Magen-Darm-Barotrauma

Taucher im langsamen Aufstieg; die ausgeatmeten Luftblasen werden auf dem Weg nach oben sichtbar größer.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Das Magen-Darm-Barotrauma ist eine Schädigung von Magen oder Darm durch Gas, das sich beim Aufstieg ausdehnt. Das MSD Manual führt es als eigene Form des Barotraumas: Wer unter Wasser Atemluft verschluckt, trägt beim Auftauchen mehr Gas im Verdauungstrakt, als dort Platz hat. Meist bleibt es bei Völlegefühl und Krämpfen.

Warum der Darm erst beim Aufstieg zum Problem wird

Die Richtung entscheidet. Nach der Übersichtsdarstellung des MSD Manual trifft die Gaskompression beim Abstieg die Ohren, die Nasennebenhöhlen, Lufteinschlüsse in Zahnfüllungen und den Raum unter der Maske — die klassischen Fälle eines Squeeze. Beim Aufstieg kehrt sich das um: Dann sinkt der Umgebungsdruck, und die Gasausdehnung kann nach derselben Quelle „die Lunge sowie den Gastrointestinaltrakt (GI-Trakt) beeinflussen“.

Dahinter steht das Gesetz von Boyle-Mariotte: Ein abgeschlossenes Gasvolumen wächst, wenn der Druck fällt — in den letzten zehn Metern am stärksten, weil sich der Absolutdruck dort halbiert. Ein Liter Gas im Darm in zwanzig Metern Tiefe ist an der Oberfläche drei Liter. Der Unterschied zum Ohr: Der Verdauungstrakt hat keine Ohrtrompete, die man willentlich öffnen kann. Er entlastet sich über Aufstoßen und Abgang von Darmgas — oder gar nicht.

Woher das Gas kommt

Das MSD Manual nennt als Ursache das versehentliche Verschlucken von Atemluft beim Tauchen. Eine Fachauskunft von DAN Europe ergänzt für einen konkreten Beschwerdefall mehrere mögliche Quellen und ordnet sie ausdrücklich als Vermutungen ein:

  • Verschluckte Atemluft aus dem Automaten. Eine Zweitstufe mit sehr geringem Atemwiderstand oder mit Freiflow kann das Luftschlucken verstärken; eine straffere Einstellung kann helfen.
  • Kohlensäurehaltige Getränke wie Limonade vor dem Tauchgang.
  • Normales Verdauungsgas aus blähenden Lebensmitteln — genannt werden Bohnen, Brokkoli, Kohl und andere Kreuzblütler.
  • Eine Hernie. Eine isolierte Darmschlinge mit Gas kann sich beim Aufstieg ausdehnen und Schmerzen oder Verletzungen verursachen. Mit einer nicht operierten Hernie soll nach dieser Auskunft nicht getaucht werden.

Dass sich Beschwerden mit dem Druck verändern und beim Aufstieg zunehmen, spricht nach derselben Auskunft besonders für eingeschlossenes Gas.

Die Beschwerden

Typisch sind nach dem MSD Manual Völlegefühl im Bauch, Krämpfe, Schmerzen, Aufstoßen und Blähungen. Diese Beschwerden klingen von selbst ab, und bei leichten Symptomen sind keine Untersuchungen erforderlich. Das unterscheidet das Magen-Darm-Barotrauma von den gefährlichen Aufstiegsverletzungen: Es führt nicht zu einer Gasembolie, wie sie beim Lungenüberdruckunfall entsteht, und es ist kein Tauchunfall im Sinn der Dekompressionsmechanismen.

Der seltene Ernstfall: die Ruptur

Eine gastrointestinale Ruptur ist nach dem MSD Manual selten. Sie zeigt sich durch starke Bauchschmerzen, Druckschmerz mit Loslassschmerz und Abwehrspannung. Bei diesem Verdacht sind umgehend eine Röntgenaufnahme des aufrechten Thorax oder eine Computertomographie zum Nachweis freier Luft nötig. Die Behandlung besteht nach derselben Quelle in einer aggressiven Volumenersatztherapie und Breitspektrumantibiotika; angezeigt ist außerdem eine sofortige chirurgische Vorstellung, wobei eine explorative Laparotomie in Betracht zu ziehen ist.

Das ist eine Darstellung für Ärzte, nicht für den Steg. Für den Taucher bedeutet sie nur eines: Starke, anhaltende Bauchschmerzen nach dem Auftauchen sind etwas anderes als Blähungen und gehören in ärztliche Hände.

Aus der Ausbildung

Als Tauchlehrer sehe ich diesen Fall selten in schwerer, aber regelmäßig in harmloser Form — und fast immer am zweiten oder dritten Tag einer Tauchwoche, wenn Essen und Trinken umgestellt sind. Drei Dinge gebe ich mit. Erstens: keine Limonade am Steg, auch nicht die alkoholfreie. Zweitens: langsam aufsteigen und das Gas gehen lassen, statt gegen den Druck anzuspannen; wer presst, macht es schlimmer. Drittens: Wer nach jedem Tauchgang dieselben Oberbauchschmerzen hat, soll das nicht wegtrainieren, sondern abklären lassen — der Automat gehört in dem Fall ebenso zur Untersuchung wie der Bauch.

Hinweis: Dieser Eintrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Starke oder anhaltende Bauchschmerzen nach einem Tauchgang gehören tauchmedizinisch abgeklärt.

Quellen

Zur Quellenlage: Eine deutschsprachige Verbands- oder Leitlinienfundstelle zum Magen-Darm-Barotrauma liegt diesem Eintrag nicht zugrunde; die Darstellung ruht auf einer medizinischen Fachdatenbank. Die DAN-Quelle ist eine Antwort auf eine Einzelanfrage und bezeichnet ihre Erklärungen selbst als Vermutungen — sie trägt hier die möglichen Gasquellen, keine gesicherte Häufigkeit. Konkrete Schwellenwerte, ab welcher Gasmenge oder welchem Druckunterschied eine Ruptur droht, nennt keine der Quellen.

Ist ein aufgeblähter Bauch nach dem Tauchgang gefährlich?
In der Regel nicht. Das MSD Manual beschreibt Völlegefühl, Krämpfe, Aufstoßen und Blähungen als Beschwerden, die von selbst abklingen, und sieht bei leichten Symptomen keinen Untersuchungsbedarf. Etwas anderes gilt bei starken Bauchschmerzen mit Druck- und Loslassschmerz und Abwehrspannung — das sind nach derselben Quelle die Zeichen der seltenen Ruptur, und sie gehören sofort in ärztliche Behandlung.
Warum tut es beim Aufstieg weh und nicht beim Abtauchen?
Weil Gas sich beim Aufstieg ausdehnt. Beim Abtauchen wird das Gas im Verdauungstrakt zusammengedrückt, was kaum auffällt; beim Auftauchen wächst es nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte wieder und braucht Platz, den es im Darm nicht hat. Das MSD Manual ordnet den Gastrointestinaltrakt deshalb der Aufstiegsphase zu, zusammen mit der Lunge.
Was kann ich vorher dagegen tun?
Die DAN-Auskunft nennt drei Ansatzpunkte: auf kohlensäurehaltige Getränke vor dem Tauchgang verzichten, blähende Lebensmittel wie Bohnen, Brokkoli und Kohl meiden und den Atemregler warten lassen, weil eine zu leicht ansprechende oder abblasende Zweitstufe das Luftschlucken fördert. Wer eine nicht operierte Hernie hat, soll nach derselben Auskunft nicht tauchen.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.