Seekrankheit

Taucher sitzt mittschiffs an der Reling eines Tauchbootes und blickt auf bewegter See zum Horizont.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Seekrankheit ist die auf dem Wasser auftretende Form der Kinetose, also der Bewegungskrankheit: Das Gehirn bekommt widersprüchliche Meldungen über die eigene Lage und antwortet mit Übelkeit. Für Taucher ist sie mehr als eine Unannehmlichkeit — sie trifft genau die Stunde vor dem Sprung ins Wasser, und die Mittel, die dagegen helfen, wirken auch auf das Nervensystem.

Woher die Übelkeit kommt

Der tauchmedizinische Dienst aqua med ordnet die Seekrankheit ausdrücklich den Kinetosen zu: Sie „gehört zu den Kinetosen, also wörtlich übersetzt ‚Bewegungskrankheit‘“ und kann „auf See, im Auto, Flugzeug oder Zug auftreten“. Die Entstehung beschreibt aqua med als Widerspruch zweier Meldungen: „Der Gleichgewichtssinn meldet: Es schwankt unter mir. Die Füße aber melden: Der Boden, auf dem ich stehe, ist fest.“ Früher oder später kapituliere das Gehirn — „und meldet zurück: Mir ist schlecht!“

Das MSD Manual beschreibt denselben Mechanismus breiter: Reisekrankheit entsteht, wenn die Gleichgewichtsorgane des Innenohrs überreizt werden oder wenn das Gehirn widersprüchliche Signale von Augen, Bogengängen und den Sensoren in Muskeln und Gelenken erhält. Das Lesen an Bord ist dort das Standardbeispiel: Der Körper bewegt sich, das Blickfeld nicht. DAN fasst es in einem Halbsatz: „a mismatch between the sensory input from the eyes and inner ears“.

Die Symptome nennen alle drei Quellen übereinstimmend: Übelkeit und Erbrechen voran, dazu Schwindel, Blässe, kalter Schweiß, Kopfschmerz und Müdigkeit. Aqua med nennt als seltene Steigerung den Kreislaufzusammenbruch.

Wen es trifft

Nach dem MSD Manual sind Frauen, Kinder zwischen etwa zwei und zwölf Jahren, Menschen mit Migräneneigung, Schwangere und Anwenderinnen hormoneller Verhütungsmittel anfälliger. Angst, schlechte Luft und eine erbliche Komponente spielen mit. Ein erstmaliges Auftreten nach dem fünfzigsten Lebensjahr ist selten.

Was ohne Medikamente hilft

Die Empfehlungen von aqua med sind praktisch und decken sich weitgehend mit denen des MSD Manual:

  • vor der Bootsfahrt nicht zu viel essen oder trinken — ein zu voller Magen fördert die Übelkeit;
  • Kaffee und Alkohol meiden, beide können die Übelkeit verschlimmern;
  • sich „möglichst mittschiffs und nicht unter Deck“ aufhalten und den Horizont beobachten;
  • „keinesfalls die Kabinenwand anstarren, lesen oder das Tauchequipment zusammenbauen“;
  • unmittelbar vor dem Tauchen ausreichend trinken, möglichst Wasser.

Der letzte Punkt hat einen zweiten Grund, der mit der Übelkeit nichts zu tun hat: Reichliche Flüssigkeitsaufnahme vermindert nach aqua med das Risiko einer Dekompressionserkrankung erheblich — und zwar auch dann, wenn die Seekrankheit nach dem Tauchgang zurückkommt und Übelkeit und Erbrechen erst dann einsetzen. Wer aus Sorge vor dem Erbrechen gar nichts trinkt, tauscht ein Problem gegen ein größeres; was Dehydratation für die Entsättigung bedeutet, steht in einem eigenen Eintrag.

An körperlichen Maßnahmen nennt aqua med die Akupressurpunkte „Nei Guan“ und „He Gu“ sowie die „Sea Bands“ — elastische Armbänder mit einem erhabenen Plastikknopf, der den Nei-Guan-Punkt stimuliert. Das MSD Manual führt dieselben Bänder und Ingwer in Mengen unter einem Gramm auf, hält aber fest, dass die wissenschaftliche Grundlage für die meisten dieser Mittel fehlt. Aqua med formuliert es ähnlich: Die Wirkung vieler naturheilkundlicher Mittel sei „durch Studien nicht zureichend belegt“ — die dort genannten verträgen sich aber gut mit dem Tauchen.

Die Tiefe als Therapie — mit einer Bedingung

Für Taucher gibt es einen Trost, den aqua med ausdrücklich nennt: „Erfahrungsgemäß tritt bei normalem Wellengang ab 3 bis 5 Metern Tiefe auch keine Übelkeit mehr auf.“ Unter der Oberfläche hört das Schwanken auf. Die Bedingung steht im selben Punkt: „Nur ins Wasser gehen, wenn keine Übelkeit besteht.“

Warum diese Bedingung so eng gefasst ist, macht DAN deutlich: „Vomiting underwater can be a real problem if divers foul their regulator’s second stage or inhale water.“ Erbrechen unter Wasser verschmutzt die zweite Stufe oder führt zum Einatmen von Wasser; DAN nennt daneben Husten und Würgen. Taucher, die ernsthaft betroffen sind, sollen nach DAN den Tauchgang nicht beginnen, bis die Beschwerden nachlassen.

Medikamente: hier gehen die Quellen auseinander

Aqua med ist eindeutig: „Leider gibt es bis heute kein Medikament gegen Kinetosen, welches sich ausnahmslos gut mit dem Tauchen verträgt.“ Alle Mittel hätten Nebenwirkungen auf das zentrale Nervensystem — Müdigkeit, Reaktionsverlangsamung, Seh- und Koordinationsstörungen, Schwindel. Mit Einschränkungen empfehlenswert seien aus der Gruppe der Antihistaminika Cinnarizin und Dimenhydrinat; auch sie könnten Kognition und Aufmerksamkeit so weit herabsetzen, „dass die Sicherheit eines Tauchganges beeinträchtigt werden kann“. Die Verträglichkeit solle vorher unabhängig vom Tauchen erprobt und das Mittel fünf bis zwölf Stunden vor der Bootstour eingenommen werden. Das Fazit des Dienstes lautet: „Beim Tauchen besser auf Medikamente verzichten!“

DAN setzt den Schwerpunkt anders und nennt das Scopolamin-Pflaster das bevorzugte Mittel, mit dem Hinweis, die US-Marine habe bei Tauchern minimale Nebenwirkungen beobachtet. Dazu gehören bei DAN klare Regeln: nie mehr als ein Pflaster gleichzeitig tragen, die Verträglichkeit mindestens vierundzwanzig Stunden vor der Reise ausprobieren, keinen Alkohol dazu. DAN nennt auch zwei tauchspezifische Fallen: Verschwommenes Sehen oder eine erweiterte Pupille können eine unnötige Evakuierung oder Kammerbehandlung auslösen, und Entzugserscheinungen nach einem zu lange getragenen Pflaster können einer Dekompressionskrankheit ähneln. Wer ein Pflaster getragen hat, sollte das beim Verdacht auf einen Tauchunfall von sich aus sagen.

Die beiden Empfehlungen decken sich nicht, und keine der Quellen räumt die andere aus. Das MSD Manual führt Scopolamin, Cyclizin, Dimenhydrinat, Diphenhydramin, Meclizin und Promethazin als vorbeugende Wirkstoffe auf und warnt vor der Schläfrigkeit, die sie alle erzeugen können — ohne auf das Tauchen einzugehen.

Gewöhnung

Beide tauchnahen Quellen halten fest, dass sich die Reaktion auf Bewegungsreize trainieren lässt. Aqua med: „Wenn Menschen lange genug auf See sind, gewöhnen sich fast alle an das Schaukeln, einige früher – andere später.“ Das MSD Manual schränkt ein, dass diese Gewöhnung reizspezifisch ist: Sie gilt für die Bewegung, an die sich jemand gewöhnt hat, nicht allgemein.

Als Tauchlehrer

In der Ausbildung sehe ich die Seekrankheit vor allem als Planungsfrage. Wer auf der Ausfahrt zur ersten Tauchstelle unter Deck seine Ausrüstung zusammenbaut, gibt die drei wirksamsten Maßnahmen gleichzeitig auf: Blick zum Horizont, frische Luft, Platz mittschiffs. Ausrüstung wird am Steg zusammengebaut, nicht in der Kabine. Und wer schon blass um die Nase ist, geht nicht ins Wasser, sondern an die Reling — die Tauchtauglichkeit eines Tages entscheidet sich nicht nur beim Arzt.

Hinweis: Dieser Eintrag ersetzt keine tauchmedizinische Beratung. Über Medikamente im Zusammenhang mit dem Tauchen entscheidet ein tauchmedizinisch erfahrener Arzt.

Quellen

Zur Quellenlage: Die beiden tauchbezogenen Quellen bewerten die Medikamentenfrage unterschiedlich — aqua med rät vom Medikament ab, DAN bevorzugt das Scopolamin-Pflaster. Beide Positionen stehen oben nebeneinander. Die Angabe „ab 3 bis 5 Metern“ ist eine ausdrücklich als Erfahrungswert bezeichnete Angabe des tauchmedizinischen Dienstes, keine Studienaussage. Von den Ausbildungsverbänden ist keiner herangezogen.

Darf ich mit Seekrankheit ins Wasser gehen?
Aqua med formuliert die Bedingung knapp: „Nur ins Wasser gehen, wenn keine Übelkeit besteht.“ DAN rät Tauchern, die ernsthaft betroffen sind, den Tauchgang zu verschieben, bis die Beschwerden nachlassen. Der Grund ist das Erbrechen unter Wasser: Es kann nach DAN die zweite Stufe verschmutzen oder zum Einatmen von Wasser führen.
Welches Mittel gegen Seekrankheit verträgt sich mit dem Tauchen?
Darauf geben die Quellen keine einheitliche Antwort. Aqua med hält fest, es gebe kein Mittel, das sich ausnahmslos gut mit dem Tauchen vertrage, nennt Cinnarizin und Dimenhydrinat als eingeschränkt empfehlenswert und rät im Ergebnis zum Verzicht. DAN bevorzugt das Scopolamin-Pflaster, weil die US-Marine bei Tauchern minimale Nebenwirkungen beobachtet habe. Gemeinsam ist beiden: vorher außerhalb des Tauchens ausprobieren.
Was mache ich, wenn mir unter Wasser schlecht wird?
DAN beschreibt, dass sich der Atemregler zum Erbrechen kurz aus dem Mund nehmen lässt, dies aber große Sorgfalt verlangt, und nennt als Gefahren das Verschmutzen der zweiten Stufe sowie das Einatmen von Wasser. Das ist eine Notlösung; die eigentliche Maßnahme liegt davor — nicht mit Übelkeit abtauchen.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.