sich mit der Zeit, aber über verschiedene Wege.
Muss ich am Bergsee weniger tief oder kürzer tauchen?
Die Nullzeiten werden in der Höhe kürzer und die Aufstiegsregeln strenger, weil der Umgebungsdruck an der Oberfläche niedriger ist. Welche Werte gelten, gibt die Bergseetabelle oder das Bergseeprogramm des Tauchcomputers vor. Von eigenen Umrechnungen rät die GTÜM ausdrücklich ab.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.