Aerophagie ist das Verschlucken von Luft. An Land begleitet sie jeden Bissen und jeden Schluck, ohne dass es auffällt — der Magen gibt die Luft durch Aufstoßen wieder ab. Unter Wasser bekommt derselbe Vorgang eine andere Richtung: Was ein Taucher in der Tiefe schluckt, trägt er beim Aufstieg mit nach oben, und dort dehnt es sich aus.
Was beim Luftschlucken geschieht
Das MSD Manual führt die Aerophagie unter den gasbedingten Symptomen des Verdauungstrakts und hält fest, dass sie „in geringem Ausmaß normalerweise den Ess- und Trinkvorgang“ begleitet. Luft wird dabei bewusst oder unbewusst geschluckt. Verstärkt wird das durch vermehrten Speichelfluss, durch Kaugummikauen, durch Übelkeit, durch Angst, durch schlecht sitzenden Zahnersatz und durch den Versuch, ein Aufstoßen willentlich auszulösen.
Der weitaus größte Teil dieser Luft verlässt den Magen wieder nach oben. Nur „eine kleine Menge gelangt in den Dünndarm“, so dieselbe Quelle. Insgesamt enthält der Magen-Darm-Trakt nach dieser Darstellung weniger als 200 Milliliter Gas, und über drei Viertel der Darmgase stammen nicht aus geschluckter Luft, sondern aus bakterieller Gärung.
Warum Taucher mehr schlucken als andere
Mehrere Dinge kommen beim Tauchen zusammen. Das Mundstück zwischen den Zähnen hält den Mund offen und regt den Speichelfluss an, und jeder Schluck Speichel nimmt Luft mit. Wer schluckt, um den Druckausgleich zu unterstützen, schluckt dabei auch Gas. Kaltes, trockenes Atemgas und Seegang auf der Anfahrt tun das Ihre.
Dazu kommt die Ausrüstung. Eine Fachauskunft von DAN Europe zu anhaltenden Bauchbeschwerden nach dem Tauchen nennt eine sehr leichtgängig eingestellte zweite Stufe und einen Freiflow als mögliche Verstärker des Luftschluckens; eine etwas straffere Einstellung könne helfen. Dieselbe Auskunft führt kohlensäurehaltige Getränke vor dem Tauchgang und blähende Nahrung als weitere Quellen von Gas im Verdauungstrakt an und ordnet diese Zuordnungen ausdrücklich als Vermutungen für den geschilderten Einzelfall ein.
Die Körperlage entscheidet mit
Ein Punkt aus der medizinischen Darstellung verdient beim Tauchen besondere Beachtung. Das MSD Manual knüpft den weiteren Weg der geschluckten Luft an die Körperposition: Im Stehen liegt die Luft über der Magenflüssigkeit nahe am Mageneingang und wird leicht wieder herausgerülpst; im Liegen wandert sie oberhalb der Flüssigkeit in Richtung Zwölffingerdarm.
Ein gut getrimmter Taucher liegt waagerecht im Wasser — also in genau der Lage, in der die Quelle den Weg nach unten beschreibt. Der Weg zurück über den Mund ist unter Wasser ohnehin versperrt: Aufstoßen durch den Atemregler hindurch gelingt bestenfalls teilweise. Was einmal unten ist, bleibt bis zum Auftauchen dort.
Was beim Aufstieg daraus wird
Beim Aufstieg sinkt der Umgebungsdruck, und nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte wächst jedes eingeschlossene Gasvolumen. Die Zunahme ist in den letzten zehn Metern am größten, weil sich der Absolutdruck dort halbiert. Aus geschluckter Luft wird so das Magen-Darm-Barotrauma: Völlegefühl, Krämpfe, Aufstoßen und Abgang von Darmgas, im Regelfall ohne bleibenden Schaden.
Das ist die eine Richtung. Die andere betrifft die Tarierung: Gas im Verdauungstrakt dehnt sich beim Aufstieg aus wie jedes andere Gas und wirkt als zusätzlicher Auftrieb, der sich nicht ablassen lässt. Bei den Mengen, um die es hier geht, bleibt das klein — nennenswert wird es erst, wenn jemand wiederholt und viel schluckt.
Was dagegen hilft
- Ruhig und tief atmen. Hektische, flache Atmung mit häufigem Schlucken ist der Hauptweg, auf dem Luft in den Magen kommt.
- Den Automaten prüfen lassen. Eine zu leichtgängige zweite Stufe oder beginnender Freiflow liefert mehr Gas, als der Taucher gerade abruft.
- Druckausgleich ohne Schlucken. Wer das Frenzel-Manöver beherrscht, kommt mit weniger Schluckbewegungen aus als jemand, der sich auf Schlucken und Gähnen verlässt. Zu den Techniken siehe Druckausgleich.
- Kohlensäure und Kaugummi weglassen. Beides nennt das MSD Manual als Auslöser, und beide sind vor einem Tauchgang leicht zu vermeiden.
- Langsam aufsteigen. Je mehr Zeit der Aufstieg lässt, desto eher entweicht das Gas von selbst.
In der Ausbildung sehe ich das Luftschlucken fast nur bei Tauchern, die unter Stress stehen: Wer sich im Wasser nicht wohlfühlt, atmet anders und schluckt mehr. Die Beschwerden danach gelten dann oft dem Essen vom Vorabend, obwohl die Ursache im Wasser lag.
Hinweis: Dieser Eintrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Anhaltende Bauchschmerzen nach einem Tauchgang, blutiger Stuhl oder ein harter, gespannter Bauch gehören ärztlich abgeklärt — auch deshalb, weil sich dahinter andere Ursachen verbergen können als ausgedehntes Gas.
Quellen
- MSD Manual, Profi-Ausgabe: Gasbedingte Symptome — Definition der Aerophagie, Auslöser, Weg der geschluckten Luft, Abhängigkeit von der Körperposition, Mengenangaben zu Gas im Verdauungstrakt. Die Darstellung ist allgemeinmedizinisch und behandelt das Tauchen nicht.
- Alert Diver (DAN Europe): Abdominal pain — Fachauskunft zu anhaltenden Bauchbeschwerden nach dem Tauchen: leichtgängige zweite Stufe und Freiflow, kohlensäurehaltige Getränke, blähende Nahrung, Hernie. Einzelfallauskunft, von der Quelle selbst als Vermutung gekennzeichnet.
- MSD Manual, Profi-Ausgabe — Barotrauma-Übersicht: Gasausdehnung beim Aufstieg betrifft Lunge und Gastrointestinaltrakt.
Zum Zusammenhang mit der Körperlage: Die Aussage zur Körperposition stammt aus der allgemeinmedizinischen Quelle, die Übertragung auf die waagerechte Tauchlage ist eine Folgerung daraus und nicht in der Quelle selbst gezogen.
