Die Höhenkrankheit ist ein Bündel von Beschwerden, das bei ungenügend angepasstem Aufenthalt in großer Höhe auftritt, in der Regel ab etwa 2.500 Metern über dem Meeresspiegel. Für Taucher ist sie doppelt bedeutsam: Sie begleitet die Anfahrt zum Bergsee, und ihre ersten Zeichen gleichen denen eines Dekompressionsunfalls.
Was die Höhe im Körper auslöst
Mit der Höhe sinkt der Luftdruck, und mit ihm der Partialdruck des Sauerstoffs in der Atemluft. Die GTÜM gibt für das Bergseetauchen eine schlichte Faustzahl: „Bis 4000 m Höhe sinkt der Luftdruck um ca. 0,1 bar pro 1000 m.“ In 1000 Metern Höhe liegt der Luftdruck damit bei etwa 0,9 bar.
Der Körper antwortet darauf zunächst mit Hyperventilation. Das DocCheck Flexikon beschreibt die Folgekette: Die vermehrte Atmung führt zu einer respiratorischen Alkalose und kann dehydrieren; die Alkalose wird anfangs über die Nieren ausgeglichen, sodass der Blut-pH normal bleibt. Erst später steigen Erythropoetin, Hämoglobin, Erythrozytenmasse, Kapillardichte, Mitochondrienzahl und 2,3-Bisphosphoglycerat — die eigentliche Akklimatisation. Sie braucht Tage. Die maximale Ausdauerleistung sinkt dabei um etwa ein Prozent je 100 Höhenmeter oberhalb von 1.500 Metern. Krank wird, wer der Höhe schneller begegnet, als dieser Umbau nachkommt: Höhenbedingte Erkrankungen entstehen laut Flexikon, „wenn sich der Körper bei zu raschem Anstieg nicht akklimatisieren kann“.
Drei Formen, drei Verläufe
Die akute Höhenkrankheit (englisch acute mountain sickness, AMS) ist die mildeste Form: ein neurologisches Syndrom mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit und Schwindel, bei dem der körperliche Befund oft unauffällig bleibt. Sie beginnt meist sechs bis zwölf Stunden nach dem Aufstieg; zur Einschätzung dient der Lake-Louise-AMS-Score.
Das Höhenhirnödem (HACE) ist dieselbe Grundstörung, nur schwerer. Leitsymptom ist eine diffuse Enzephalopathie mit Ataxie und Bewusstseinsstörung, meist ohne fokal-neurologische Ausfälle; Papillenödem oder retinale Blutungen sind möglich.
Das Höhenlungenödem (HAPE) tritt unabhängig von der akuten Höhenkrankheit auf. Erste Zeichen sind eine deutliche Abnahme der Ausdauerleistung und trockener Husten, der später produktiv und blutig tingiert sein kann; dann stehen Tachypnoe und Tachykardie im Vordergrund. Es zeigt sich meist zwei bis vier Tage nach Erreichen der Höhe, selten später als fünf Tage.
Die Häufigkeiten gehen weit auseinander: Eine akute Höhenkrankheit entwickeln nach dem Flexikon geschätzt 50 Prozent der Bergsteiger, die über mindestens fünf Tage auf über 4.000 Meter aufsteigen, und etwa 84 Prozent derjenigen, die direkt auf 3.860 Meter fliegen. Für Höhenhirn- und Höhenlungenödem nennt es eine Inzidenz von 0,1 bis 4 Prozent. Bei einem neurologischen Höhenereignis gilt: Sauerstoff, soweit verfügbar, und sofortiger Abstieg.
Warum das den Taucher angeht
Am Bergsee verschiebt die Höhe die gesamte Druckrechnung. Die GTÜM bringt das anschaulich: Der an der Meeresoberfläche gewohnte Druck von einem bar herrscht in einem See auf 1000 Metern „nicht an der Wasseroberfläche, sondern in 1 m Tiefe“. Und: „In 2000 m Seehöhe müsste er bereits einen entsprechenden Dekompressionsstopp in 2 m Tiefe einhalten“ — nach einem Profil, das auf Meereshöhe ein Nullzeittauchgang gewesen wäre.
Dazu kommt die Anfahrt selbst. Wer zügig auf die Höhe fährt und gleich ins Wasser geht, bringt bereits übersättigtes Gewebe mit: „Der Gewebedruck kann sich während eines schnellen Aufstiegs nicht ausreichend an den geringeren Umgebungsdruck anpassen.“ Das verkürzt die Nullzeit oder verlängert die Dekompression. Die alten Bergseeformeln zur Umrechnung von Meerestabellen werden nach Angabe der GTÜM nicht mehr empfohlen, „da es bei der Berechnung leicht zu für den Taucher gefährlichen Rechenfehlern kommen kann“; heute arbeitet man mit Bergseetabellen oder einem Tauchcomputer mit Höhenalgorithmus. Nitrox mit geringerem Stickstoffanteil kann den Effekt teilweise ausgleichen.
Die Höhe wirkt also auf zwei Wege gleichzeitig: auf die Übersättigung des Gewebes und auf den Sauerstoffpartialdruck im Blut. Das erste ist Tauchphysiologie, das zweite Höhenmedizin — der Taucher am Bergsee hat beides.
Die Verwechslungsgefahr
Hier liegt der Grund, warum dieser Begriff ins Tauchlexikon gehört. Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ der GTÜM führt als milde Symptome eines Tauchunfalls „auffällige Müdigkeit“ und Hautjucken, unter den schweren unter anderem Schwindel, Übelkeit, Koordinations- und Gangstörungen sowie Bewusstseinsstörungen. Das Flexikon nennt für die akute Höhenkrankheit Kopfschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit und Schwindel, für das Höhenhirnödem Ataxie und Bewusstseinsstörung. Müdigkeit, Übelkeit, Schwindel und Gangunsicherheit stehen damit in beiden Krankheitsbildern.
Die Leitlinie löst das nicht diagnostisch, sondern durch eine Verfahrensregel: Neu aufgetretene Symptome nach einem Tauchgang gelten als möglicher Tauchunfall, sofern keine andere Ursache offensichtlich ist. Daraus folgt die Reihenfolge am Seeufer: sofortige Atmung von 100 Prozent Sauerstoff oder dem Atemgas mit dem höchsten verfügbaren Sauerstoffanteil, Ruhelagerung ohne Kopftieflagerung, bei ansprechbaren Tauchern 0,5 bis 1 Liter Flüssigkeit pro Stunde, und taucherärztliche Telefonberatung über den tauchmedizinischen Notruf. Milde Symptome, die nach 30 Minuten fortbestehen oder wiederkehren, werden wie schwere behandelt. Die Unterscheidung zwischen Höhe und Tauchgang trifft danach der Arzt, nicht der Tauchpartner.
Aus der Ausbildung
Als Tauchlehrer plane ich Bergseetauchgänge mit einer Übernachtung vor dem ersten Tauchgang, nicht mit der Anfahrt am Morgen — das nimmt beiden Problemen gleichzeitig die Spitze. Und ich nehme Kopfschmerz, Übelkeit oder auffällige Müdigkeit am Bergsee nie als Wetterfühligkeit hin. Wer am Vortag angereist ist, keinen Tauchgang gemacht hat und Kopfschmerzen bekommt, hat die Höhe. Wer gerade aus dem Wasser kommt, hat bis zum Gegenbeweis einen Tauchunfall.
Dieser Eintrag ist eine fachliche Einordnung und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden nach einem Tauchgang oder in der Höhe gehört die Beurteilung in ärztliche Hand.
Quellen
- DocCheck Flexikon: Höhenkrankheit — Definition, Höhenschwelle, Formen, Symptome, Zeitverläufe, Häufigkeiten, Akklimatisation. Fachlexikon, keine Leitlinie.
- GTÜM: Bergseetauchen — Luftdruckabnahme mit der Höhe, verschobene Dekompression, Anfahrt, Bergseetabellen. Die Seite behandelt die Höhenkrankheit selbst nicht.
- S2k-Leitlinie „Tauchunfall“, Kurzfassung (PDF) — milde und schwere Symptome, Erstmaßnahmen, Sauerstoffgabe, 30-Minuten-Regel, Notrufnummern.
Zur Quellenlage: Für die Höhenmedizin liegt mit dem DocCheck Flexikon ein Fachlexikon zugrunde, keine höhenmedizinische Leitlinie; die Zahlen zu Häufigkeit und Inzidenz stammen allein daraus. Eine Fundstelle, die die Abgrenzung zwischen akuter Höhenkrankheit und Dekompressionsunfall ausdrücklich für Taucher vornimmt, liegt nicht vor — die Gegenüberstellung der beiden Symptomlisten in diesem Eintrag ordnet die Angaben beider Quellen einander zu.
