Die Zwölftelregel ist eine Faustregel, mit der sich der Wasserstand zu jeder Stunde zwischen Hoch- und Niedrigwasser abschätzen lässt: Der Tidenhub wird in zwölf Teile zerlegt, die sich in sechs Stunden im Verhältnis 1 : 2 : 3 : 3 : 2 : 1 auf die Stunden verteilen. Sie liefert eine Tiefe, keine Strömung.
Wie gerechnet wird
Die Ausbildungsunterlage des British Sub-Aqua Club zur Kartenarbeit setzt sie in drei Schritten an: „The amount of water above chart datum can be estimated at any point in the tidal cycle using the Rule of Twelfths.“ Zuerst der Tidenhub — die Differenz zwischen dem Wasserstand bei Hochwasser und dem bei Niedrigwasser, im Beispiel der Unterlage 4,4 minus 2,0 gleich 2,4 Meter. Dann ein Zwölftel davon: 2,4 geteilt durch 12 gleich 0,2 Meter. Dann die Stunden.
In der ersten Stunde steigt das Wasser um ein Zwölftel, im Beispiel um 0,2 Meter. In der zweiten um zwei Zwölftel, also 0,4 Meter. In der dritten um drei Zwölftel, also 0,6 Meter. Nach drei Stunden sind damit sechs Zwölftel eingelaufen — die Hälfte des Hubs, im Beispiel 1,2 Meter. Die zweite Hälfte der Tide spiegelt die erste: vierte Stunde wieder drei Zwölftel, fünfte zwei, sechste eines. Beim Fallen läuft dieselbe Folge rückwärts. Wer sie im Kopf behalten will, merkt sich die Zahlenreihe und nicht die Meter.
Warum gerade diese Folge
Die Reihe 1 : 2 : 3 : 3 : 2 : 1 ist keine Beobachtung, sondern eine Näherung. Die Tide steigt und fällt annähernd wie eine Sinuskurve, flach an den Scheiteln und am steilsten in der Mitte; die sechs Zwölftelschritte legen eine Treppe über diese Kurve. Die enzyklopädische Darstellung der Regel rechnet beides gegeneinander: Für die erste Stunde liefert der Sinus einen Zuwachs von 0,06699 des Hubs, die Regel setzt 0,08333 an — die Regel überschätzt hier also. In den mittleren Stunden stimmen beide mit 0,25 überein. Die Summe der sechs Schritte ergibt zwölf Zwölftel, „giving a total change of 12/12“.
Wo sie nicht trägt
Dieselbe Darstellung nennt die Voraussetzungen ebenso deutlich wie die Grenzen. Vorausgesetzt ist ein halbtägiger Tidenrhythmus mit zwei Hoch- und zwei Niedrigwassern am Tag und mit rund sechs Stunden zwischen den Scheiteln; wo es nur ein Hoch- und ein Niedrigwasser je Tag gibt, werden die Schritte auf zwei Stunden gedehnt. Und sie nennt den Ausschlussfall: „If the tidal curve does not approximate to a sine wave then the rule cannot be used.“ Als Beispiele führt sie Orte mit doppeltem Hochwasser an — Poole Harbour und den Solent — sowie Weymouth Bay mit doppeltem Niedrigwasser.
Hinzu kommt, dass die angenommenen sechs Stunden selbst schwanken; die Darstellung bezeichnet die Annahme als zu niedrig gegriffen. Safe Skipper fasst die praktische Folge zusammen: Die örtliche Geographie könne das Muster erheblich verändern, der Solent sei genau dafür das Beispiel, und die Regel bleibe ein grober Anhalt. Für die Navigation verweist die enzyklopädische Darstellung ausdrücklich auf die amtlichen Gezeitentafeln und mahnt „great caution“ an.
Der Punkt, auf den es beim Tauchen ankommt
Die Zwölftelregel beantwortet die Frage, wie viel Wasser über dem Grund steht — ob der Einstieg über die Slipanlage noch nass ist, ob das Wrack in erreichbarer Tiefe liegt, ob der Ausstieg über die Leiter in zwei Stunden noch funktioniert. Sie beantwortet nicht, wann der Gezeitenstrom steht. Das sind zwei verschiedene Größen, und sie fallen nicht zusammen: Der Kenterpunkt ist ein Ereignis der Strömung und liegt gegenüber den Scheiteln der Tidekurve örtlich verschieden versetzt. Wer aus einer Zwölftelrechnung auf das Stauwasser schließt, rechnet die falsche Größe.
Die BSAC-Unterlage trennt beides sauber und behandelt die Stromdaten an anderer Stelle: über die Gezeitenrauten der Seekarte, aus deren Tabelle Richtung und Stärke stundenweise vor und nach Hochwasser hervorgehen. Für den Zeitplan gilt dort der Satz: „Where slack water is needed record the times of this to feed forwards into planning the timeline.“ Die Zwölftelregel steht daneben, nicht darin.
Aus der Ausbildung
Als Tauchlehrer nutze ich die Regel an Tidenplätzen für genau zwei Entscheidungen: Wie tief ist der Einstieg zur geplanten Uhrzeit, und wie weit ist der Weg vom Wasser zum Fahrzeug, wenn wir eine Stunde später als geplant herauskommen. Beides sind Fragen des Wasserstands. Alles, was mit dem Strom zu tun hat, gehört in die Tauchgangsplanung über die Gezeitenraute. Der häufigste Fehler ist nicht die Rechnung, sondern die Verwechslung: Ein Team, das zur Hochwasserzeit einsteigt, weil dort „am meisten Wasser“ steht, taucht an vielen Plätzen mitten im laufenden Strom.
Quellen
- British Sub-Aqua Club: Chartwork and Site Selection (PDF) — der Satz zur Schätzung über chart datum, der Rechenweg über Tidenhub und ein Zwölftel, das Zahlenbeispiel 4,4 / 2,0 / 2,4 / 0,2 Meter, die Gezeitenrauten und der Stauwasser-Satz für den Zeitplan.
- Wikipedia: Rule of twelfths — die Folge 1:2:3:3:2:1, der Vergleich mit der Sinuskurve einschließlich der Werte 0,06699 und 0,08333, die Voraussetzungen, der Ausschlussfall und die Beispiele Poole Harbour, Solent und Weymouth Bay.
- Safe Skipper: Tidal heights and the rule of twelfths — die Stundenaufteilung in nautischer Praxisdarstellung und der Hinweis auf die örtliche Geographie. Praktikerquelle.
- Zur Quellenlage: Die BSAC-Unterlage ist Ausbildungsmaterial für die Schnorchelausbildung und führt nur die ersten drei Stunden vor; Einschränkungen der Regel nennt sie nicht. Die Grenzen stammen deshalb aus der enzyklopädischen Darstellung und aus Safe Skipper. Eine Gerätetauch-Verbandsfundstelle, die die Zwölftelregel für Taucher einführt, liegt dieser Darstellung nicht zugrunde — der Begriff ist nautisch, nicht tauchsportlich.
