Rock Bottom

Zwei Taucher steigen ruhig an einer Aufstiegsleine auf, einer atmet aus dem zweiten Automaten des anderen.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Rock Bottom ist der Flaschendruck, bei dem ein Taucher den Aufstieg spätestens beginnen muss, damit das verbleibende Gas vom tiefsten Punkt aus noch für zwei Taucher bis zur Oberfläche reicht. Der Wert wird für jeden Tauchgang gerechnet, nicht pauschal festgelegt. Gebräuchlich sind dafür auch die Bezeichnungen Minimum Gas und Umkehrdruck.

Was der Begriff bezeichnet

Tim Blömeke, TDI Instructor Trainer und leitender Redakteur von Alert Diver, setzt die drei Wörter in seinem Beitrag zur Gasreserveplanung ausdrücklich gleich: „This total is known as Rock Bottom, Minimum Gas, or Turn Pressure, again depending on who you talk to.“ Gemeint ist in allen drei Fällen derselbe Zahlenwert — in der deutschen Fassung „den Flaschendruck, bei dessen Erreichen es Zeit wird, mit dem Aufstieg zu beginnen“.

Der Unterschied zur festen Zahl liegt in der Herkunft des Werts. Eine pauschale Reserve wird nach der enzyklopädischen Darstellung der Gasplanung festgelegt „regardless of the depth, size of cylinder, or breathing rate expected“; sie stammt historisch aus dem mechanischen Reserveventil. Dieselbe Darstellung hält fest, dass eine solche Zahl „may occasionally be insufficiently conservative, but is more often unnecessarily conservative“. Rock Bottom ersetzt die Zahl durch eine Rechnung.

Woraus sich der Wert zusammensetzt

Gerechnet wird der schlechteste denkbare Augenblick des Tauchgangs: tiefster Punkt, größte Entfernung vom Ausstieg, ein Partner ohne Gas. Von dort wird der Aufstieg Schritt für Schritt durchgegangen — Problemlösung am Grund, Aufstieg mit der geplanten Geschwindigkeit, Sicherheitsstopp, gegebenenfalls Rückweg zum Einstieg — und für jeden Schritt die Gasmenge veranschlagt. Die enzyklopädische Darstellung beschreibt die Rechnung als die übliche Mehrabschnittsrechnung „except that two divers are involved, doubling the effective RMV“.

Zwei Zuschläge gehören fest hinein. Der erste ist der Stress: „Under stress it is likely that a diver will increase breathing rate and decrease swimming speed“, und beides erhöht den Verbrauch. Als Zahl für den Notfall nennt dieselbe Darstellung die Empfehlung der IMCA von 40 Litern je Minute — gegenüber 35 Litern für den arbeitenden Berufstaucher. Blömeke rechnet seine Beispiele dagegen mit einem Atemminutenvolumen von 15 Litern je Minute und legt den Zuschlag erst am Ende auf die Summe. Der zweite ist die Dekompression: Ein Taucher ohne Gas kann die Stopps nicht halten — „A diver without gas cannot do the stops and risks decompression sickness.“

Zwei Beispiele und was sie zeigen

Blömekes erstes Beispiel ist ein Bootstauchgang auf 30 Meter in der Nullzeit: Der reine Bedarf summiert sich auf 552 Liter, was in einer Elf-Liter-Flasche rund 50 bar entspricht. Das ist der absolute Mindestwert. Weil die Reserve nie auf null laufen darf, der Verbrauch unter Stress steigt und der Aufstieg langsamer ausfallen kann als geplant, empfiehlt er einen Aufschlag von 50 bis 100 Prozent — der Umkehrdruck liegt dann bei 80 oder 100 bar.

Das zweite Beispiel ist ein Strandtauchgang zu einem Wrack auf 25 Metern, bei dem der Rückweg unter Wasser zurückgelegt wird. Hier liegt der Mindestbedarf bei „etwas mehr als 90 bar“ derselben Flasche; mit 50 Prozent Aufschlag werden daraus etwa 140 bar, mit 100 Prozent etwa 180. Bei 180 bar, hält Blömeke fest, ließe sich der Plan mit einer einzigen Flasche nicht mehr durchführen. Genau das ist der Erkenntniswert der Rechnung: Sie sagt nicht nur, wann umzukehren ist, sondern auch, dass dieser Tauchgang eine andere Ausrüstung verlangt.

Und sie erklärt, warum die verbreitete Faustregel von 50 bar Restdruck nicht allgemein trägt. Sie passt zum ersten Beispiel und liegt beim zweiten um fast hundert bar daneben. Blömeke nennt sie eine überlieferte Faustregel, die nur für eine kleine Teilmenge möglicher Tauchgänge ausreicht.

Gerundet wird nach oben

Rock Bottom ist eine Untergrenze — die Menge, die mindestens übrig bleiben muss. Untergrenzen werden aufgerundet, nicht kaufmännisch gerundet: Wer 93,4 bar errechnet und 93 einträgt, hat seine Reserve angeknabbert, bevor der Tauchgang begonnen hat. Dieselbe Richtung gilt für das Atemminutenvolumen, das in die Rechnung eingeht, und für die Zeit, die für die Problemlösung am Grund veranschlagt wird.

Abgrenzung zur Drittelregel

Beide Verfahren beantworten dieselbe Frage, aber von verschiedenen Seiten. Die Drittelregel teilt den vorhandenen Vorrat auf und rechnet vom Flascheninhalt her; sie ist im Kopf zu rechnen und für Tauchgänge gedacht, bei denen der Rückweg dieselbe Strecke ist. Rock Bottom rechnet vom Bedarf her: Wie viel Gas braucht der Notfall tatsächlich? Die enzyklopädische Darstellung ordnet die Drittelregel entsprechend ein — sie gelte „generally only applies to diving in overhead environments, such as caves and wrecks“. Im Freiwasser, wo der Aufstieg jederzeit offensteht, ist Rock Bottom das passendere Verfahren; im Overhead stehen beide nebeneinander, und das größere der beiden Ergebnisse gilt.

Aus der Ausbildung

Als Tauchlehrer lasse ich den Wert einmal im Trockenen rechnen, bevor er unter Wasser gebraucht wird — mit der eigenen SAC-Rate, nicht mit einer Lehrbuchzahl. Was dabei regelmäßig auffällt: Die Rechnung endet fast nie bei 50 bar. Der zweite Punkt ist die Verwechslung von Reserve und Umkehrdruck. Rock Bottom ist die Menge, die am tiefsten Punkt noch dasein muss; wer von dort aus noch einen Rückweg hat, braucht zusätzlich das Gas für diesen Rückweg. Beides zusammen ergibt erst den Druck, bei dem umgedreht wird — und beides gehört vor dem Einstieg auf die Schreibtafel, nicht unter Wasser in den Kopf.

Quellen

  • Tim Blömeke, Scuba Diver Magazine / Divernet: Mastering gas planning in diving und dieselbe Darstellung auf Deutsch bei Alert Diver (DAN Europe) — die Gleichsetzung der drei Begriffe, die Definition als Aufstiegsbeginn, die 50-bar-Faustregel, der AMV von 15 l/min, die beiden Rechenbeispiele mit 552 Litern / rund 50 bar und „etwas mehr als 90 bar“ sowie die Aufschläge von 50 und 100 Prozent.
  • Wikipedia: Scuba gas planning — die Einordnung der pauschalen Reserve und ihre Herkunft aus dem Reserveventil, die Verdopplung des effektiven AMV für zwei Taucher, die Wirkung von Stress, die IMCA-Werte von 40 und 35 Litern je Minute, der Satz zu den ausfallenden Stopps und die Zuordnung der Drittelregel zum Overhead-Tauchen.
  • Zur Quellenlage: Die beiden erstgenannten Fundstellen sind zwei Veröffentlichungen desselben Autors und zählen sachlich als eine. Eine Norm oder ein verbandsübergreifender Standard, der Rock Bottom definiert oder ein Rechenverfahren vorschreibt, liegt dieser Darstellung nicht zugrunde; die Zahlenbeispiele sind Beispiele ihres Urhebers und keine Vorgaben. Die enzyklopädische Darstellung ist ein Wiki und gegenzuprüfen; die IMCA-Werte stammen aus dem Berufstauchen, nicht aus dem Sporttauchen.
Ist Rock Bottom dasselbe wie der Umkehrdruck?
Im Sprachgebrauch wird beides gleichgesetzt — Blömeke nennt Rock Bottom, Minimum Gas und Turn Pressure ausdrücklich als Namen für denselben Wert. Sauber getrennt ist Rock Bottom die Menge, die am tiefsten Punkt noch vorhanden sein muss. Liegt zwischen diesem Punkt und dem Ausstieg noch ein Rückweg, kommt dessen Verbrauch hinzu, bevor sich der Druck ergibt, bei dem tatsächlich umgedreht wird.
Reichen 50 bar Restdruck nicht?
Manchmal ja, oft nicht. In Blömekes erstem Beispiel — Bootstauchgang auf 30 Meter — ergibt die Rechnung 552 Liter und damit rund 50 bar als absoluten Mindestwert, vor jedem Zuschlag. Im zweiten Beispiel, einem Strandtauchgang mit Rückweg unter Wasser, liegt der Mindestwert bei etwas mehr als 90 bar. Die feste Zahl kennt weder Tiefe noch Flaschengröße noch Verbrauch.
Mit welchem Atemminutenvolumen wird gerechnet?
Mit dem eigenen, gemessenen — und für den Notfall mit einem erhöhten. Die enzyklopädische Darstellung der Gasplanung hält fest, dass der Verbrauch unter Stress steigt, und nennt für Notfälle die IMCA-Empfehlung von 40 Litern je Minute. Blömeke rechnet seine Beispiele mit 15 Litern je Minute und legt den Sicherheitszuschlag von 50 bis 100 Prozent stattdessen auf die Summe.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.