Abtauchgeschwindigkeit

Taucher an einer Abstiegsleine fuehrt beim Abtauchen den Druckausgleich durch und haelt sich dabei die Nase zu.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die Abtauchgeschwindigkeit ist die Rate, mit der ein Taucher beim Abstieg Tiefe gewinnt, üblicherweise in Metern pro Minute angegeben. Anders als bei der Aufstiegsgeschwindigkeit steht dahinter keine einheitliche Verbandszahl: Begrenzt wird der Abstieg vom Druckausgleich, von der Tarierung und von der Gasaufnahme im Gewebe.

Was den Abstieg wirklich begrenzt

Für das Gerätetauchen nennt die englische Wikipedia in ihrem Artikel zum Ab- und Aufstieg keine Zahl. Sie beschreibt die Abtauchgeschwindigkeit stattdessen als das, was sie praktisch ist: so schnell, wie der Taucher den Druckausgleich schafft, oder so langsam, wie es ihm passt. Eine Obergrenze findet sich dort nur für das klassische Standardtauchgerät — die US Navy setzte für diese Gerätegattung maximal 75 Fuß pro Minute an, also knapp 22 Meter pro Minute. Beim Helmtauchen ergeben sich zusätzliche Grenzen aus dem Gasdurchsatz zum Ausgleich von Helm und Anzug und aus der Kohlendioxidansammlung bei unzureichender Ausatmung.

Beim Flaschentauchen ist der Zusammenhang schlichter. Der Druckausgleich setzt den Takt, und zwar vom ersten Meter an: Der Ausgleich im Mittelohr beginnt beim Verlassen der Oberfläche und läuft, so oft nötig, bis zur Zieltiefe durch. Im Trockentauchanzug kommt das Nachspeisen von Luft in den Anzug hinzu, damit kein Anzugsqueeze entsteht.

Das Ohr gibt den Takt vor

Warum der Druckausgleich und nicht etwa die Lust des Tauchers die Grenze zieht, beschreibt das MSD Manual knapp: Ein Mittelohrbarotrauma „tritt häufig bei Tauchern auf, wenn der Druck zwischen dem Mittelohr und der äußeren Umgebung nicht ausgeglichen wird“. Typischerweise empfindet der Taucher „Ohrdruck oder Schmerzen während des Abtauchens“; wird der Druck nicht rasch ausgeglichen, kann es „zu Mittelohrblutungen oder einer Trommelfellruptur kommen“. Dringt dann kaltes Wasser ein, kann das „zu Schwindel, Übelkeit und Orientierungslosigkeit während des Tauchens führen“ — mitten im Abstieg.

Auch das Innenohrbarotrauma ist nach derselben Quelle vor allem ein Abstiegsproblem: „Die Symptome beginnen in der Regel während des Abstiegs eines Tauchers.“ Genannt werden Tinnitus, Hörverlust, Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Vertigo, Nystagmus, Ataxie, Übelkeit und Erbrechen. Das Nebenhöhlenbarotrauma betrifft am häufigsten die Stirnhöhlen und reicht vom leichten Druck bis zu starkem Schmerz. Eine Tiefe oder Druckdifferenz, ab der es kritisch wird, nennt das MSD Manual nicht — der Maßstab ist allein, ob der Ausgleich gelingt.

Praktisch heißt das: Wer sich beim Abtauchen ausgleichen muss und es nicht schafft, geht zwei Meter höher, gleicht aus und steigt erneut ab. Die Abtauchgeschwindigkeit ist in diesem Augenblick null, und das ist richtig so. Ohrstöpsel sind dabei keine Hilfe, sondern ein Verbot: „Der Druck hinter Ohrstöpseln kann nicht ausgeglichen werden, daher sollten sie nicht zum Tauchen benutzt werden.“

Was ein schneller Abstieg für die Dekompression bedeutet

Der Abstieg ist dekompressionstechnisch nicht neutral. DAN hält in seiner Darstellung der Einflussfaktoren auf die Dekompressionskrankheit fest, dass die Inertgasaufnahme früh im Tauchgang am höchsten ist — „when inert gas uptake is typically at its highest level“. Wer in dieser Phase warm ist, nimmt mehr Gas auf; DAN vergleicht die Wirkung ausdrücklich mit einem tieferen oder längeren Tauchgang und rät, auf dem Weg nach unten eher kühl zu bleiben. Ebenso erhöht körperliche Arbeit während Abstieg und Grundphase die Gasaufnahme und damit die Dekompressionsbelastung.

Daraus folgt eine Abgrenzung, die in der Praxis gern verwischt: Ein schneller Abstieg ist dekompressionstechnisch etwas anderes als ein schneller Aufstieg. Beim Aufstieg geht es um die Übersättigung und das Entstehen von Mikroblasen, deshalb die strengen Vorgaben zur Aufstiegsgeschwindigkeit. Beim Abstieg geht es um Barotrauma und um die Höhe der Gasaufnahme. Beide Richtungen sind Grenzen, aber keine Spiegelbilder.

Wo wiederholte Abstiege den Tauchgang prägen, wird daraus ein eigenes Profilproblem: Das Sägezahnprofil und der Jo-Jo-Tauchgang beschreiben genau diesen Fall. Wer häufig neu abtaucht, lädt die schnellen Kompartimente immer wieder nach, ohne dass die Tiefe im Mittel steigt.

Aus der Ausbildung

In der Ausbildung sehe ich beim Abtauchen zwei Fehler, und beide sind Tarierfehler. Der erste ist der zu schnelle Abstieg mit vollständig entleerter Tarierweste: Der Taucher wird mit der Tiefe immer schwerer, kommt mit dem Ausgleich nicht nach und landet im Grund. Der zweite ist der Abstieg mit dem Kopf nach oben und strampelnden Flossen — dabei bleibt keine Hand für die Nase frei. Wer kopfunter oder waagerecht an einer Leine absteigt, hat beides im Griff: eine Hand an der Leine, eine an der Nase, und die Geschwindigkeit regelt der Inflator.

Quellen

Zur Quellenlage: Für die Abtauchgeschwindigkeit liegt keine deutschsprachige Verbandsfundstelle mit einer Zahl zugrunde. Die einzige Zahl stammt aus der englischen Wikipedia und gilt dort für das Standardtauchgerät der US Navy, nicht für das Flaschentauchen; sie ist aus dem imperialen Maß umgerechnet und auf den nächsten ganzen Meter abgerundet. Die Aussagen zur Gasaufnahme beim Abstieg stammen aus einer Praktiker- und Verbandsdarstellung von DAN, nicht aus der dort referierten Primärliteratur.

Gibt es eine zulässige maximale Abtauchgeschwindigkeit?
Für das Flaschentauchen nennt weder die englische Wikipedia noch das MSD Manual eine solche Zahl. Die englische Wikipedia beschreibt den Abstieg als durch den Druckausgleich begrenzt und nennt eine Obergrenze von 75 Fuß pro Minute nur für das klassische Standardtauchgerät der US Navy. Wer eine Zahl braucht, orientiert sich an der Vorgabe seines eigenen Verbands oder seines Tauchcomputers.
Ist schnelles Abtauchen gefährlicher als schnelles Auftauchen?
Es ist anders gefährlich. Der zu schnelle Aufstieg erzeugt Übersättigung und Blasen und kann zum Lungenüberdruckunfall führen. Der zu schnelle Abstieg erzeugt vor allem Barotraumata an Ohr und Nebenhöhlen und erhöht die Gasaufnahme, die nach DAN früh im Tauchgang ohnehin am höchsten ist. Lebensbedrohlich ist in der Regel der Aufstieg, schmerzhaft und tauchgangsbeendend der Abstieg.
Warum soll ich beim Abtauchen nicht zu warm sein?
DAN beschreibt, dass ein warmer Zustand die Gasaufnahme während Abstieg und Grundphase erhöht, und vergleicht die Wirkung mit einem tieferen oder längeren Tauchgang. Praktisch betrifft das vor allem beheizte Anzüge: Wer die Heizung erst im Aufstieg und auf den Stopps nutzt statt schon beim Abtauchen, dreht den Effekt zugunsten der Entsättigung.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.